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Die Macht der PR-Leute

Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur dieser Zeitung.
Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur dieser Zeitung.

Die diesjährige Studentenbewegung hat ein kleines Problem. Zwar wird sie von der Politik registriert und auf den Demonstrationen zählt man Tausende von Köpfen, doch in der öffentlichen Wahrnehmung reduzieren sich die Forderungen auf die Kritik an der sogenannten Bologna-Reform. Selbst der Großteil der Protestierenden dürfte den Inhalt des Aufrufs nicht kennen, mit dem vor wenigen Tagen zur Demonstration vor der Tagung der Kultusministerkonferenz in Bonn mobilisiert wurde. Darin werden u.a. die Abschaffung des Bachelor-Master-Systems, ein kostenloser Nahverkehr sowie eine kostenlose Einzelbetreuung bei der Schüler-Nachhilfe gefordert. Das ist schon ein Phänomen, denn der Aufruf ist kein Geheimpapier; er kann auf der Webseite des Bildungsstreik-Bündnisses nachgelesen werden, nur scheint sich außer den politisch links orientierten Initiatoren des Aufrufs niemand für dessen Inhalt wirklich zu interessieren.

Vielleicht müssten sich die protestierenden Studierenden medientaktisch modernisieren. Eine Reihe politischer Gruppierungen lässt nämlich heute sein Agitprop-Geschäft von PR-Agenturen erledigen. Darauf machte kürzlich das NDR-Medienmagazin »Zapp« aufmerksam. So engagierte laut »Zapp« die Kassenärztliche Vereinigung Werbefachleute, um dem Protest gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung eine medienwirksame Richtung zu geben. Das Ergebnis der Bemühungen: Vor dem Bundestag versammelten sich viele Ärzte, die ihre Weißkittel symbolisch an den Nagel hängten. An die Bilder, die von der Aktion im Fernsehen liefen, kann ich mich noch gut erinnern.

Der Betrug der Kassenärztlichen Vereinigung bestand darin, dass es nicht Ärzte waren, die sich zur Demonstration versammelt hatten, sondern von der beauftragten PR-Agentur gecastete Darsteller. Auch hinter einer Bürgerinitiative aus Hessen soll sich eine PR-Agentur versteckt haben, heißt es in dem »Zapp«-Beitrag. Die Initiative hatte 2008 eine Kampagne gegen die hessische SPD gestartet. Damit sollte eine von der Linkspartei tolerierte rot-grüne Koalition torpetiert werden. Die empörten Bürgerbewegten warfen der damaligen hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti Wahlbetrug vor. Mit Aufrufen im Internet, Aufdrucken auf T-Shirts und Protestbuttons machte die Bürgerinitiative mobil. Hinter den PR-Leuten soll sich den Angaben zufolge aber wiederum Kochs CDU verborgen haben.

Der Trick ist nicht neu, nur entfaltet er in unserer mediengesteuerten Wahrnehmung der Wirklichkeit eine besondere Kraft. Es ist ja nicht so, dass die Aktivitäten ominöser PR-Agenturen, die im Auftrag politischer Gruppierungen arbeiten, unentdeckt blieben. Es wird in einer demokratischen Gesellschaft immer Menschen geben, die die Wahrheit ans Licht bringen. Problematisch ist jedoch, dass die Bilder, die die PR-Fachleute mit ihren Aktionen erzeugen, im Gedächtnis der Zuschauer hängen bleiben.

Bilder aber sind mächtiger als Worte. Das zeigt sich auch an folgendem Beispiel: PR-Beauftragte der Deutschen Bahn haben über einen längeren Zeitraum in Internetforen vorgegeben, Kunden des Unternehmens zu sein und als solche den geplanten Börsengang der Bahn überschwänglich begrüßt. Der Skandal wurde vor gut einem halben Jahr aufgedeckt, der damalige Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, kam in Erklärungsnöte. Der Vorfall kann sich aber jederzeit wiederholen, denn wer weiß schon, welche Person sich mit welchen Absichten hinter welchem Namen im Internet versteckt.

Weil wir das wissen, haben wir auch schon vor dem PR-GAU Mehdorns dem geschriebenen Wort ebenso misstraut wie dem gesprochenen. Die Bilder der angeblichen Ärzte aber bleiben in unserem Gedächtnis haften. Vielleicht sollten die Studierenden einfach eine PR-Agentur unter Vertrag nehmen.

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