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Sommerfrische nahe beim Rathaus

Rainer Schulze – Buchhändler, Sänger, Kabarettist, Politiker und Wernigeröder Urgestein

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Er ist Kabarettist, aber kein Spaßvogel. Doch fragt man Rainer Schulze, warum er etwas tut, dann antwortet er oft: »Aus Spaß. Es muss mir und anderen Menschen Vergnügen bereiten.« Manchmal denkt man, der Mann arbeitet gar nicht, sondern pflegt intensiv seine Vorlieben, ob für Bücher oder das Kabarett. Zum 60. Geburtstag hat er sich ein Glockenspiel geschenkt. Das erstreckt sich über zwei Fachwerk-Etagen. »Wer schenkt einem so was sonst?«, fragt er. »Die Gedanken sind frei«, hört man, und Schulze meint, das hätten manche zu DDR-Zeiten nicht so arg witzig gefunden. 1000 Melodien könne das Glockenspiel intonieren, einen Bruchteil davon hört man auf der Einkaufsstraße von Wernigerode, wo Schulze seinen berühmten Buchladen »Jüttners Buchhandlung« betreibt. Nachdenklich fügt er hinzu, dass in der Stadt viel Historisches zu finden sei. Doch von neuen Sehenswürdigkeiten dürften es mehr sein.

Rainer Schulze hat es mit den Tönen. Klavier begann er mit acht Jahren zu spielen. Bis 1980 wirkte er im Rundfunk-Jugendchor mit, zu deren Sängern er in der Schulzeit gehörte. Bald fragten ihn fünf junge Frauen, ob er in ihrem heiteren Rezitationsprogramm nicht ein paar Gedichte aufsagen und sie am Klavier begleiten könnte. Dreimal in der Woche Urlauberbetreuung zwischen Elend, Schierke und Ilsenburg mit Wilhelm Busch und Grigori Kossonossow, dem Wächter der Fliegerschule, das habe ungemein geschult. Schulze sang Georg Kreisler nach, bevor es dessen LP in der DDR gab. Als er bei den DDR-Chanson-Tagen in Frankfurt (Oder) den Preis der Schallplatte gewann, durfte er seine erste Platte bei LITERA in 20 000er Auflage produzieren. Auf deren Cover sagt Schulze: »Kreisler ist für mich in seiner Dreieinigkeit Autor – Komponist – Interpret ein großer Lehrmeister.« Und als ihn sein Kabarett-Freund Wolfgang Schaller fragt: »Warum fuhrst du da nicht lieber zu Kreisler?«, meint Schulze hintersinnig: »Ich spreche nicht Österreichisch. Und mit Schaller verbindet mich die F 6. Auf ihr gelangte ich trotz der mit der Republik wachsenden Schlaglöcher von Wernigerode nach Dresden.« Aus der Fernsehaufzeichnung von den Chanson-Tagen hatte man ihn damals aber herausgeschnitten. Satire wurde ausgeklammert. Doch einen großen Filmerfolg landete er 1987. Zum 111-jährigen Jubiläum der Buchhandlung drehte Gitta Nickel vom DEFA-Dokumentarfilm-Studio Potsdam einen Film. Eine riesige Zuschauerzahl war garantiert: Er lief in allen Kinos als Vorfilm zu Loriots »Ödipussi«.

Mit Wolfgang Schaller und Wolfgang Stumph von der Dresdner »Herkuleskeule« machte Schulze zehn Jahre Programme, 1985 lud der Bayerische Rundfunk ihn und eine Truppe bekannter DDR-Chanson-Sänger nach Nürnberg ein. Seither erlaubte ihm das Dauervisum zu reisen, wohin er eingeladen war. Er reist mit seinen Programmen noch heute. »Er ist mal wieder in der Keule«, heißt es gelegentlich, wenn man nach ihm fragt. Wenigstens in der Telefon-Warteschleife ist dann seine Stimme zu hören, die in wahnwitziger Geschwindigkeit eine Beutelratten-Geschichte erzählt.

In der Dresdner »Herkuleskeule« stehen Wolfgang Schaller, seit 35 Jahren Hausautor des Kabaretts, und er lesend, singend und improvisierend auf der Bühne. Schulze, schlank, die Haare etwas angegraut, trägt Lederweste und ein Tuch um den Hals. Die Brille hat er in die Stirn oder in die Haare geschoben. Sitzt am Klavier und legt wie ehedem los. Keinen Klamauk, sondern engagiertes wie aktuell politisches Kabarett erleben die Gäste in Ost und West. Der Kabarettist scheint nichts von der Schlitzohrigkeit des singenden Buchhändlers der 80er Jahre verloren zu haben.

Der Buchhändler-Sänger-Kabarettist-Kommunalpolitiker hat tiefe familiäre Wurzeln in der bunten Stadt am Harz, bis in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs bohren die sich. »Irgendwie bin ich Ur-Gestein.« Tonmeister wollte Schulze werden. Doch sein Vater Werner starb. So holte ihn Mutter Hilde ins Geschäft auf der Westernstraße. Ein geschichtsträchtiges Haus; 1848 erbaut, 1876 von Paul Jüttner als Buchhandlung eingerichtet. 1945 schoss ein Panzer auf Jugendliche mit Panzerfaust – alle Schaufenster in der Straße gingen zu Bruch. Ein altes Foto zeigt seine Großeltern Paul und Elisabeth vor der Ladentür. 1908 hatten sie Jüttners Buchhandlung gekauft. Bis 1952 zahlten sie den Kredit fürs Geschäft ab. Wenig veränderte sich am Haus bis 1970, als Enkel Rainer begann, die Gebäude zu reparieren. Zwei Freunde aus dieser Zeit verewigte er viele Jahre später an seinem Fachwerk-Neubau auf dem Hof. Der war 1991 möglich, weil die Gasheizung den Kohlenschuppen überflüssig machte, und nötig, weil man im Westen andere Maßstäbe an eine Buchhandlung anlegte als in der DDR. Zudem hatte er am 20. Dezember 1989 die Lizenz für eine eigene Zeitung bekommen, die Redaktionsräume benötigte. Die erste Ausgabe der »Neuen Wernigeröder Zeitung« erschien am 6. März 1990. Im Gegensatz zu anderen Neugründungen der Wendezeit erscheint sie unter der Leitung von Christine Trosin auch heute noch alle zwei Wochen.

Kultur und Kunst hatte sich der Buchhändler schon früh verschrieben. Die Lesungen in der Westernstraße liefen anders als an anderen Leseorten. Das lag an den Gästen. Man stand Schlange vor der Buchhandlung. Künstler, die dort ausstellten, brachten neue Sichtweisen in die Harzer Provinz. Heute sind es wieder ganz besondere Vorleser, die Rainer Schulze sich einlädt: Daniela Dahn, Klaus Schlesinger, Barbara Thalheim kamen, Neuentdeckungen aus dem Ausland, aber auch lokale Autoren wie Hermann Oemler, deren Herz für den Harz und Wernigerode schlägt.

Warum er denn auch noch in die Politik gegangen ist? Rainer Schulze überlegt nicht lange. »Nicht, weil ich Bestätigung brauche. Als Kabarettist bekomme ich eigentlich genug Beifall«, meint er. »1990, da dachte ich, ich müsse der Stadt etwas zurückgeben, in der ich meine Wurzeln habe. Es war ein Schritt aus Verantwortungsbewusstsein, ich wollte etwas mitbewegen.« Davor hatte er nicht so schrecklich viel mit Politik am Hut gehabt. 1994 wählten ihn die Wernigeröder in ihren Stadtrat. Fünf Jahre später wurde er Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion und führt noch heute die Fraktion aus SPD und Bündnis-Grünen an. Bei der Wahl 2009 bekam er allein so viele Stimmen wie die beiden Spitzenkandidaten der LINKEN und der CDU zusammen.

Dass die Sozialdemokraten überhaupt so gut abschnitten, verdanken sie ihren »Lokomotiven« Rainer Schulze und dem Rektor der Wernigeröder Hochschule Harz Armin Willingmann, die fast die Hälfte aller für die SPD abgegebenen Stimmen erhielten. Und Schulzes Wort hatte ein Jahr davor großes Gewicht, als er für den parteilosen Naturpark-Chef Peter Gaffert als Oberbürgermeisterkandidat der SPD warb. Weil der mit Sachkenntnis, unbedingtem Einsatz für die Stadt, mit Überzeugungskraft und Begeisterung für alle Bürger Gutes bewirken könne. Gaffert sei Realist – und habe Visionen für die Zukunft. Das sei eine sehr gute Mischung. Unterdessen heißt der Oberbürgermeister der Stadt am Fuße des Harzes Gaffert.

Schulze gehört zum Sprecherkreis »Bürger-Bündnis Wernigerode für Weltoffenheit und Demokratie«, einem Netzwerk von engagierten Bürgerinnen und Bürgern in Wernigerode, die über alle politischen und weltanschaulichen Fragen hinweg für Weltoffenheit und Demokratie, gegen Gewalt, Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz eintreten. Gemeinsam mit anderen Fraktionsvorsitzenden des Wernigeröder Stadtrates hatte er im Frühjahr die Bürger aufgerufen, keine Stimme einer rechtsextremen Partei zu schenken.

Rainer Schulze hat in Wernigerode viel bewegt, auch schon vor der Wende. 1982 sollte sich in Wernigerode das DDR-Grafikzentrum etablieren. Eine Offset-Druckmaschine bekam Schulze geschenkt, mit Unterstützung von Willi Sitte und Karl-Georg Hirsch floss auch eine Million Mark. Studenten aus Dresden maßen alle Häuser der Marktstraße 1 aus, vier Jahre wurde die Kemenate von 1556 nach Feierabend saniert. Aus einer Cattenstedter Mühle barg man Steine und Balken dafür. Unterdessen war die untergestellte Maschine vergammelt, das Grafikzentrum stand ohne Grafikdruckerei da. Naja. Per Feierabendtätigkeit lief ab 1990 nichts mehr.

Rainer Schulze war Mitbegründer des Kunst- und Kulturvereins, dem er seit damals vorsteht. Der Verein übernahm sieben Gebäude in bester Lage und weniger gutem Zustand von der Stadt. Unter Bauleitung des Vereins flossen seit 1990 1,2 Millionen DM, mit denen heimische Firmen Dächer, Fachwerk, Heizung, Wasser, Fenster, Türen und Läden in Schuss brachten. Die Remise von 1530 wurde 2008 mit städtischen Mitteln saniert. »Wir machen hier Kunst, Kabarett, Kammermusik und Kino.« Heute verfügt der Kunstverein über zwei Galerien. Eine davon zeigt gerade Grafiken und Handzeichnungen von Walter Herzog, Träger des Wernigeröder Kunstpreises 2009. Zehn Frauen teilen sich dort die Aufsicht, Enthusiasten; eine Kunstprofessorin im Ruhestand ist darunter, eine Verkäuferin, eine Stadträtin.

Rainer Schulze freut es, wenn Stadtführer ihre Gruppen durch seinen Hof schleusen, die staunen, wie es hinter den Fassaden ausschaut. Dort warteten im Juli tonnenweise Schulbücher in der mit einem Fahrstuhl bestückten Garage auf ihre Auslieferung. Hier lebt die Fachwerkstadt. Aufgearbeitete alte Türen fallen auf. Einst bewahrten ehrenamtliche Denkmalschützer sie vor dem Feuer oder Verfall. Viele davon holten sie beim Flächen-Abriss aus dem Düsterngraben in der benachbarten Domstadt Halberstadt. Dorthin gingen sie nach der Wende auch wieder zurück.

Schulze hält Haustüren für die Visitenkarten eines Gebäudes. »Wie sehen denn Baumarkt-Türen in so einer Stadt wie unserer aus«, fragt er. Viele Menschen boten dem Kunstverein nun ihre Türen an, die – restauriert – wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Nicht weit davon entfernt sitzt der Besitzer und meint versonnen: »Es wirkt wie Sommerfrische, und doch sind wir nur 100 Meter vom Rathaus weg.« Er denkt ins Jahr 1984 zurück. Auf dem Hof hatte er mit Reinhard Stöckel, einem Maschinenschlosser, innerhalb von drei Monaten ein Fachwerkhaus eigenhändig wieder aufgebaut. Das war vorher in der Büchtingenstraße abgerissen worden. »Paar Flaschen Schnaps überzeugten die Bauleute, dass sie die historischen Balken doch nicht zersägen, sondern besser die Fachwerkbalken auseinanderhebeln sollten. Wir bewiesen dann, dass sich so ein Haus an anderer Stelle wieder aufbauen lässt.«

Den aufgestockten Schuppen im Hof der Buchhandlung ziert ein Nachbau der Fassade des Bunten Hofes in Osterwieck, den er einst zur Buchhändler-Akademie ausbauen wollte. Statt römischer Kaiser sind dort 20 für den Buchhändler-Sänger-Politiker-Kabarettisten wichtige Leute zu sehen. »Das erhöhte den Preis für den Bau etwas, sonst ist Fachwerk nicht teurer, als wenn wir Beton und Stahl genommen hätten«, streut Rainer Schulze ein. Eberhard Lenk, ein Tübke-Schüler, schuf die Renaissance-Porträts von Steuerberater, Freunden, Mitarbeitern und von Schulze selbst. Und der lächelt wie im Original.

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