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Die Klugheit ist weiblich

20 Jahre Dresdner Sezession 89 – Jubiläumsausstellungen der Künstlerinnengemeinschaft

  • Von Sebastian Hennig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Petra Vohland: »Dialog«, Mischtechnik
Petra Vohland: »Dialog«, Mischtechnik

An der Frauenkirche in Dresden befindet sich das Coselpalais. Nach den Verwüstungen des Siebenjährigen Krieges setzte sich Graf Friedrich August von Cosel, der Sohn von August dem Starken und dessen berühmtester Geliebten, für den Wiederaufbau ein. Hinter dem Klischee von Barockstadt und Mätressenwirtschaft verbirgt sich eine Kunstblüte von Weltgeltung, der unübersehbar ein weibliches Element beigemischt war. In der Galerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden künden die Pastellporträts der Rosalba Carriera vom Ruhm des Kapellmeisters Hasse und seiner vergötterten Frau, der Sängerin Faustina Hasse-Bordoni. Reinhard Strom schreibt über eins deren Hauptwerk, die Oper »Cleofide«, jene musikalisch-poetischen Apotheose weiblicher Klugheit: »In »Cleofide« entdeckte das Dresdner Publikum im Jahre 1731 eine »weibliche« Musiksprache, eine damals noch exotische Schönheit, deren Friedensbotschaft manch einen bis heute nicht erreicht hat.«

Wenn nun in den Räume des vor zehn Jahren erneut wiederhergestellten Coselpalais die Künstlerinnen der »Dresdner Sezession '89« ihre Arbeiten ausstellen, berührt den Betrachter eine verwandte Botschaft, die in Anbetracht des heutigen Kunstbetriebes inzwischen bald schon wieder exotisch ist. Die Bilder, Plastiken und Objekte vermitteln den Eindruck einer überlegenen Ausgeglichenheit, deren formale Seite dennoch nie langweilig wird. Die Vereinigung, die im Dezember 1989 von 23 Malerinnen, Grafikerinnen, Plastikerinnen und Kunstkritikerinnen gegründet wurde, ist keine ideologisch gerichtete Frauen-Lobby. Sie umfasst ein zweckorientiertes Bündnis profilierter Künstlerinnen, das darüber hinaus durch jahrelange Freundschaften erprobt und gefestigt wurde.

Von der Plastikerin Thea Richter hängen vier großformatige Grafitzeichnungen auf Transparentpapier aus der Reihe »biophil«. Sie gleichen Monumentalansichten mikroskopischer Blicke auf Fruchtstände, Blätter und Pollen, Keimungen und Pilze. Christiane Latendorfs farbige Tafeln erinnern in ihrer Eindringlichkeit und Einfachheit an volkstümliche russische Bilderbogen des 18. Jahrhunderts. Ocker, Ultramarin und Schwarz verleihen dem Blatt von Mandy Hermann-Amrouche etwas Golden-Festliches wie einer Prozessionsfahne. Krista Grunickes lebensgroße Holzschnitt-Hochformate aus gesägten Brettern präsentieren stelenartig »König« und »Königin«. Vignettenartig offen auf dem Blattviereck platziert sind die chiffrenhaften Beobachtungen Petra Vohlands. Mit ihnen verdichtet sie Gesehenes aus der Erinnerung zu Bildgestalten: »Istanbul«, »Strandsegel« und »Hausboot«. Einer sicher und großzügig erfassten Fläche werden skurrile Kritzeleien eingeschrieben, die an die jähe Inspiriertheit von Kinderzeichnungen erinnern. Die farbig gefassten, freigestellten Cutterschnitte von Irene Wieland erscheinen wie Gestalten aus Tiermärchen. Eine ähnliche Welt bevölkert auch die illustrativen Bilder mit Engeln und exotischen Nagern von Leonore Adler.

Ein besonderer Akzent auf Präsentation und Materialwirkung verbindet alle Exponaten. Stella Pfeifer verwendet Tierhaare und Lavendelzweige für quadratische kleine Materialbilder. Konstanze Feindt-Eißner tränkte das Papier mit Bienenwachs bis es braun, schwer und glasig ist und einen ungewöhnlichen Grund für Gestalten aus einigen wohlüberlegten Kreideschwüngen bietet. Christa Donner lässt den Sonnenton des sächsischen Sandsteines in reduzierten Köpfen, Stand- und Sitzfiguren seine Wirkung entfalten. Wie bei ägyptischen Altertümern verbindet sich monolithische Strenge der Gestalt mit zarten Zügen des Antlitzes. Die verschränkten Arme der Stehenden vereinheitlichen den Umriss.

Erstaunlich oder vielleicht bezeichnend, wies das Meer oder das Wasser in vielen Darstellung vorherrscht. Auf den großen Radierungen von Kerstin Franke-Gneuß besiedeln kraftvolle Kaltnadelspuren eine Unterlage aus Reservagestrukturen. Aus den Blättern »Strömungen«, »mehr Meer – zu Ilma Rakusa« und »Meerlicht« strudelt das feuchte Element in grafischer Verwandlung. In Bärbel Kuntsches Holzschnitten »Am Meer – Mutter und Kind« und »Zeichnen auf der Veranda« lichtet sich das chaotische Rauschen schwarz-weißer Partikel zu gediegener Klarheit. Auf Tanja Zimmermanns Bildern aus der Serie »Wasser« erstarrt der farbige Papierbrei zu unscharf verlaufenden Formen, wie auf chinesischen Aquarelle doch ungleich schwerer, wegen der Einbindung des Farbstoffes in die Papiermasse. Der Widerspruch zwischen Bildträger und gebundenem Pigment ist aufgehoben in einer Materie.

Zwei Narren sitzen in einem Boot mit gebrochenem Maststumpf und ruhenden Rudern: »Vorwärts immer rückwärts nimmer«, kommentiert Angela Hampel ihr Gemälde im Titel. Auf der Zeichnung daneben greift ein Minotaurus nach einem fahlen Frauenleib. Auf Gudrun Brückels Scherenschnitten bewegen sich Heuschrecken und Käfer in Gräsern. Gudrun Trendafilov entwickelt aus Tuschelavierungen odaliskenhafte Figuren, deren penible Konturen in der Ferne vom Fleck aufgesogen werden. Als eine Unruhe hängen Annerose Schulzes »Botschaften« von der Decke. Büttenpapiere in der Form erbrochener Briefkuverts entstürzen Nachrichten von Scherenschnittcollagen aus naturfarbigen Papieren und Stickereien. Karin Heynes Siebdruck-Unikat aus zwölf Druckgängen ordnet ein banales Imbiss-Stillleben mit Kunststoffgabel zur symmetrisch in sich verschränkten feierlichen Figur.

Gerda Lepke erfasst eine gegenwärtige »Straßenszene« und eine »Löwengöttin« des Altars von Pergamon in der gleichen pointillistischen Malweise. Ein horizontal angelegtes Triptychon von Christiane Just bezieht sich auf den Jakobsweg. Die mittlere Tafel nehmen Pilger ein, oberhalb deren sich ein Augenhimmel öffnet. Darunter scheint sich eine Sphäre der Elementargeister zu befinden. Kerstin Quandts »Kreaturen« bestehen aus bezeichneten, in Kästen übereinander montierten Glasscheiben, die so eine Art Raumvorspiegelung bewirken. Auf einem Ölbild von Christine Littwin wäscht sich ein Akt über einer Schüssel. Bronzen schimmert Gabriele Reinemers »Afrikanischer Baum« auf der Spitze einer hausartigen Keramikstele. Daneben streift »kleines Raubtier« bedrohlich und feige über den Boden. Petra Graupner hat ihm seine rötliche, struppige Mähne verpasst. Hinter Christine Heitmanns modellierten Torsi hängen flächig konstruierte Papierschnitte.

Mit der allgemeinen Verschärfung der materiellen Lebensbedingungen hat unter den freien Künstlern Zwietracht und Misstrauen nicht gerade abgenommen. Das sich die »Dresdner Sezession 89« nun schon zwanzig Jahre als Gemeinschaft bewährt hat, ist wohl auch weiblicher Friedfertigkeit und weiblichem Ordnungssinn zuzuschreiben. In der »galerie drei«, dem Ausstellungsraum der Sezession auf der anderen Elbseite, in der Dresdner Neustadt zeigt die Dokumentationsausstellung: »Werke_Geschichte_Ausblicke«. Dort werden auch die vergänglichen Projekte und Aktionen der Gruppe für die Erinnerung anschaulich nachvollziehbar gemacht.

20 Jahre Dresdner Sezession '89 e. V., Coselpalais-Piano-Haus Kirsten, 2. Etage, An der Frauenkirche 12, bis 23. Dezember, Di-Sa 15-18.30 Uhr
»Werke_Geschichte_Ausblicke« in der galerie drei, Prießnitzstraße 43, bis 9. Januar 2010, Di-Fr 14-18.30, Sa 11-18 Uhr
Zum Jubiläums erscheint »20 Jahre Dresdner Sezession 89 e.V.«

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