Werbung

Wenig Hoffnung für »Gandhi der Westsahara«

Aminatou Haidar seit mehr als 30 Tagen im Hungerstreik

  • Von Alfred Hackensberger, Lanzarote
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Seit mehr als vier Wochen befindet sich die Bürgerrechtlerin Aminatou Haidar auf dem Flughafen der Kana-reninsel Lanzarote in einem Hungerstreik. Sie will damit die Rückkehr in ihre Heimat – die von Marokko besetzte Westsahara – erreichen.
Das Zimmer, das Aminatou Haidar gegen ihren Platz in der Abflughalle eingetauscht hat, ist knapp neun Quadratmeter groß, ohne Fenster und Lüftung. Unmittelbar neben dem Busparkplatz des Flughafens von Lanzarote liegend, ist es spärlich, nur mit einer Matratze und einer kleinen Lampe eingerichtet. Neben dem Bett drei Halbliterflaschen Wasser, mit Zucker versetzt. Das ist die Ration, die Frau Haidar – auch als »Gandhi der Westsahara« bekannt – seit dem 15. November täglich zu sich nimmt. Wenn sie keine Interviews gibt oder Solidaritätsbesuche empfängt, schläft sie meistens. Zum Lesen ist sie nach 30 Tagen Hungerstreik zu müde, ihr Körper schmerzt, sie ist lärm- und lichtempfindlich, weshalb die Glastür völlig abgeklebt ist.

Wie lange die 42-Jährige noch ausharren wird, ist ungewiss. Wieder und wieder hat die Aktivistin für die Menschenrechte und einen unabhängigen Staat in der seit 1975 von Marokko besetzten ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara betont, dass sie bereit ist zu sterben. »Eines steht fest: Ich werde tot oder lebendig nach Al Aioun zurückkehren.«

Am 14. November hatten die marokkanischen Behörden ihr, die in den USA eine Auszeichnung erhalten hatte, in Al Aioun die Einreise verweigert, Pass und Personalausweis abgenommen und sie am folgenden Tag nach Lanzarote abgeschoben. »Ich beende den Hungerstreik nur, wenn ich in meine Heimat zurückkomme«, sagt sie. Dabei gehe es ihr auch um Würde und den legitimen Kampf um individuelle Rechte. »Wenn ich jetzt aufgeben würde«, glaubt die Mutter zweier Kinder, »dann werden später auch andere Sahrauis auf die gleiche Art und Weise, wie es mir passiert ist, aus ihrem Vaterland deportiert.«

Am Montag versicherte der marokkanische Staatsminister Mohand Leanser bei einem Besuch in Gran Canaria, dass das Königreich »Opfer« einer Kampagne sei, aber trotzdem bereit, sofort einen neuen Pass auszustellen. »Allerdings muss Frau Haidar sich als Marokkanerin bekennen.« Gerade das kommt für sie nicht in Frage.

Internationale Vermittlungsversuche sind bisher fehlgeschlagen. Selbst UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der Marokko angesichts der »prekären menschlichen Situation Aminatou Haidars« um »besondere Rücksichtnahme« bat, hatte keinen Erfolg. Auch die USA wollen sich offenbar nicht in den Konflikt einmischen, um ihre guten Beziehungen mit einem der wenigen Bündnispartner unter den arabischen Staaten nicht zu beeinträchtigen. Beim Besuch des spanischen Außenministers Miguel Angel Moratinos am Montag in Washington sagte Hillary Clinton kein Wort zum Fall Haidar. Sie überließ dies ganz ihrem Amtskollegen. Moratinos sprach bei der abschließenden Pressekonferenz von »unmittelbaren Versuchen«, die Situation von Frau Haidar zu lösen, »damit sie ihren Hungerstreik abbricht«.

Schlechte Aussichten für die sahrauische Aktivistin. Von Verpflichtungen Marokkos war in der Erklärung von Moratinos nicht die Rede. Stattdessen sprach der spanische Außenminister von Verhandlungen zwischen Marokko und Algerien, »die zu einer Selbstbestimmung des sahrauischen Volkes« führen sollten. Bis es dazu allerdings kommt, ist es für Aminatou Haidar auf dem Flughafen von Lanzarote garantiert zu spät.

Zitiert - Aus »Diario de Notícias«

Der Hungerstreik Aminatou Haidars habe schon jetzt mehr bewirkt als alle diplomatischen Bemühungen, meint die portugiesische Tageszeitung »Diário de Notícias« am Dienstag in einem Kommentar:

»Oft ist der individuelle Einsatz am besten, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft für einen Fall zu wecken, der vergessen schien. Dies ist Aminatou Haidars Sieg, die der Welt zeigt, dass ihr Volk weiterhin vom machtvollen Nachbarn (Marokko) unterdrückt wird ...

Die ehemalige Kolonialmacht Spanien hat sich in diesem Fall bislang für Realpolitik entschieden, um die guten Beziehungen zu Marokko nicht zu stören – also versucht, den Konflikt mit Rabat zu vermeiden wegen Cëuta und Melilla, den spanischen Enklaven in Marokko. Doch die Ähnlichkeit mit der Situation Osttimors, das 24 Jahre von Indonesien besetzt war ..., ist zu offensichtlich, um von Portugal ignoriert zu werden. Die Sahrauis haben genau wie die Timorer das Recht auf Selbstbestimmung. Es muss alles getan werden, um Aminatous Leben ... zu retten, die in 30 Tagen mehr für die Westsahara erreicht hat, als drei Jahrzehnte fruchtlose Debatten auf der internationalen Bühne der Diplomatie.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!