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Wie Gott in Kaufland

Striezel, Markt und Weihnachtsmann in Dresden

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

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Alle Jahre wieder kommt das Christuskind ...« singt es in herrlicher Gewissheit. Statt des Christuskinds ereilt uns jedoch mit Sicherheit der Stress. Wir wissen zwar, in der dunkelsten Zeit des Jahres, wenn die Sonne den niedrigsten Stand am Himmel erreicht hat und die Tage am kürzesten, die Nächte am längsten sind, sollte es also stiller werden auch in uns. Aber wir lassen uns auf den Geschäftstrubel allenthalben ein. Das Überdröhnen der »Stille Nacht, heilige Nacht«-Töne vom Warengeläute und -geklingel, das maßgeblich die Werbeindustrie komponiert hat, es ist die Musik, nach der uns der Sinn steht. In Weihnachten sieht mehr als die Hälfte der Deutschen vor allem ein Fest des Schenkens und Beschenktwerdens. Hört sich zunächst gut an. Schenken, aus dem Mittelhochdeutschen »einschenken« im Sinne von »zu trinken geben«, ist eine Grundform sozialen Handelns. Aber vor das Schenken hat der an Zeitnot und Geistarmut leidende Zeitgeist eben zuvörderst das Kaufen gesetzt. Unser Spruch lautet nicht: »Vitam impendere vero« (das Leben dem Wahren weihen – Juvenals Satiren), sondern: »Wir weihen es der Ware«. Uns Shopaholics ist nichts lieber, als dass uns der Schlag mit der zwanghaften Kaufkeule trifft. So passen wir am besten in die Überproduktionsgesellschaft, in der Bedarf erst geschaffen wird (Karl Marx), wir sind ihr Produkt.

Und doch: alljährlich glückt uns ein kleiner Ausreißer aus dem alltäglichen Einerlei der Shoppingrituale: Wir gehen auf den Weihnachtsmarkt. Ist Berlin Hauptstadt des Shopping (oder möchte es gern sein), so darf man mit Sicherheit feststellen, die »historische Kernkompetenz« des speziellen vorweihnachtlichen Markttreibens besitzt die Stadt Dresden. In diesem Jahr feiert der Striezelmarkt auf dem Altmarkt neben der Kreuzkirche sein 575. Jubiläum. Er ist der älteste seiner Art in Deutschland, nicht bloß einer der vielen in Dresden und von den 2500 Weihnachtsmärkten in Deutschland insgesamt, sonder der Striezelmarkt.

Der Besucher dieses Traditionsmarkts kann sich zu einer besonderen Konsumgruppe zugehörig fühlen: Was er kauft, ist regional, ist altes sächsisches, vor allem erzgebirgisches Handwerk. Die Wertschätzung einheimischen Gewerbes zeigt sich, verglichen mit anderen deutschen Weihnachtsmärkten, selten so konzentriert wie hier. Und diese weltweit begehrten Handwerksprodukte sind es, die wie kaum ein Zweites die Schaulust befriedigen. Ob neueste Kreationen von Weihnachtsbaum-Glasschmuck aus dem thüringischen Lauscha (gläserne Weihnachtsmänner, die wie echte Schokolade aussehen), ob die seit Generationen vertrauten Holzfiguren aus Seiffen oder Olbernhau, Plauener Spitzen und was nicht alles statt Konsum- und Neugier vor allem die Erinnerungsgier befriedigen mag. Nicht zu vergessen: Es gibt neben anderen Schauwerkstätten auch eine Schaubäckerei der echten, zu recht gerühmten Dresdner Stollen.

Dass es auf dem Striezelmarkt um mehr geht als das Einsacken beliebiger Waren, zeigt in diesem Jahr erstmals bereits die Anordnung der Marktbuden: Nicht mehr wie bisher schmalgassig und in streng schachbrettartiger Rasterung stehend geben sie jetzt mehrere gemütliche Plätze frei. Das klingende-singende Revueprogramm, unsinnig obligat inzwischen auf den meisten Weihnachtsmärkten, kommt hier nicht von der Distanz gebietenden Bühne – Sänger, Musikanten und sonstige Weihnachtsmarktanimateure geben ihre Darbietungen auf Augenhöhe mit den erwartungsfrohen, sprich: amüsierwilligen Weihnachtsmarktbesuchern. Das mindert den Anschein von Kulturkonsum. Das schlichte Gemeinschaftsgefühl: »Wir sind hier, es geht uns gut.« wird bestärkt.

Reich mit Tannenzweigen und Strohsternen geschmückt sind die Buden. Derer mit Ausschank sind fast ohne Zahl, für Touristen eine einzige Großkantine. Sie befeuert ein frohmütiges Daseinsgefühl, als wäre man Gott in Frankreich beziehungsweise in Elbflorenz. Dazu gehört, bei Weltrekorden dabei zu sein: Der größte begehbare Schwibbogen der Welt – rund dreizehn Meter breit und fünf Meter hoch –, ist erstmals Striezelmarktattraktion. Hinaufgestiegen überschaut man wie von einer Brücke den Platz. Das bisherige Hauptglanzstück war die noch immer schön anzusehende, fast fünfzehn Meter hohe erzgebirgische Stufenpyramide – ein Blickfang zum Hochschauen und Bewundern. Bereits seit 1996 alljährlich das Striezelmarktwahrzeichen hat sie auch einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde, der Schwibbogen strebt ihn an.

Warum der schöne Markt aber Striezelmarkt heißt? Was ein Striezel denn wohl ist? Man erfährt es ganz genau bei einem Besuch im Städtischen Museum im Landhaus. Es beschert eine Ausstellung zum Weihnachtsmann, und bereits im Treppenhaus des alten, prächtig weihnachtlich geschmückten Gebäudes – man lächelt in die Vorzeiten zurück – wird vom Striezel erzählt, nämlich dem weihnachtlichen Gebäck, das man gemeinhin Stollen bezeichnet. Seine ganze Geschichte: historische Etappen seines Aufkommens, Teigbeschaffenheit, Anlässe der Übergabe, Schnurren drum herum. Seit 1329 kennt man das Gebildegebäck, damals nur aus Mehl, Hefe, Öl und Wasser bestehend. Es stellte wohl ein in Windeln gewickeltes Christkind dar. 1560 wurde es erstmals nachgewiesenermaßen »Striezel« genannt. Um 1900, versehen inzwischen mit kräftig kräftigenden Zutaten, schickten die Dresdner Bäckermeister die Ein-, Zwei- und Mehrpfünder bereits über die deutschen Grenzen. Seit Langem der Konkurrenz Pfefferkuchen (auch der nicht minder berühmten Pulsnitzer) überlegen hat das Backwerk mit den klassischen Dresdner Ingredienzen, die Bäckergeheimnisse bleiben und auf die es beim Feinschmecker ankommt, ein Echtheitssiegel.

Echt – und das ist ja eine »zielführende Qualität« beim Museumsbesuch – sind beispielsweise die alten, als Nostalgie zu belächelnden, innig kitschigen und doch so schönen Weihnachtsmannfiguren aus Pappmaché, Biskuitporzellan, Holz und Papier, die die Weihnachtsausstellung präsentiert. Ein Refugium idyllischer Bürgerlichkeit wird illustriert: überwiegend mit Leihgaben aus der Kollektion eines privaten Sammlers. Er besitzt, staunenswert, rund dreitausend Objekte einzig zu der ambivalenten Figur des Strafers und Beschenkers zugleich. Während der Begriff Weihnachten im Jahre 1170 erstmals genannt wurde – »Ze den wihen nachten« auf Mittelhochdeutsch –, ist der Name Weihnachtsmann erst seit 1820 belegt, erfährt man. Wer wusste das schon? Ach, auch so erledigen sich Geheimnisse.

Die Ausstellung führt unterhaltsam vor, was er mit Sankt Nikolaus, Knecht Ruprecht (mit vielen Namenssynonymen) und dem Christkind gemeinsam hat, auch mit Väterchen Frost, Snjegurotschka und Santa Claus, wie es zu seiner heute typischen Bekleidung kam, mit welchen Fahrzeugen er sich hin zu den Familien begab, deren Fest Weihnachten seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Auch fehlen nicht seine Darstellung in bildender Kunst und Literatur oder Wunschzettel-Adressen an Weihnachtsmann und Christkind in Engelskirchen und Himmelpfort. »O du fröhliche ...« Gott sei's gedankt.

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