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Das steinerne Buch

Kapikiri im Westen der Türkei ist Startpunkt für Wandern und Trekking

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Steinreich sind die Bewohner von Kapikiri. Steine in allen möglichen Formen, kleine, große, ganz riesige – so weit das Auge schauen kann. Das 350-Seelen-Dorf Kapikiri liegt am Bafa-See, zu Füßen des 1400 Meter hohen Latmosgebirges im Westen der Türkei. Wegen seiner gezackten Silhouette nennt man es auf Türkisch auch Besparmak – das Fünffingergebirge. Am Latmos befand sich einst das antike Herakleia, zwischen und auf dessen Ruinen sich das heutige Dorf Kapiriki eingerichtet hat.

»Kikeriki«, »i-aaah« – schön laut und nacheinander ertönt der Weckruf. Nachdem der Hahn eine erste unüberhörbare stimmliche Kostprobe gab, ertönen die Schreie eines asthmakranken oder vielleicht auch nur liebestollen Esels. Gegen fünf Uhr ist es mit dem Schlaf erst einmal vorbei. Kaum wieder eingenickt, stimmen Hunde und Katzen in das Konzert ein.

Tierisches Konzert

Fast klingt es wie ein Wettstreit der Bremer Stadtmusikanten. Doch Bremen ist weit. Das tierische Konzert treibt uns zeitig aus den Betten. Gut so, denn Özgün Serçin – die gute Seele des Hauses – hat Frühstück vorbereitet. Und Sohn Mithat brennt darauf, uns in die Berge des Latmos zu führen. Özgün, Mithat, sein Bruder Oktay und Vater Orhan sind unsere Gastgeber in der Pension Agora. Seit 23 Jahren empfangen sie hier wandersüchtige Gäste. Die liebevoll eingerichteten Häuschen heißen u. a. »Aphrodite«, »Thales«, »Selene«, »Endymion« und »Zeus«. Orhan erzählt: »Vor vielen Jahren habe ich verschiedene Routen im Gebirge erkundet und daraus ein Vier-Tage-Trekking entwickelt.« Lang ist es her, jetzt managt er das Leben in der Pension unten im Dorf, und die Söhne ziehen in die Berge. »Auf den Fotos aber bitte meinen Bauch wegschneiden«, meint er grinsend. Das Essen von Frau Özgün – was übersetzt heißt die Einzigartige – ist doch zu verlockend. Auch geführte Eintagestouren oder Eselswanderungen bietet die Familie an. Und im nächsten Jahr sollen Fahrräder im Garten stehen.

Handel auf der Agora

Zuerst zeigt uns Mithat sein Dorf. Seit jeher wurden zum Bau von Häusern, Straßen und Grundstücksbegrenzungen Steine aus den Ruinen verwendet, weshalb das ganze Dorf unter Denkmalschutz steht. Mitten im Ort stehen Tempelruinen. Gut erhalten ist die alte Stadtmauer. Auf der Agora, dem Marktplatz, kommen Frauen aller Altersgruppen angelaufen, um uns ihre Handarbeiten zu verkaufen. Doch ihre Tradition, nach der der Verkauf nur auf dem Marktplatz stattfindet – nehmen sie auch nicht mehr so genau. Selbst hoch auf die Hügel verfolgen uns die meist schon sehr betagten Damen. Doch marktschreierisches Kreischen ist ihnen glücklicherweise fremd. Alles geht ruhig ab. Kauft keiner, ziehen sie sich zurück. Das tun wir auch. Das Teehaus ist gut besucht zur Mittagszeit. »Mittags ist es immer sehr heiß, deswegen wird da Pause gemacht«, rechtfertigen Mithat und Selal die männliche Gesprächsrunde. Außerdem ist sowieso Sonntag. Punkt 12 aber springen alle auf und laufen zur nahe gelegenen Moschee zum Mittagsgebet.

Dass Frauen die Moschee eher meiden, hat für Imam Abdullah Idin Gründe, die außerhalb des Glaubens liegen. »Sie haben zu viel zu tun, ihre Handarbeiten wollen unter die Leute gebracht werden.«

Nach einer kurzen Verschnaufpause in der Pension schnüren wir die Wanderschuhe. Mithat startet durch, zeitweise vergessend, dass er es mit Großstadtbewohnern zu tun hat, die Mühe mit seinem atemberaubenden Tempo haben. Leichtfüßig springt der auf den ersten Blick etwas schwerfällig wirkende junge Mann über Steine und Hügel. Dabei erzählt er Geschichten über Menschen und Steine, führt uns in Höhlen mit prähistorischen Malereien hinein und hoch auf die Ruinen des Yediler-Klosters (Kloster der sieben Brüder).

Abends lädt uns Orhan zum Raki ein, ein tückisches Getränk, dass sich mit Wasser weißlich verfärbt. Kneifen gilt nicht. Selal meint, das sei Löwenmilch. »Nach dem ersten Glas fühlt man sich gut, nach dem zweiten besser und nach dem dritten stark wie ein Löwe.« Da ist mir ein gut gekühltes Efes-Bier dann doch lieber. Obwohl Löwen-Stärke bei Mithats Wanderungen so schlecht nicht gewesen wäre.

Mehmet spielt auf der Sas, einem alten Volksinstrument. Auch Abdullah Idin gesellt sich zu uns. Der sportliche junge Mann in Jeans sieht so gar nicht aus, wie man sich den Mann vorstellt, dessen morgens gegen 6 Uhr über Lautsprecher übertragene gesungene Koranverse diejenigen erreicht, bei denen Hahn und Esel nicht erfolgreich waren. Der Imam lebt mit Frau und den zwei Kindern im Ort. Tochter Güler träumt bereits von einem Schulbesuch in der Stadt. Doch die Familie lebt gern hier. »Alle gehen freundlich miteinander um. In jedem Haus ist der Imam willkommen«, betont Abdullah.

Leben auf alten Steinen

In der Antike war der Bafa-See ein Meeresarm. Als der Golf verschlammte, war der Hafen Herakleia am Ostufer des Sees von Land umgeben. Derselbe Prozess war für den Verfall von Priene und Milet verantwortlich. Diese Orte sind heute riesige Freilichtmuseen – von Kapikiri nur wenige Kilometer entfernt. Doch Kapikiri und seine Bewohner leben – im Heute auf den Steinen längst vergangener Zeiten.

Oberhalb von Kapikiri liegen die Reste der Stadt Latmos. Sie sind über 3000 Jahre alt. Ganz in der Nähe soll die Höhle des Hirten Endymion gewesen sein, in den sich die Mondgöttin Selene unsterblich verliebte. Doch das ist eine neue Spurensuche mit Mithat wert.

Allgemeine Infos: Botschaft der Republik Türkei, Kulturabteilung, Rungestr. 9, 10179 Berlin, Tel.: (030) 214 37 52, www.goturkey.com

Informationen über Kapikiri und die Pension der Familie Serçin: www.agora.pansiyon.de

Buchungen über den auf Wander- und Trekkingreisen spezialisierten Reiseveranstalter seb-tours: www.seb-tours.de, E-Mail: info@seb-tours.de, Tel.: (089) 542 90 538

Anreise per Flugzeug (u. a. Turkish Airlines) über Istanbul nach Izmir oder Bodrum. Von dort bietet die Agora-Pension einen Abholservice an. (Von Berlin z. B. gibt es Direktflüge nach Izmir)

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