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Doping am OP-Tisch?

Chirurgische Fachgesellschaft warnt vor »Wachmacherpillen«

Die vorläufigen Ergebnisse einer ersten systematischen Studie zur Lebensqualität deutscher Chirurgen stellte die Fachgesellschaft des Berufsstandes in der vergangenen Woche in Berlin vor. Befragt wurden 3600 Vertreter des Berufszweiges, knapp 1800 Fragebögen standen zur Auswertung bereit.

Der Arbeitsdruck bei Chirurgen steigt. Sie müssen immer häufiger operieren. In 2008 stieg die Zahl der Eingriffe im Vergleich zum Vorjahr um 5,2 Prozent. Zugleich erledigen sie immer mehr »Bürokram« an – sie mache inzwischen bis zu 66 Prozent der Gesamtarbeitszeit aus, gaben die Befragten an. Knapp 40 Prozent von ihnen empfinden die eigene Lebensqualität schlechter als die der Durchschnittsbevölkerung, 34 Prozent sogar schlechter als die der eigenen Patienten.

Chirurgen kommen in ihren Traumberuf nur nach einer elfjährigen Ausbildung – fünf Jahre Studium der Humanmedizin, sechs Jahre Ausbildung in einem chirurgischen Fach. Und sie werden immer weniger: Eine zunehmend größere Zahl von Frauen beginnt und beendet das Medizinstudium, aber angesichts der schwierigen Arbeitsbedingungen geht nur ein winziger Bruchteil von ihnen in die Chirurgie. Dass es hier Wege zur Veränderung geben sollte, scheint den länger in der Zunft Tätigen nicht vorstellbar.

Eine Reaktion auf den Stress am OP-Tisch war schon immer die Verwendung von Stimulantien. Kaffee ist hier kein Thema mehr – nur an einem speziellen Werbespot ist zu erkennen, dass ohne ihn wohl kein Klinikbetrieb aufrecht erhalten werden könnte. Bei den Suchtmitteln von Ärzten steht Alkohol an erster Stelle, zumindest nach Untersuchungen der privaten Oberbergklinik mit Standorten auch in Berlin und Brandenburg. Von 400 hier stationär behandelten Ärzten waren 50 Prozent von Alkohol abhängig, fast 31 Prozent aber von Alkohol und Medikamenten.

Die Sorge der Chirurgischen Fachgesellschaft vor dem Missbrauch von Psychopharmaka ist begründet. Genauer geht es um Modafinil oder Methylphenidat (als Ritalin bekannt), die für die Therapie von krankhaftem Schlafdrang oder Aufmerksamkeitsdefiziten entwickelt wurden. Diese Substanzen werden unter dem Label »Neuroenhancement« analog zu Koffein neuerdings als risikoarmes Mittel zur beruflichen Leistungssteigerung verharmlost. Hierauf hätten besonders Ärzte erleichterten Zugriff, hieß es auf der Chirurgenkonferenz. »Bei einem chirurgischen Eingriff sind in höchstem Maße klare Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft gefragt«, so Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Die »smart pills« könnten dies beeinträchtigen und auch die nötige Distanz zum Operationsgeschehen reduzieren.

Nach einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse haben knapp fünf Prozent aller Beschäftigten in Deutschland schon einmal die leistungssteigernden Pillen eingenommen, darunter als besonders anfällige Gruppe auch die Medizinstudenten. In der aktuellen Umfrage wurden die Chirurgen danach befragt, ob sie ihre berufliche Leistung medikamentös aufwerten. Die Antworten dazu werden allerdings erst im Frühjahr 2010 vorgelegt.

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