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Quelle-Insolvenz bringt Nürnberger Westen unter Druck

Versandhauspleite ist auch eine städteplanerische Herausforderung

  • Von Stephan Maurer, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Durch die Insolvenz des Versandhändlers Quelle gingen an der Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth nicht nur Arbeitsplätze verloren. Auch Stadtplaner sind nun gefragt, damit der betroffen Stadtteil nicht mit untergeht.

Nürnberg. Die erste deutsche Eisenbahn fuhr 1835 hier entlang. Später wurden in riesigen Fabriken Motorräder gebaut, Schreibmaschinen und Elektrogeräte; daneben errichtete die Quelle, Europas größtes Versandhaus, ihr Versandzentrum. Die Fürther Straße in Nürnberg: Über Jahrzehnte boten Großunternehmen wie Triumph-Adler (TA), AEG und Quelle hier Tausenden von Menschen einen Arbeitsplatz. Heute ist das Vergangenheit, wenig ist übrig geblieben von den großen Namen der Nürnberger Wirtschaftsgeschichte. Für die Stadt bedeutet dies nicht nur den schmerzhaften Verlust tausender Arbeitsplätze – auch städteplanerisch ergeben sich daraus große Herausforderungen.

Was tun mit dem Quelle-Gebäude?

Auf riesigen Arealen waren TA, AEG und Quelle im Nürnberger Westen, an der Stadtgrenze zu Fürth, ganz eng beieinander angesiedelt. Schon nach der AEG-Schließung und verstärkt jetzt nach der Quelle-Pleite wurden Befürchtungen laut, der Stadtteil mit seinen 15 000 Einwohnern werde nun langsam dahinsterben. »Die Fürther Straße ist unter erheblichen Druck gekommen«, sagt der Nürnberger Immobilienunternehmer Gerd Schmelzer. »Es besteht die Gefahr, dass sie kollabiert.«

Vor allem das einstige Quelle-Versandzentrum macht den Planern Kopfzerbrechen. »Die Schwierigkeit liegt im Gebäude«, erläutert Michael Ruf vom Bürgermeisteramt. Tageslicht und natürliche Belüftung fehlen in dem Koloss mit seinen 250 000 Quadratmetern Nutzfläche, der zudem unter Denkmalschutz steht. Eine neue Nutzung für den gewaltigen Klotz zu finden, wird deshalb alles andere als einfach sein. Der Einfluss der Stadt ist zudem begrenzt, denn Eigentümer ist eine Fondsgesellschaft, Quelle war nur Mieter.

Verhindern will die Stadt, dass im einstigen Versandzentrum eine riesige Mall entsteht, dass sich Discounter-Märkte und andere Läden in großer Zahl breitmachen. »Das würde den Einzelhandel in Nürnberg und Fürth enorm unter Druck setzen«, sagt Ruf. Dagegen könnte vielleicht das eine oder andere Projekt aus dem Strukturpaket der Staatsregierung hier untergebracht werden, meint er – doch im Moment ist das Zukunftsmusik.

Ein langer Atem dürfte nötig sein, um das Gelände Zug um Zug neu zu beleben. Wie es funktionieren kann, wird derzeit in ersten Schritten auf dem AEG-Areal vorgeführt. Nachdem die Hausgerätefabrik 2007 nach erbittertem Arbeitskampf geschlossen worden war, hatte der Berliner Immobilien-Entwickler MIB das 120 000 Quadratmeter große Gelände vom schwedischen AEG-Mutterkonzern Electrolux gekauft.

»Wir haben erst einmal einige Hallen abgebrochen, um Freiflächen zu schaffen, Licht und Luft hereinzubekommen«, schildert Projektleiter Bertram Schultze. Electrolux war dann der erste »Ankermieter« und hat einen Teil der sanierten Gebäude für seine Deutschlandzentrale zurückgemietet. Auch Produktion wurde an die Fürther Straße zurückgeholt: Der Siemens-Konzern hat sich eingemietet und stellt in einer der Hallen auf 7500 Quadratmetern Eisenbahn-Transformatoren her.

Früher AEG – heute Heim für Künstler und Handwerk

Zugleich wurden mittlerweile mehr als 70 Künstler zu geringen Mieten auf das Gelände gelockt. Ausstellungen, Kabarett-Abende und »Events« aller Art sollen Leben in den Nürnberger Westen bringen. Auch die Stadt ist mit im Boot und will ein Kulturzentrum entwickeln. Außerdem haben Handwerker wie Schlosser, Schreiner oder Bildhauer ihren Platz »auf AEG« gefunden. Nächster Bauabschnitt ist nun das »Quartier 4« – hier sollen in kleinteiliger Struktur Gastronomie, Kultureinrichtungen, IT-Dienstleister und Ähnliches angesiedelt werden.

Vorbild für eine gelungene Revitalisierung ist bei alledem das neben AEG liegende frühere Gelände von Triumph-Adler. Immobilienunternehmer Gerd Schmelzer hatte es in den 1990er Jahren gekauft und erfolgreich zu einem mittelständischen Gewerbepark umgebaut. Auf einer Gesamtnutzfläche von fast 100 000 Quadratmetern hat ein Fitness-Center Platz gefunden, ebenso ein Hotel, eine Bühne des Staatstheaters sowie gastronomische und kulturelle Einrichtungen.

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