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Passivität macht mitschuldig

John Brown, weißer Vorkämpfer der Sklavenbefreiung in den USA – ein lebendiger Toter

  • Von Axel Fair-Schulz
  • Lesedauer: 5 Min.
John Brown führt in die Schlacht; Gemälde im Museum von Harper's Ferry
John Brown führt in die Schlacht; Gemälde im Museum von Harper's Ferry

Der warme Augustwind strich um das kleine Farmhaus außerhalb des geschäftigen Touristenortes Lake Placid im US-Bundesstaat New York, zu Fuße der Adirondack-Bergen mit ihren im Sommer vereinsamten olympischen Ski-Schanzen. Der Duft von Wildgräsern und Blumen lag über dem Land, in dessen Erde John Brown begraben ist und wo sich auch die Gräber seiner Söhne und einiger Mitstreiter befinden. Asche zu Asche, Staub zu Staub ... Was bleibt von einem Menschenleben, einem solchen Menschenleben? Dies fragte ich mich, als ich mit meiner Familie die letzte Ruhestätte von John Brown in diesem Sommer besuchte. Vor 150 Jahren ist ihm das Leben genommen worden: Tod am Galgen. Browns Farm beherbergt ein Museum. Sein Leben wie sein Vermächtnis sind in Schablonen gepresst, die der Komplexität seiner Gedanken und Taten kaum genügen.

Der Nestor der DDR-Gesellschaftwissenschaftler, Jürgen Kuczynski, schrieb in seiner ein wenig hagiographisch gehaltenen Biografie des Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln über Brown »Aus der sklavenfreien Welt kam der amerikanische Nationalheld John Brown, ein grausamer Terrorist ... am 17. Oktober 1859 erstürmte er in Harpers Ferry, an der Grenze von Virginia und Maryland, mit einem bewaffneten Haufen ein Arsenal der Regierung, nahm die Wächter gefangen und rief die Sklaven auf, sich ihm anzuschließen und sich ihre Freiheit zu nehmen. Am nächsten Tag war der Spuk zu Ende, die Männer wurden getötet oder gefangengenommen und Brown später gehängt. Der Streich eines einzelnen religiösen Fanatikers und Freiheitskämpfers gegen Unterdrückung war vorüber, die Aktion verpufft, ungefährlich für den Frieden der USA, ohne Widerhall unter den Sklaven.«

Andere Historiker haben ähnlich oder noch härter geurteilt. Brown wird als ignorant, fanatisch und voller religiöser Wahnvorstellungen abgetan (Alan Nevins, 1950) oder als brutaler Mörder (Bruce Catton, 1961), als grimmig-schrecklicher Mann (David Donald, 1969) und gar als Wahnsinniger (Monroe Lee Billington, 1971). 1974 befanden John Garraty und Eugene D. Genovese, dass Brown in eine Irrenanstalt gehört hätte. Charles Joyner sah 1995 in ihm einen »jämmerlichen Versager« und inkompetenten Revolutionar. Die emotional aufgeladene Wortwahl der Kritiker illustriert, wie sehr Brown noch immer polarisiert.

Mit 21 Männern, einige davon noch blutjung, hatte John Brown über vier Millionen amerikanische Sklaven gewaltsam zu befreien versucht. War solches Unterfangen nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Und ist damit der Vorwurf von illusionärem Fanatismus gerechtfertigt? Waren die Versuche moderater Politiker wie Abraham Lincoln nicht vielversprechender, das Ende der Sklaverei ohne Blutvergießen auf dem Verhandlungswege zu erreichen?

Andere und gewiss nicht minder gewichtige Denker zeichnen ein völlig anderes Bild. So Henry David Thoreau, der große amerikanische Philosoph des zivilen Ungehorsames gegen Imperialismus und Ausbeutung. Am Grabe von John Brown sagte er 1860: »Von all meinen Zeitgenossen scheint es, als ob John Brown als Einziger nicht gestorben ist.« Warum nun war für Thoreau John Brown noch als Toter lebendiger als die Lebenden? Wofür lebte Brown? Karl Marx schrieb seinem Mitstreiter Friedrich Engels, dass einer der wichtigsten Veränderungen in der Welt in der amerikanischen Slavenbefreiung bestanden habe, welche erst mit Browns Tat in vollen Schwung geriet. Der progressive amerikanische Essayist und Schriftsteller Truman Nelson bemerkte 1957 treffend: »John Brown is the stone in the historian's shoe.« (J. B. ist der Stein im Schuh der Geschichte).

Sperrig und komplex – und damit nicht leicht vereinnahmbar war und ist John Brown in der Tat. Als evangelikale Christen passen Brown und seine Getreuen nicht recht in das gängige und damit übervereinfachte Bild des progressiv-weltlichen Revolutionärs. Doch wer sich näher mit Brown beschäftigt, erkennt einen erstaunlich rationalen und pragmatischen Moralisten, der seinen Idealen Taten folgen ließ. Im Gegensatz zu den zahllosen rechtsgerichteten religiösen Demagogen der USA leiteten sie aus ihrem Verständnis des Evangeliums in erster Linie die unbedingte Gleichtheit und Freiheit aller Menschen ab und waren für das Einlösen dieser Freiheit und Gleichheit bereit zu kämpfen und notfalls zu sterben. John Brown sah in der Sklaverei der Südstaaten ein durch nichts zu entschuldigendes Verbrechen und war überzeugt von der Notwendigkeit, diejenigen Amerikaner wachzurütteln, die zwar die Sklaverei persönlich ablehnten, aber die Zustände in den sklavenhaltenden Südstaaten als leider gegeben hinnahmen und von diesen sogar manchmal noch profitierten. Für Brown war Passivität im Angesicht solchen Unrechts Mitschuld.

Brown hatte die materiellen Interessen erkannt, welche das unmenschliche Slavereiregime an der Macht hielt. Und gerade diese materiellen Interessen suchte er mit seinem Angriff auf Harpers Ferry empfindlich zu treffen. Denn bisher hatten weder fromme Worte noch moralische Appelle das Sklavenhaltersystem beeindruckt. Mit seinem Versuch, Harpers Ferry als Waffenlager und Waffenfabrik der US-Army in seine Hände zu bekommen, hoffte Brown eine Guerrilla-Armee auszurüsten, bestehend aus einer wachsenden Schar entlaufener Sklaven und weißer Freiheitskämpfer, die die Sklavenplantagen des Südens von Browns Rebellen-Basis in den Allegheny Mountains aus angreifen und das Slavereisystem dadurch unprofitabel zu machen planten. Über einhunderttausend Gewehre und Musketen lagerten in Harpers Ferry und könnten von den Aufständischen genutzt werden.

Augenzeugen berichten von Browns Hoffnung, Blutvergießen auf ein Minimum zu beschränken. Diese Hoffnung ging nicht auf. Brown und seine Getreuen wurden uberwältigt. Kurz vor seiner Hinrichtung am 2. Dezember 1859 schob Brown einem seiner Bewacher im Charlestown Jail ein Stück Papier mit folgenden Zeilen zu: »Ich, John Brown, bin mir ziemlich sicher, dass die Verbrechen dieses schuldigen Landes durch nichts reingewaschen werden können als mit Blut. Doch bis jetzt hoffte ich noch, dass dies ohne allzu viel Blutvergießen geschehen kann.« In der Tat, Krieg sollte kommen – in weitaus größeren Dimensionen als John Brown sich dies je vorstellen konnte. Über 600 000 Menschen starben zwischen 1861 und 1865 im amerikanischen Bürgerkrieg.

Durch Browns Tat sahen sich Abraham Lincoln und viele andere Gegner der Slaverei unter Zugzwang. Der ehemalige Slave und afroamerikanische Bürgerrechtler Frederick Douglass bemerkte über Brown nach dessen Exekution: »Wenn auch John Brown den Krieg zur Slavenbefreiung selbst nicht siegreich beendete, so fing er diesen Befreiungskrieg zumindest an.« Und damit war und ist John Brown keineswegs eine Fußnote der Geschichte, sondern ein unverbiegbarer Kämpfer und ein Symbol für Gleichheit und Freiheit aller Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe. Er lebte und starb Seite an Seite mit entflohenen Sklaven, obgleich er selbst als Weißer ein viel privilegierteres Leben hätte führen können.

Dr. Axel Fair-Schulz ist Professor für Geschichtswissenschaft an der State University of New York in Potsdam, USA.

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