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Vom Verrat an Visionen

»Etwas mutiger hätte die Intelligenz der DDR sein können.«

  • Von Gerd Rienäcker
  • Lesedauer: 6 Min.
Zeichnung: Harald Kretzschmar
Zeichnung: Harald Kretzschmar

»Etwas mutiger hätte die Intelligenz der DDR sein können!« Dieses Urteil (artikuliert von einer Gasthörerin, die vor 1989 viel ausgestanden hat?) tut weh, aber ich akzeptiere es weitgehend.

In der Tat. Es hat nicht nur mehr oder minder berechtigte Ängste, sondern durchaus unberechtigte Feigheit, Gesinnungslumperei, Borniertheit, selbst- und fremdbestimmtes Unwissen gegeben, und dies auch bei nicht wenigen Intellektuellen, übrigens nicht nur bei Mitgliedern der SED. Darin nun kommen unselige Traditionen bornierten Verhaltens, Traditionen der Feigheit, Gesinnungslumperei, verordneter Ignoranz, Dummheit etc. ans Tageslicht, die nicht erst in den Jahren der DDR, auch nicht erst während des Nationalsozialismus sich beobachten ließen – unausrottbar?

In der Tat: Es hat auch, ja, gerade unter Gesellschaftswissenschaftlern vielerlei Verrat gegeben: Verrat an intellektueller Redlichkeit, an Traditionen aufklärerischen Denkens, an Traditionen christlicher Ethik – Verrat an den Visionen und Analysen von Karl Marx ohnehin, ungeachtet aller Rückverweise! All dies lässt sich weder rechtfertigen noch entschuldigen – auch nicht durch den Hinweis auf schwierige Bedingungen. Waren Gesellschaftswissenschaftler selbst offiziell dazu angehalten, Regulative des Sozialismus zu erforschen, so verfehlten sie just dessen Eigentliches: die tatsächlichen Prozesse, darin eingeschlossen Widersprüche, Konflikte, Kollisionen, Defekte, einmündend in Verbrechen – zugunsten pastoser Gemälde, die die angebliche Weitsicht »der Partei und Regierung« illustrieren sollten (Ausnahmen – übrigens nicht ohne Belang! – bestätigen die Regel).

Wohl aber ist nach Ursachen zu fragen.

Sie nun liegen nicht allein in menschlichen Untugenden, so sehr sie im Einzelfall eine Rolle spielen, sondern in schier unentwirrbaren, daher bis heute kaum überschaubaren Geflechten sozialer, politischer und mentaler Gegebenheiten: Sie zu benennen sollte nicht der üblen Ausrede geziehen werden, ohne dass das Eigentliche unter den Tisch fällt.

Die Rede muss sein von schwierigen äußeren und inneren Bedingungen, Gegebenheiten der DDR in all ihren Dimensionen, gleichermaßen von vielfältigen Apparaten, die ganz unterschiedlichen Zwecken gehorchten – aber auch der mehr oder minder verhohlenen Absicht, jegliche Opposition zu unterbinden – diesseits und jenseits der Umtriebe des Ministeriums für Staatssicherheit.

Dies wiederum geht ohne Besichtigung mehrerer »Vergangenheiten« nicht ab: zum einen nicht ohne das Nachdenken über Errungenschaften und Verhängnisse der Oktoberrevolution, über Lenins, erst recht Stalins Theorie und Praxis kommunistischer Revolutionen, ohne die Besichtigung all jener Doktrinationen, die dem Marxismus-Leninismus zugrunde lagen, ohne die Besichtigung des Wirkens von Geheimdiensten in der UdSSR und, fast zeitgleich, innerhalb illegaler Gruppierungen der KPD (beides bedeutsam für die Entstehung und das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit).

Zum anderen nicht ohne das Nachdenken über den alltäglichen Nationalsozialismus, also nicht nur über die Gefängnisse und Konzentrationslager: Dass aus strammen Mitgliedern der NSDAP um 1946 nicht minder stramme Mitglieder der SED wurden – ohne ihr Verhal-ten wesentlich zu ändern –, ist nur die Oberfläche von Eisbergen; eben daran haben Kommunisten, die während des Nationalsozialismus eingesperrt oder ins Exil gezwungen waren, seit jeher Anstoß genommen.

Die Rede muss sein von daraus abgeleiteten sozialpsychologischen, zugleich von mehr oder minder verborgenen individualpsychologischen Gegebenheiten – auch dies wiederum nicht als Rechtfertigung, wohl aber als Begründung. Wer im Nachhinein meint, jederzeit frei, gegen alle Bedingungen sich entschieden zu haben, unterliegt verständlichen Illusionen: Neuere psychologische Untersuchungen sprechen eine deutliche, für den Einzelnen unerfreuliche Sprache – jede Entscheidung entpuppt sich als Option zwischen mehreren Vorgaben, und die Mündigkeit des Einzelnen liegt vielleicht darin, noch die günstigste Option auszuwählen, vor allem, um das Vorgegebene zu wissen.

Als Illustration ein Exkurs über Carmen in der Oper von Georges Bizet: Die Zigeunerin, Zigarettenarbeiterin, zugleich Mitglied einer Schmugglerbande, hatte – und dies bedurfte aller je verfügbaren Zivilcourage – sich der Fesseln ständischer, namentlich militaristischer Gesellschaft, der Fesseln vorgeordneter Männerwelt entledigt. Allerdings geriet sie, ohne es zu wollen, in neuere Zwänge: Ins Gehege magischer Figuren, abgebildet auf Spielkarten. Ihr Weg in den Tod gehorchte dem Karten-Lesen, also nicht freier Entscheidung.

Lässt sich ein Gutteil nachweislicher Feigheit, Verlogenheit, Karrieresucht, nachweislicher Verrate durchaus begründen – nochmals: nicht rechtfertigen, nicht entschuldigen! –, so geht das Verhalten der Intellektuellen (auch der Mitglieder der SED) in solchen Untugenden mitnichten auf.

Es hat, auch und gerade innerhalb der Intelligenz, vier Verhaltensweisen gegeben, die man der platten Anpassung nicht bezichtigen kann – im Denken, Schreiben, Reden, Handeln: zum einen die totale oder partielle Verweigerung, gepaart dem Weg in die innere Emigration, der Suche nach Nischen (gelegentlich auch innerhalb der SED). Zum anderen die mehr oder minder offene Konfrontation, gepaart dem Mut, alle je erdenklichen Schikanen auf sich zu nehmen (also auch den Verzicht auf angemessene berufliche Chancen, den Weg in Gefängnisse etc.). Zum dritten den freiwilligen oder erzwungenen Weggang aus der DDR, gepaart dem Mut zum schwierigen Neuanfang. Zum vierten den Versuch leisen oder weniger leisen Besserns innerhalb der Parteien und Gremien, gepaart dem Risiko, durch verschiedene »Roste« zu fallen, d.h. beargwöhnt, verfolgt, in äußere, innere Emigration getrieben, zum Nischen-Dasein verurteilt zu werden: Vielleicht waren es Nischen, in denen nachdenklich-kritische Minderheiten – als solche nicht unerheblich! – von Anfang an das eine oder andere zu verändern suchten?

Allerdings, und darin liegt die eigentliche Tragödie, haben Repräsentanten all dieser Verhaltensweisen sich gegenseitig nicht nur nicht verstanden, sondern des Verrates bezichtigt: Wer im Lande, innerhalb der Gremien leise oder weniger leise zu bessern suchte, beschuldigte die inneren Emigranten, erst recht die Weggehenden des Verrates am Sozialismus, der Überheblichkeit, in ihm zu wirken (welch Missverständnis!). Und wer sich verweigerte, in die innere Emigration ging – oder auch ins Gefängnis –, wer ob seiner Verweigerung alle je erdenklichen Unbilden auf sich nahm, wer schließlich das Land verließ oder verlassen musste, beschuldigte die Dagebliebenen – auch jene, die leise zu bessern suchten –, der bloßen Anpassung.

Diese wechselweisen Missverständisse aber resultieren aus dem Durcheinander von Errungenschaften, Gebrechen und Verbrechen – nicht zuletzt daraus, dass Errungenschaften mit Gebrechen behaftet, folglich als Errungenschaften kaum erfahrbar waren (Dies »durchzudeklinieren« müsste ganze Bücher füllen!). Wer also im Ansehen von wirklichen (aber kaum erkennbaren) Errungenschaften sich zur DDR bekannte, war oft unglaubwürdig.

Notwendig ist – wenn es weiterhin um wirkliche Trauerarbeit geht, und sie ist nicht ausgestanden! – seriöse Analyse des Ganzen. Dies nun hat das von Martin Sabrow geleitete Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sich vorgenommen; hierzu gibt es ermutigende Auftakte, nicht zuletzt in der von Sabrow herausgegebenen Publikation »Erinnerungsorte der DDR«. Zu befragen sind, neben vielerlei Erinnerungen, Arbeiten von Historikern, die zu halbwegs objektiver Bestandsaufnahme fähig sind: notwendig um der Sache willen!

Zu befragen ist das gesamte Geschehen der DDR – dies wiederum nicht losgelöst vom So und nicht Anders des anderen deutschen Staates, zumal beide Staaten in fast jeder Einzelheit aufeinander reagierten (vgl. hierzu Clemens Burrichter, Detlev Nakath, Hrsg.: »Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000«).

Zu befragen sind nicht zuletzt die verhängnisvollen Regulative des Kalten Krieges, darin ein jedes System dem anderen die Beine wegschlug.

All dies stellt individuelles, auch gemeinschaftliches Versagen nicht in Abrede, rechtfertigt, entschuldigt nichts, belässt es jedoch nicht darin – es geht um mehr!

Trauerarbeit, die nichts verschweigt, aber nach Ursachen des damaligen So und nicht Anders fragt, ist geboten im Blick auf das Heute und Morgen: Wie nämlich verhalten sich Intellektuelle hier, heute, morgen – im Angesicht verheerender Kriege, sich ankündigender und längst stattfindender sozialer Verwerfungen? Und welche Spielräume sind ihnen gegeben, die Stimme zu erheben wider älteres und neueres Unrecht?

Prof. Dr. Gerd Rienäcker, geboren 1939, ist Musik- und Musiktheaterwissenschaftler. Seit 1966 forscht und lehrt er an der Humboldt-Universität Berlin.

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