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Raubbau?

Tom Waits wird trotzdem sechzig Klänge wie Klippen

Diese Musik wollte vielleicht auch nur, einem Menschen gleich, Erleben sammeln für eine geradlinige Biografie. Aber sie geriet auf die schiefe Bahn, dort bekam sie die besten Noten – in der Schule des Lebens: Das Singen und Komponieren von Tom Waits (Foto: AFP) ist wie das gierige Rauchen weggeworfener, im Gossenrand schon etwas aufgeweichter Kippen. Man hat ihn, den frühen Hilfsjobber an Imbiss- und anderen Endstationen, den Dylan Thomas der Rockgeschichte genannt – dieser walisische Dichter fürchtete den Tod weniger als das tägliche Absterben in Ordnung und Regel. Die Schlagseite als ehrlichstes Stadium des aufrechten Ganges. Da, im torkelnden Gang der Dinge, werden jene Gescheiterten sichtbar, die Ferne wollen und im Fusel enden. Glück, abgezahlt mit ein paar Münzen vom »Blood Money« dieser Welt. Auf den rissigen Lippen von Waits kommt den Geschlagenen ein schnoddriger Song entgegen, »Tom Troubert's Blues« vielleicht, darin die Nachtgestalten Asyl finden. Das ist es, »The Heart of the Saturday Night« – wo das Delirium wirklich Delirium heißt und nicht mehr: Hoffnung.

Es gibt Musik, und der baufällige, verschlissene Takt des 1949 geborenen Kaliforniers gehört dazu, da fühlt man sich wie in einem Film Melvilles oder im Manhattan Transfer des John Dos Passos, und bitter kalt muss es sein, nur, damit man auf unnachahmliche Weise einen Kragen hochschlagen kann und als Frierender zum Stilisten der Einsamkeit wird. Diese Einsamkeit singt Waits, als wolle er seine Gefühle nicht herauslassen, sondern sie sich austreiben. Dichten gibt dem Ich Ausdruck? Vielleicht befreit es den Dichter vom Ich. Jedes Gedicht, jeder Song eine Auslöschung.

Gehenlassen darf man sich nur, wenn man sich wieder zurückholen kann, sagt Mick Jagger. So wird man Rockerrentner, und niemanden wundert es. Waits aber, der heute sechzig wird, erntet Verwunderung, weil man ihn eher bei Joplin, Morrison, Cobain, Hendrix vermutet. Die an einer Überdosis ihrer selber starben.

Mit Regisseur Robert Wilson schuf Waits »The Black Rider« (am Thalia Theater Hamburg), der Schauspieler Scen-Eric Bechtolf sprach vom Gefühl, erstmalig einem Genie begegnet zu sein. Es folgte »Woyzeck«, in Kopenhagen, wieder mit Wilson: eine Musik zu Büchner, wie ein Echo, heraufhallend aus dem Abgrund, zu dem der Mensch dem Menschen wurde.

Wege durchs Leben: wie die Fahndung nach einer Klippe, um leidenschaftlich zu zerschellen. Singen? Waits ruinierte sich die Stimme, riss sie sich gleichsam aus den Halterungen – nur, was wir tief verletzen, spüren wir; man ist dem Leben nur nah, wo man Raubbau mit ihm treibt. Jenes räudige »Rain Dogs«-Bellen von Waits, es warnt Sittsame, die sich ängstlich ihrem täglichen Recht auf eine Wut gegen die Welt verweigern: Vorsicht, bissiger Mund!

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