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Oftmals nur die dritte Garnitur?

Westdeutsche Führungskräfte beim »Aufbau Ost«

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Der die Idee hatte, ist selbst ein »Wessi«: Friedrich Thießen, geboren in Bonn, habilitiert an der Universität Frankfurt am Main und nunmehr Wirtschaftsprofessor an der TU Chemnitz. Er befragte bzw. ließ Westdeutsche befragen, die Anfang der 90er Jahre dem Ruf oder der Weisung gefolgt waren, in die DDR bzw. neuen Bundesländer zu gehen, um das bundesrepublikanische Wirtschafts- und Rechtssystem einzuführen. 33 Experten, die zwischen 1990 und 1995 am »Aufbau Ost« teilgenommen haben, erinnern sich, wie es damals war. Doch halt: nicht alle sind Wessis gewesen. »Um das Wirken der Westdeutschen möglichst umfangreich abzubilden und den Grad an … Problemsicht möglichst zu erhöhen« kommen auch zwölf »Ossis« zu Wort. Sie berichten über ihre Erlebnisse mit den »Wessis«, die ihre Vorgesetzten wurden oder den Ämtern vorstanden, an die sie sich zu wenden hatten, wenn sie beruflich oder wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen wollten.

Den Interviewten, die überwiegend in Chemnitz bzw. in Sachsen tätig gewesen sind, wurden neun Themenfelder vorgegeben, zu denen sie sich nach Möglichkeit äußern sollten. So sollten sie die Frage nach den größten unerwarteten Schwierigkeiten beantworten und sich dazu äußern, ob die allgemeine Entwicklung in Ostdeutschland ihren Erwartungen entsprochen hat. Gefragt wurde auch, was man hätte anders machen sollen. Erreicht wurde auf diese Weise, dass die Befragten sich nicht in Einzelheiten verlieren konnten und eine gewisse Vergleichbarkeit gewährleistet ist. In der Kommentierung der Antworten hält sich der Herausgeber aber zurück.

Die Einschätzungen der Situation vor, während und in den ersten Jahren nach dem Anschluss der DDR an die BRD bzw. die Wertung der von westdeutschen Leihbeamten angebotenen Problemlösungen weichen manchmal stark voneinander ab, sind zum Teil gegensätzlich. Auch die Frage nach den Fähigkeiten und der Einsatzbereitschaft der Westdeutschen wird sehr unterschiedlich geantwortet. Marion Krieger, in der DDR als Ingenieurökonomin ausgebildet und nach 1990 in der Treuhandanstalt sowie als Steuerberaterin tätig, empört sich über jene, die behaupten, aus Westdeutschland wäre nur der »vierte Aufguss« gekommen. »Viele Frauen und Männer, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen, haben viel geleistet und mussten Entbehrungen auf sich nehmen.« Sieghilde Polzer, ebenfalls eine Ostdeutsche und nach 1990 in der Stadtverwaltung von Chemnitz tätig, meint hingegen, »dass die westdeutschen Vorgesetzen oftmals die ›dritte Garnitur‹ waren und hier noch eine verspätete Karriere um jeden Preis versuchten.« Beide können ihre Einschätzung mit persönlichen Erfahrungen belegen.

Eine allgemeingültige Antwort darauf, wie sich diese oder jene Seite des »Aufbaus Ost« vollzog, kann der Leser aus den Zeitzeugenbefragungen also nicht entnehmen. Immer wieder steht Aussage gegen Aussage. Einerseits werden die »Wessis« als gnadenlose Exekutoren westdeutscher Standards beschrieben, andererseits gelobt für ihr Bemühen, spezifische Lösungen zu finden. Sie werden als verständnisvoll und einfühlsam oder als arrogant und überheblich charakterisiert. Die Ostdeutschen erscheinen als anpassungsfähig und veränderungswillig wie auch als ängstlich und passiv. Je nach persönlich Erlebtem. Die Antworten sind alles andere als eindimensional. Es ist die Vielfalt der Meinungen, die die Lektüre dieses Buches so interessant macht. Der Band unterscheidet sich damit wohltuend von manch anderer Publikation, die den Ereignissen von vor 20 Jahren gewidmet ist. Die Variabilität der Problemsicht ist vom Herausgeber gewollt. Ihm ging es darum »das Wirken der westdeutschen Fachkräfte festzuhalten« und nicht, deren Tätigkeit abschließend zu bewerten. Und da in den meisten Analysen der Wendezeiten, »die aus einer makroökonomischen Perspektive geschrieben werden«, die »Wessis« nicht vorkommen, wollte Thießen nun den Einsatz der Menschen wieder ins Gedächtnis der Nation zurückrufen.

Was die Zeitzeugenberichte – teils mit erschreckender Anschaulichkeit – liefern, ist das Bild des Plattmachens der DDR-Strukturen und der unbeirrten Einführung westdeutscher Muster und Regeln. Das geschah selbst dort, wo die DDR eindeutig besser war, wie z.B. im Sport. Was die Berichte nicht liefern können, ist die Darstellung der Rahmenbedingungen, unter denen sich die Aktivitäten dieser Zeitzeugen vollzogen. Denn diese hatten zuvor einige wenige Personen in Bonn abgesteckt, als sie sich bereits im Februar1990 dafür entschieden hatten, auf einen allmählichen schrittweisen Angleichungsprozess beider deutschen Staaten zu verzichten. Sie – allen voran Bundeskanzler Helmut Kohl – stellten die Währungsunion, die am 1. Juli 1990 auch das bundesdeutsche Wirtschaftssystem bis in seine eigentumsrechtlichen und steuerrechtlichen Details in der DDR einführte, an den Anfang des Vereinigungsprozesses. Entgegen dem ausdrücklichen Rat auch westdeutscher Ökonomen. Und mit den von diesen Wirtschaftswissenschaftlern vorausgesagten katastrophalen Folgen. Es ist gut, dass Thießen in seinem äußerst einfühlsamen, einen generellen Überblick liefernden einführenden Beitrag auch darauf hinweist.

Die Tatsache, dass vieles bereits entschieden war, als die Westdeutschen sich an die Schreibtische ihrer ostdeutschen Vorgänger setzten, relativiert natürlich auch die Antworten, die die Befragten darauf geben, ob sich ihre Anstrengungen von damals gelohnt hätten. Sie alle, ob sie mit Engagement dabei waren oder nur des Karrieresprungs wegen, konnten die mit dem ersten und zweiten Staatsvertrag zur wirtschaftlichen und administrativen Vereinigung verbundenen Weichenstellungen nicht mehr ändern. Sie konnten bestenfalls die Folgen der von einer kleinen Clique von Politikern getroffenen Grundsatzentscheidungen mildern oder verschlimmern.

Friedrich Thießen (Hg.): Die Wessis. Westdeutsche Führungskräfte beim Aufbau Ost. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2009. 349 S., br., 29,90 €. ND-Foto: Oertel

Rosa - Dietz-Verlag

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