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Frohlocken mit Grubenlampe

Die Kompanie Novoflot setzt im Radialsystem das Weihnachtsoratorium experimentell in Szene

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Bei Novoflot wird Bachs Musik zur Nebensache degradiert.
Bei Novoflot wird Bachs Musik zur Nebensache degradiert.

Ein festlicher Auftakt mit Pauken und Trompeten, dann wird gesungen: »Jauchzet, frohlocket«. Der Eingangschor des Weihnachtsoratoriums ist in dieser Jahreszeit ein allgegenwärtiger Ohrwurm; er gehört zum Advent wie Tannenbaum und Gänsebraten. Er ist damit ein weiterer Weihnachtsbrauch, der mit der ursprünglichen christlichen Botschaft nicht mehr viel zu tun hat. Zugegeben: Eine Aufführung der einzelnen Teile des Oratoriums in den sechs Gottesdiensten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag – so wie es von Bach gedacht war – dürfte im weitgehend konfessionslosen Berlin nur wenige Besucher anziehen. Warum also nicht versuchen, die frohe Botschaft des Stücks durch eine neue Aufführungsform freizulegen?

Ein solches Experiment hat nun die freie Opernkompanie Novoflot mit ihrer szenischen Aufführung des Adventsklassikers unternommen. Am Mittwoch fand die Premiere im Radialsystem statt. Mit 120 Beteiligten – Sängern, Schauspielern, Chören, Jazzmusikern und Orchester – ist es die bislang größte Produktion an diesem Ort.

Der Regisseur Sven Holm hat die Struktur des Werkes buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die sechs, oft als »Kantaten« bezeichneten Einzelteile wurden parallel in mehreren Sälen des Hauses aufgeführt; die Besucher erwanderten sich das Stück in einem Rundgang. Zuweilen kommt es in dem Neu-Alt-Bau mit seinen verschachtelten Treppenhäusern, turmartigen Aufbauten und weitläufigen Spreeblick-Galerien zu beeindruckenden Effekten: Die Musiker des hauseigenen Ensembles Kaleidoskop spielen im Dunkeln, mit Grubenlampen an der Stirn. Und von der Aussichtsplattform ruft der Knabenchor Berlin immer wieder »Wo ist der neugeborne König der Juden?« in die eisige, neblige Luft über dem Fluss; dazu tutet ein Nebelhorn.

Von Bachs Musik bleibt freilich nicht viel übrig. Sven Holm hat das Oratorium, das Bach durch Tonartenbezüge und wiederkehrende Choräle zu einer Einheit verband, in seine Einzelnummern zerstückelt und diese Splitter verfremdet und neu kombiniert. In einer Szene etwa streiten sich die vier Gesangssolisten auf einer Betriebsweihnachtsfeier, indem sie sich gegenseitig Bruchstücke aus ihren Arien an den Kopf werfen.

Nach der Pause geht es aufführungspraktisch konventioneller zu: Das Publikum sitzt im Konzertsaal vor einer Bühne. Dort peitscht Dirigent Vicente Larra das Orchester, die singenden Knaben und den Karl-Forster-Chor zu straffen Tempi und einem zupackenden, grellen Bach-Klang an. Unter den Solisten hinterlässt der runde, gleichzeitig agile Bass von Nils Cooper den nachhaltigsten Eindruck.

Auf der Bühne entfaltet sich eine absurde Szenerie: Die Sopranistin trägt eine schwarze Gaze-Maske und Knieschützer. Der Bass hat eine Bierflasche in der Hand und spielt mit Matrjoschkas. Eine Schauspielerin bemüht sich, die weißen Rutschbahnen zu erklimmen, die das Architekturbüro Graft als Bühnenbild gefertigt hat.

All das ist zuweilen amüsant, erscheint aber willkürlich und zusammenhanglos. Schließlich ist das Ensemble Novoflot mit dem Anspruch angetreten, das »dem Weihnachtsoratorium innewohnende utopische Potenzial« wiederzuentdecken. Geht das überhaupt, wenn man Bachs Musik zur Nebensache degradiert? Denn auf die richtet der Besucher des vierstündigen Events nur zwischendurch seine Aufmerksamkeit – wenn er nicht gerade schaut, schwatzt, Treppen steigt oder am Weinglas nippt. Jedenfalls vermittelte an diesem Abend nicht Bach eine Ahnung von der transzendierenden Kraft der Musik, sondern der Jazzmusiker Conny Bauer. Der schien mit dem eindringlichen Jaulen und Grummeln, Hauchen oder Schreien seiner Posaune gleichsam Gott in jeder Tonlage anzurufen.

Weitere Aufführungen: 18. bis 20., 23., 25 bis 27. Dezember, jeweils 19 Uhr, www.radialsystem.de

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