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Der Weg kann das Ziel sein

ND-Autor kommt im Shogi-Selbsttest auf Platz 14 bei Deutschland-Open

Organisator Oliver Orschiedt (r.), ND-Autor Rene Gralla Fotos: KUNZ/R.Morays
Organisator Oliver Orschiedt (r.), ND-Autor Rene Gralla Fotos: KUNZ/R.Morays

Hoppla! Feist ist der Kerl mitten hinein geplumpst in mein Lager. »Goldgeneral« lautet sein hochtrabender Titel, aber sein Abzeichen ähnelt eher einem Faustkeil. Und entsprechend ungehobelt agiert er denn auch, rempelt von hinten einen Läufer an und macht sich gleichzeitig schräg von der Seite zu schaffen an einem Wagen meiner Fahrbereitschaft.

So fühlt er sich also an, der berüchtigte Shogi-Schock! Aber ich darf mich nicht beschweren, ich wollte ja unbedingt mal testen, wie die Japaner Schach spielen. »Shogi« heißt die regionale Variante des königlichen Spiels. Und in Deutschland ist Ludwigshafen inzwischen zu seinem Zentrum aufgestiegen. Dank Oliver Orschiedt, 44-jähriger Geschäftsführer eines Sanitätshauses und begeisterter Anhänger des Denksports nach den Gesetzen des Tenno.

Tatsächlich ist es nämlich ein veritabler Kaiser gewesen, der die Regeln des Nipponschachs revolutioniert hat. Der Herrscher Go-Nara persönlich führte im 16. Jahrhundert den Spezialtrick ein, dass gegnerische Kämpfer, die gefangen genommen werden, zur Unterstützung der eigenen Leute wieder eingesetzt werden dürfen. Im Stil der Ninjas fliegen sie dann überraschend dort ein, wo es dem anderen besonders weh tut – so auch bei mir.

Schon zum zweiten Mal hatte Oliver Orschiedt im Spätherbst nach Ludwigshafen eingeladen. Sein »Shogi One Day« wendet sich an alle, die Japans Strategieklassiker ausprobieren möchten; diesmal war also auch der ND-Reporter dabei. Im Souterrain einer Schule vier Straßenbahnstationen entfernt vom Hauptbahnhof Ludwigshafen hatten sich zwei Dutzend Kandidaten und einige Schaulustige eingefunden. Das ist natürlich kein Vergleich zu Japan, wo sogar das Fernsehen über Shogi berichtet, aber trotzdem rekordverdächtig nach heimischen Maßstäben. Zwischen Berlin und München bilden geschätzt bisher ein halbes hundert Aktivisten den harten Kern der Szene.

Dr. Michihiko Kasugai, Vizepräsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Frankfurt, eröffnete die spezielle Damenmeisterschaft. »Fast jedes japanische Kind kennt Shogi«, kommentiert Dr. Kasugai nach der Zeremonie im ND-Gespräch. »In meiner Heimat ist Shogi viel populärer als das internationale Schach.« Und Dr. Kasugai glaubt auch fest an die Zukunft des Japanschachs in der westlichen Hemisphäre, im Gefolge vieler Trendimporte aus Fernost, von Sushi bis zum »Hello Kitty«-Kätzchen. Der Blick in die Runde gibt dem Optimisten recht: überraschend junge Gesichter, und der kleine Tristan Orschiedt, einer der Söhne des Organisators, hat noch nicht einmal den sechsten Geburtstag gefeiert.

Das ist europäischer Rekord und ein wirklich erstaunliches Talent, das Tristan offenbart, neben seinem zwei Jahre älteren Bruder Leo, der vor wenigen Monaten bei einem Turnier in Shanghai antrat und dort zum Medienstar avancierte. Und trotzdem stellt sich die zugegeben etwas ketzerische Frage: Warum bloß trommelt Vater Oliver derart enthusiastisch für das Shogi? Reicht ihm nicht das Standardschach? »Ich finde Shogi besser«, sagt der Pfälzer, »weil es spannender ist.«

Und das ist wiederum pure Untertreibung, wie ich im anschließenden Selbstversuch merke. Zwar habe ich meine eigene dreidimensionale Eselsbrücke nach Ludwigshafen transportiert, einen selbst gebastelten Set aus Playmobilmännchen, die ich – zum verstohlenen Memorieren aus den Augenwinkeln – auf einem der rückwärtigen Tische in Position bringe. Doch das erweist sich am Ende als völlig unpraktikabel: Sobald die Turnieruhren erst einmal begonnen haben zu ticken, bin ich vollends damit beschäftigt, die Markierungen der Shogisteine vor mir zu identifizieren.

Das Turnier gewinnt erwartungsgemäß der 32-jährige Entwicklungsingenieur Karl Wartlick, Träger des 2. Dan aus Heilbronn. Erste deutsche Meisterin der Frauen wird die Mathe- und Chemiestudentin Kirstin Auburger (23) aus Ludwigshagfen. Unter den Jugendlichen triumphiert der 13-jährige Samir Eghbali, natürlich ebenfalls aus Ludwigshafen.

Der aus Hamburg stammende Autor dagegen kassiert neben zwei glücklichen Siegen zwei deftige Klatschen und muss in der Open-Schlussbilanz mit Platz 14 unter 24 Teilnehmern zufrieden sein. Nun gut: Nach dem Samurai-Kodex des Bushido ist nicht der Sieg das Primäre, sondern Tao, der Weg, den es mit Anstand zu beschreiten gilt. So gesehen ist der Ausflug nach Ludwigshafen ein bescheidener Anfang gewesen.

Infos zum »2. Shogi One Day Ludwigshafen«: www.shoginet.de

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