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Wenn sie stimmt, die Chemie

Zweitplatziert im Ludwig-Erhard-Wettbewerb: die Allresist GmbH in Strausberg

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 9 Min.
Geschäftsführer: Brigitte und Matthias Schirmer
Geschäftsführer: Brigitte und Matthias Schirmer

Der 26. November war für die Allresist GmbH in Strausberg ein Festtag. Sie wurde als zweiter Preisträger im diesjährigen Ludwig-Erhard-Wettbewerb geehrt. Die Geschäftsführer Brigitte und Matthias Schirmer nahmen die Auszeichnung vor 400 Gästen im Berliner »Meilenwerk« entgegen. Dass sich tags darauf, beim kleinen Presseempfang, den sie in ihrer Firma ausrichteten, auch der brandenburgische Wirtschaftsminister Ralf Christoffers und die Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft Jutta Lieske die Ehre gaben, hat sie gefreut. Solche Zeichen sind im Business gar nicht überzubewerten.

Ein mit Resists beschichteter Wafer
Ein mit Resists beschichteter Wafer

Der Ludwig-Erhard-Preis ist ein bundesweiter Exellence-Preis und wird für mustergültiges Qualitätsmanagement vergeben. Für alle, die keine Unternehmer sind, versuche ich, dies zu übersetzen: Es geht um nachhaltige Unternehmensführung mit dem Ziel, den Erfolg zu optimieren. Vor die Optimierung des Erfolgs hat der gesunde Menschenverstand motivierte Mitarbeiter, höchste Qualität der Produkte und zufriedene Kunden gestellt. Ganz schlicht gesagt, läuft es auf die Formel der Wirtschaftswunderjahre hinaus: Geht es den Mitarbeitern gut, kann sich das Unternehmen entwickeln. Was dann natürlich auch umgekehrt gilt: Geht’s dem Unternehmen gut, profitieren die Mitarbeiter. Der gesunde Menschenverstand ist heute in der deutschen Wirtschaft bekanntlich nicht mehr weit verbreitet. Nur jeder fünfte Unternehmer versucht sich in Qualitätsmanagement. Dies ist freilich nur die halbe Wahrheit: Unternehmer, die keinen Erfolg haben, können diesen auch kaum optimieren. Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, gerade mal recht und schlecht am Markt hält, wessen Kassen chronisch leer sind, der kann auch nicht in das ideelle Klima seiner Firma investieren. Denn, wie es Brigitte Schirmer ausdrückt: »Man muss Geld in die Hand nehmen.«

Produktionschefin Dörte Feldt
Produktionschefin Dörte Feldt

Die Allresist GmbH hat sich im Strausberger Gewerbegebiet Nord angesiedelt. Ab und zu hört man ein Flugzeug, das vom nahegelegenen Flugplatz startet oder gerade zur Landung ansetzt. Sonst ist es hier still. Die nächsten Nachbarn sind ein paar Brachen, in denen Igel und Feldmäuse wohnen. Das Gebäude der Allresist, ein Neubau mit blau abgesetzten Fenstern, umgeben von einem blauen Stahlzaun und pünktlich zum Herbst gestutzten Sträuchern, sagt schon von Weitem: Uns geht’s nicht schlecht. Tritt man ein, sieht man die Botschaft bekräftigt: Hinter einer großen Glasfront, durch die auch im November noch Licht bricht, erstreckt sich die Empfangshalle, ein nobles, weitläufiges Entrée mit Glasvitrinen, Grünpflanzen und Wandschränken aus warmen Hölzern. Ein wenig riecht es wie beim Zahnarzt: Die Allresist ist ein Chemieunternehmen. Ein kleines nur, mit neun Mitarbeitern. Von denen wir zunächst nur Corina Danne begegnen, die hinter dem Empfangstresen recht klein und etwas verloren wirkt. Was sie nicht ist, wie sich herausstellt. Wie alle Allresist-Mitarbeiter scheint sie ein Multitalent zu sein: Als Diplom-Ökonomin verantwortet sie Einkauf und Vertrieb der Firma und assistiert der Geschäftsführung. Als Leiterin des Sekretariats führt sie uns zu ihren Chefs.

Die Chefs, Brigitte und Matthias Schirmer, sind seit 29 Jahren verheiratet. Glücklich, lassen sie uns wissen, weniger mit Worten als mit Gesten. Dennoch sei es nicht unproblematisch, 24 Stunden am Tag zusammenzuleben und zu arbeiten. Da könne gar nicht ausbleiben, dass man mal unterschiedlicher Meinung sei, in solchen Fällen lege man die Differenzen jedoch kulturvoll bei. Eheleute, die auch Geschäftspartner sind, müssen ihre Zweisamkeit pflegen, bei Strafe ihres Untergangs. Doch klar scheint, dass Matthias Schirmer seine schöne Ehefrau nicht ernsthaft verärgern möchte. Und dass auch Brigitte Schirmer die Harmonie mit ihrem Mann schätzt.

Ihre Partnerschaft begann in einem Labor des VEB Fotochemische Werke in Berlin-Köpenick. Dort haben sie sich kennengelernt. Brigitte, die Berlinerin, hatte als Chemielaborantin ihr Abitur an der Abendschule gemacht und ihren Chemieingenieur im Fernstudium erworben, Matthias, der Hallenser, direkt an der Humboldt-Uni studiert. Die Chemie – zunächst ihre einzige Liebe. Beide reizte es herauszufinden, »wie und woraus etwas Neues entsteht«. Brigitte hatte diese Liebe bereits in der Schule erfasst, Matthias, dessen Vater von 1953 bis 1963 die Leunawerke leitete, war sie quasi in die Wiege gelegt worden. Man stelle sich vor: Zwei blutjunge, enthusiastische Chemiker begegnen sich in einem Kollektiv, dessen Mitglieder sich die Hörner zumeist schon abgestoßen, keinen Mut mehr zu träumen hatten, deren Enthusiasmus erlahmt war. Stellt man sich das vor, versteht man vielleicht, dass die Chemie zwischen ihnen auf Anhieb stimmte.

Sie arbeiteten in der Fotokopierlackanlage. 120 Mitarbeiter waren damals dort beschäftigt. Man hatte ihnen ein neues großes Haus gebaut, teure Westgeräte gekauft, aber die Fachleute hatten nicht »mit rüberfahren« dürfen, nur »politisch Zuverlässige«. So dass nun »solch ein Mist in der Anlage stand, der schon nach einem halben Jahr rostete«. Trotzdem, man produzierte Lacke, sogenannte Resists, für die Mikroelektronik. Resists sind lichtempfindliche Lacke, die aus komplizierten Chemikalien zusammengemischt werden. Mit diesen Lacken beschichtet man dann Siliziumwafer und belichtet diese mit einer Schablone. So wird der Wafer strukturiert. Jene Lackstellen, die stehen bleiben, schützen im Wafer die darunterliegenden Halbleitereigenschaften. Resists braucht man für die Chipherstellung. Während also die Fotochemischen Werke noch während der 80er Jahre Standardlacke produzierten, entwickelten Brigitte und Matthias Schirmer ein Verfahren, um speziell auf die jeweilige Technologie des Kunden abgestimmte Lacke herzustellen. Dann ging alles sehr schnell: 1990 Kurzarbeit, bald die ersten Entlassungen. Kodak kaufte das Werk zurück, nur die Lackanlage nicht – die war technisch nicht interessant. Die Führungsetage, wenig entschlussfreudig, spielte noch eine Weile auf Zeit, am 15. Oktober 1992 ging in der Anlage das Licht aus. Einen Tag später, am 16. Oktober, gründeten Schirmers die Allresist Gesellschaft für chemische Produkte zur Mikrostrukturierung mbH. Sie hatten bereits ein Konzept erstellt und eine Handvoll Kollegen um sich geschart, von denen freilich niemand bereit war, das finanzielle Risiko mitzutragen – ihnen fehlten Mut oder Geld. Heute sind Schirmers froh darüber. Zu zweit einen Konsens zu finden, ist mitunter schwer genug. Damals kratzten sie ihr Erspartes zusammen und hinterlegten das nötige Stammkapital von 25 000 D-Mark. Nochmals 25 000 wurden innerhalb von zwei Jahren fällig, die knapsten sie sich von ihrem Gehalt ab. Ihr Vermieter, die Treuhand, knöpfte ihnen für 800 Quadratmeter verfallene Gebäude monatlich 11 000 D-Mark ab, als einzige noch verbliebene Firma mussten sie auch sämlichte Nebenkosten, die auf dem Gelände anfielen, stemmen. Nie wieder Miete!, sagten sie sich. 1999 der Umzug ins Umland. Die Strausberger Stadtverwaltung und die dortige Sparkasse kamen ihnen freundlich entgegen.

Die eigene Firma: die Chance für die Chemiker, ihre Träume endlich zu leben. Die Allresist entwickelt, produziert und vertreibt in enger Kooperation mit ihren Kunden lichtempfindliche Lacke, maßgeschneidert für deren Bedürfnisse. Innovative Herausforderungen, die wissenschaftliche Spitzenleistungen erfordern. Durch besagte »Maßschneiderei« können neue Technologien eingesetzt werden: Die Kunden sparen und auch Schirmers gewinnen. Als kleiner bodenständiger Betrieb, der noch vorwiegend deutschlandweit agiert und es sich doch nicht nehmen lässt, auch einen Fuß auf den Weltmarkt zu setzen, sind sie den Großen der Branche kaum gefährlich. Die Allresist hat ihren Platz gefunden.

Brigitte und Matthias Schirmer haben aus dem VEB Fotochemische Werke nicht nur die besten Fachleute und das Knowhow mitgebracht, sondern auch ihren Enthusiasmus. Ebenso das Gefühl für soziale Verantwortung, das den Staat prägte, in dem sie aufwuchsen. Wenn man sie als Unternehmer mit den »Ackermännern in einen Topf wirft«, finden sie das ungerecht. Bis heute mussten sie noch keinen ihrer Mitarbeiter entlassen und haben es auch in Zukunft nicht vor, die Bezahlung inklusive Erfolgsprämien ist anständig, das Team gefordert, sich einzubringen. Damit sich nun jene Schöpferkräfte entfalten, von denen es einst hieß, das Volkseigentum an Produktionsmitteln setze sie frei, kennt jeder Einzelne Ziele und Aufgaben, wird regelmäßig qualifiziert, ist bei Lösungsansätzen gefragt – früher nannte man das Verbesserungsvorschläge, die oft nicht umgesetzt werden konnten. Selbst auf die Gesundheit der Mitarbeiter, »da wir nun alle bis 67 arbeiten müssen«, hat Brigitte Schirmer ein Auge. Sie, die joggt und jeden Morgen den dreieinhalb Kilometer langen Weg von zu Hause zu Fuß zurücklegt, zahlt allen Mitarbeitern Prämien, die sich dazu aufraffen können, zehn Stunden im Monat Sport zu treiben: »Man braucht dann Sportschuhe und -kleidung.« Kontrollieren kann und will sie die sportliche Betätigung nicht; man sollte einander vertrauen können.

Anfangs ist es Schirmers nicht leichtgefallen, ihren ehemaligen Kolleginnen, mit denen sie doch jahrelang auf Augenhöhe gearbeitet hatten, als Unternehmer, als Chefs gegenüberzutreten. Der richtige Ton, das richtige Wort, nicht distanziert, doch mit Autorität. Schon 2004 hatte der Betrieb den Zukunftspreis Ostbrandenburgs gewonnen. Doch erst das Jahr 2006, so sagen es Schirmers selbst, brachte dem Unternehmen die Wende. Damals setzten sich alle zusammen und erarbeiteten ein erstes Strategiepapier, in dem sie sich die Fragen beantworteten: Was wollen wir, und wie erreichen wir es? Damals habe die Entwicklung zu einem Unternehmen der Excellence begonnen. Seitdem arbeitet die Allresist nach den Grundkonzepten der Excellence, dem EFQM-Modell. Das Modell schlüsselt genau auf, wie man gute Ergebnisse erzielt: Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft übernehmen, Nutzen für den Kunden schaffen, Partnerschaften aufbauen, mit Vision, Inspiration und Integrität führen, Innovation und Kreativität fördern, Mitarbeiter einbeziehen, mit Prozessen managen. Alles soll fließen – ineinander. Das klingt etwas kopflastig, aber Wissenschaft kann ja hilfreich sein.

So intensiv wie mit ihren Kunden arbeitet die Allresist heute mit Forschungseinrichtungen bei wissenschaftlichen Projekten zusammen. Neue Produkte, zum Beispiel die, die auf nanometergroßen Strukturen basieren, entsprangen diesen Partnerschaften. Man muss sich darunter nichts vorstellen können. Wichtig ist, dass das Allresist-Team sich die Freude und das Staunen über den Mikrokosmos bewahrt. Ziele, Träume und Visionen – wer über 50 hat die noch?

Dörte Feldt gehört zu jenen ehemaligen Kolleginnen, die Brigitte und Matthias Schirmer aus den Fotochemischen Werken in die Selbstständigkeit folgten. Brigitte Schirmer sagt: »Unsere Dörte«. Dörte Feldt fährt morgens von Berlin nach Strausberg zur Arbeit. Wahrscheinlich hat sie keine Wahl. Andererseits ist die Diplom-Chemikerin bei Allresist eine Führungskraft – Leiterin der Produktion. Und anders als früher im Großbetrieb hat sie hier vielfältige Aufgaben, die sie fordern und ihr Freude bereiten: Dörte Feldt ist für die Produktherstellung, Materialbeschaffung, Versand und Kundenberatung verantwortlich. Außerdem haben Schirmers sie zur Gefahrgutbeauftragten der Firma gemacht. Langweilig wird es Dörte Feldt nicht.

2002 und 2008 errang die Allresist den Technologietransferpreis Berlin-Brandenburg. Ebenfalls 2008 wurde sie mit dem Berlin-Brandenburger Qualitätspreis ausgezeichnet. 2009 erkämpfte sie sich die Auszeichnung als Exzellente Wissensorganisation Deutschland und Schweiz. Jetzt sind sie die Zweitplatzierten im Ludwig-Erhard-Wettbewerb. Spätestens 2015 wollen sie in diesem Wettbewerb ganz oben auf dem Treppchen stehen. Dotiert sind diese Preise nicht. Im Gegenteil, Brigitte und Matthias Schirmer müssen für die Bewerbungen zahlen. Vier Assessoren haben die Firma im Rennen um den Ludwig-Erhard-Preis vier Tage lang begutachtet. Sie mussten untergebracht und versorgt werden, auch der Ablauf der Bewerbung war mit Kosten verbunden. Was die Geschäftsführer gewinnen: »Die Berater bringen uns ein Stück nach vorn.« Dass sie noch weiter nach vorn kommen und dort auch bleiben, dafür drücken wir die Daumen.

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