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Ein Boot für die Schwächsten

In Damaskus hilft Al Safina Menschen mit Behinderung

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit dem 3. Dezember 1993 gibt es den UNO-Tag für Menschen mit Behinderungen. Die UNO-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde 2006 verabschiedet. Die Zahl dieser Menschen wird weltweit auf rund 650 Millionen geschätzt, etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung.
Abdulrahman ist motorisch und psychisch extrem unruhig. Um so größer ist die Freude über ein gelungenes Bild.
Abdulrahman ist motorisch und psychisch extrem unruhig. Um so größer ist die Freude über ein gelungenes Bild.

In einer schmalen Gasse in der Altstadt von Damaskus hängt eine farbige Kachel neben einer schweren Holztür. Zwei schwungvolle Wellen sind zu sehen, darauf schaukelt ein Boot mit drei Menschen. »Al Safina« steht in arabischen Schriftzeichen auf der Kachel, das heißt »Das Boot« und ist der Name einer Hilfsorganisation, die seit 1995 Menschen mit Behinderung hilft. Sitz der Organisation ist ein altes Damaszener Stadthaus mit einem Brunnen im Innenhof und prächtig blühender Bougainvillea, mit Jasmin und Orangenbäumen.

Der offene Empfangsraum, der Iwan, lädt zum Ausruhen ein und ist mit herrlichen Fresken, Mosaiken und Ornamenten aus Perlmutt geschmückt, auf denen der islamische Halbmond und das christliche Kreuz friedlich nebeneinander prangen.

Bei Al Safina haben sieben Menschen mit Behinderungen dauerhaft ein Zuhause gefunden. Alle sind älter als 20 Jahre und bleiben bis zum Lebensende. Betreut werden sie von einem Team von Freiwilligen, Fachkräften und Ärzten und von jungen Leuten, die – gegen Kost und Logis – für die Dauer ihres Studiums das Leben mit den Behinderten teilen. Lina Kevorkian ist armenische Christin, sie gehört zum Freiwilligenteam und betreut die Familien. Gerade spricht sie mit einer verzweifelten Mutter am Telefon, die sich über mangelnde staatliche Unterstützung und gleichgültige Ärzte beklagt und fragt, ob es für ihren Jungen nicht bei Al Safina einen Platz geben könnte. »Die Eltern sind frustriert und überlastet, es gibt für sie so wenig Hilfe «, seufzt Kevorkian, als sie den Hörer auflegt. »Die Warteliste bei Al Safina ist zu lang.«

Nur wenige Schritte entfernt sind die Werkstätten der Organisation im Haus »Al Mina«, das heißt »Der Hafen«. Hier lernen und arbeiten 20 weitere Personen mit Behinderungen unter Anleitung von Fachkräften. Morgens wird Gymnastik gemacht, danach bereitet man gemeinsam das Frühstück zu, bevor die Arbeit beginnt. Sie schöpfen Papier, bemalen Karten oder Schmuckkartons für Olivenseife.

Die Produkte werden in einem kleinen Laden und auf Basaren angeboten. Aus den Räumen klingen Lachen und Rufen, ein Mann mit von Farbe bekleckstem Kittel tritt lächelnd in die Tür und grüßt freundlich: »Willkommen.« »Das ist George«, stellt ihn Lina Kevorkian vor. Er sei von Anfang an in der Einrichtung und fast immer vergnügt. »Jeder hat hier seine spezielle Geschichte von Rückschlägen und Erfolgen«, sagt sie, »Respekt und Zuwendung sind das Wichtigste.«

Die Frau des syrischen Präsidenten, Asma al-Assad, hat in den letzten Jahren gut zwei Dutzend Organisationen besucht, die für Behinderte tätig sind und meist einer Kirche oder Moschee nahe stehen. Dadurch ändere sich auch die öffentliche Meinung, sagt Lina. doch nur langsam.

Syrien hat die UNO-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung unterzeichnet, doch die Umsetzung lässt zu wünschen übrig wie in fast allen der 143 Unterzeichnerstaaten. So heißt es in einem Bericht der UN-Sonderbotschafterin für Behinderte, Scheichin Hissa al-Thani.

Laut Gesetz stehen in Syrien mindestens zwei Prozent der Arbeitsplätze Menschen mit Behinderungen zu, doch immer gibt es Ausreden. »Es gibt keine Arbeit«, heißt es, oder »Die Person ist ungeeignet. Lina Kevorkian weiß: »Für psychisch Behinderte ist es noch schlimmer, weil man Angst vor ihnen hat und nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll.« Einmal gelang es ihr, zwei ihrer Schützlinge in einer städtischen Parkanlage als Arbeiter unterbringen. Das sei eine großartige Erfahrung gewesen.

Armut und mangelnde Bildung, Krieg und Vertreibung werden in dem UNO-Bericht der Sonderbotschafterin Thani für die Zunahme der Zahl körperlich und geistig behinderter Menschen verantwortlich gemacht. In ländlichen Gebieten sei die Lage besonders desolat, das Schweigen über die Existenz dieser Menschen müsse gebrochen werden. In Damaskus geht Al Safina an die Öffentlichkeit. Mit Vorträgen und Festen sollen Vorurteile beseitigt werden, Dass viele freiwillige Helfer sich melden, gibt auch Lina Hoffnung.

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