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Erfahrung ist besser als graue Theorie

Selbstständiges Lernen fällt Schülern in Deutschland schwer, auch weil sie es nicht gelernt haben

  • Von Sabine Sölbeck
  • Lesedauer: 5 Min.

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Schüler erhalten von Lehrern Anweisungen, was und wie sie lernen sollen. Das sind Erziehungspraktiken des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es sind aber auch noch die Ansichten und Praktiken von heute. Als Journalistin und Medienpädagogin führte die Autorin zahlreiche Projektwochen an Schulen durch. Zuletzt begegnete sie der zehnten Klasse einer Berliner Gesamtschule in einem sogenannten sozialen Brennpunktbezirk.

Projektarbeit in Schulen wird euphorisch begrüßt. Vor allem wenn die Bezirke Wedding, Neukölln oder Kreuzberg heißen. Denn Projektarbeit fördert Kinder und Jugendliche. Das ist auch die Ansicht der Rektorin dieser Berliner Gesamtschule. Sie möchte einiges an ihrer Schule verändern: das Gebäude erneuern, kleinere Klassen bilden, eine Gemeinschaftsschule etablieren, besseres Lernen kultivieren. Ihre Vorbilder sind reformpädagogische Ansätze und die Gewinnerschulen des Deutschen Schulpreises.

Zur Umsetzung solcher Pläne gehört es, externe Fachkräfte oder Künstler an die Schulen zu holen. Das ist nicht neu. Bereits der amerikanische Pädagoge John Dewey (1859) hatte es bemerkt: »Ein Gramm Erfahrung ist besser als eine Tonne Theorie.« Dewey setzte sich in seiner Zeit für Projektarbeit ein, um Schüler zu aktivem Forschen anzuregen. Denn Projektarbeit bezieht viele Sinne ein: geistige und körperliche Arbeit, soziales Lernen, fächerübergreifendes Lernen, Lebensweltorientierung, gesellschaftliche Praxisrelevanz, zielgerichtete Projektplanung sowie Selbstorganisation und Selbstverantwortung.

Letzterer Punkt betrifft die Eigenverantwortung der Lernenden selbst. Die Freiheit der Selbstständigkeit ist jedoch schwer auszuhalten, weil diese Freiheit aktives Handeln voraussetzt. Das aber widerspricht dem Geist des Schulunterrichts in Deutschland, wie er immer noch anzutreffen ist. Oft stehen die Lehrer und Lehrerinnen an staatlichen Schulen vor der Klasse und präsentieren den Stoff. Die Schüler müssen nicht Fragen stellen und selbst nach Antworten suchen, meistens gibt es eine »richtige« Antwort, die von der Lehrkraft vorgegeben wird. Projektarbeit aber steht konträr zu diesem täglichen Ablauf des Lernens der Schüler an vielen Schulen.

Kapitulation vor der Anstrengung

Ein Beispiel: Im Klassenraum sitzen 30 Schüler. Zusätzlich zur hohen Anzahl der Schüler herrscht klassischer Frontalunterricht. Der Raum ist karg und klein. Weiße Bänke, unbequeme Holzstühle. Das Lehrerpult sichtbar vor der Tafel. Jeder Schüler hat einen Migrationshintergrund. In Brennpunktbezirken ist das so. Sprechen die Pädagogen vertraulich miteinander, geben sie zu, dass sie die Denkstrukturen ihrer Schüler nicht begreifen. Die Kulturen unterscheiden sich. Eine Erzieherin berichtet von Hausbesuchen, bei denen sie erschreckende Dinge gesehen hat. Es sei bemerkenswert, wenn die Schüler aus solchen Verhältnissen wenigsten jeden Morgen in die Schule kämen. Manche machten sich von klein auf allein für die Schule fertig. Eine Mutter weckt ihr Kind mit dem Mobiltelefon, weil sie arbeitet. In den Zimmern der Kinder und Jugendlichen stehen meist ein Bett, ein Schrank und ein Fernseher. Kein Bild, kein Buch, kein Schreibtisch.

Wie vermittelt man Lernen positiv an diese Kinder? In dieser Projektwoche haben 16-jährige Schüler die Freiheit teilzunehmen oder nicht. Sie erhalten einen journalistischen Auftrag und Vorschläge dazu, wie sie zu einem Ergebnis kommen können. Das Ziel besteht darin, einen Radiobeitrag zu einem Thema zu erstellen. Zunächst werden alle Stühle und Tische umgestellt. Eine Art Konferenztisch wird simuliert, an welchem die Redaktionssitzungen ablaufen. Schüler erlernen in einer Projektwoche, Mikrofon und Aufnahmegerät als Arbeitsmittel zu nutzen. Zur praktischen Arbeit gehört, ein oder mehrere Interviews zu führen. Diese Arbeit ist sehr beliebt bei den Schülern. Medientechnik ist Zaubertechnik, sie wird gern benutzt.

Weniger beliebt ist die Herleitung von Fragen, die im Interview gestellt werden könnten. Die Bedienung des Ton- und Schnittprogramms am Laptop stellt ebenfalls kein Problem für die Schüler dar. Sie sind fingerfertig, schnell und belastbar in technischen Angelegenheiten. Die Theorie ist problematischer, vor allem die Recherche. Ein Thema bearbeiten und vertiefen? Wenn die Schüler ins Internet gehen, können sie die relevanten Informationen nicht herausfiltern. Sie sind schlicht überfordert. Scheitern sie an der Wahl der Möglichkeiten? Sie haben Computer, Internet und eine ganze Bibliothek. Es stehen Audiodokumentationen und Dokumentarfilme zur Verfügung. Die Möglichkeiten sind vorhanden. Doch die Freiheit der Selbstorganisation führt zu Lustlosigkeit. Hilfestellungen dazu, wie Wissen recherchiert und dokumentiert wird, löst bei den Schülern Protest aus.

Diese Arbeit ist langweilig. Unruhe entsteht. Hilflosigkeit. Denn das Handwerkszeug zum Lesen und Verstehen ist in keiner Weise ausgebildet. Die Schüler wissen nicht, was sie wie tun sollen. Sie kapitulieren, weil es anstrengend ist. Am liebsten wollen sie wieder regulär in ihren Bänken sitzen, zum Bekannten zurück. Ein leiser Ruf nach der Autorität, die die Aufgaben aufteilt. Eigentlich müsste trainiert werden, wie Wissen gefunden und dargestellt werden kann. In einer Woche ist das jedoch nicht möglich. Hilflosigkeit herrscht auch bei Lehrern und Erziehern, die sich darum sorgen, dass das Ergebnis gefährdet wird. Sollen sie die Schüler nun erziehen, gewähren lassen oder bestrafen? Die Freiheit zu haben, selbst ein Thema zu bearbeiten, ist plötzlich unerreichbar geworden.

Scheitern als Chance begreifen

Sich selbst zu organisieren, muss erlernt werden. Es ist eine Fertigkeit, sich im Leben später kreativ mit Problemen und dessen Lösungen auseinander zu setzen. Die Aufmerksamkeitstoleranz der Schüler ist jedoch unterentwickelt, um Problemen oder Fragestellungen auf den Grund zu gehen. Woran liegt das? Auch am frühen Einschreiten der Pädagogen. Die Unsicherheit aushalten, müsste die Devise heißen. Die Schüler scheitern lassen, und sie die Konsequenz des Scheiterns spüren lassen. Immer wieder erreicht eine Projektwoche dieses prekäre Stadium: Das Bewusstwerden dessen, dass das Projekt den Schülern selbst gehört. Nicht den Lehrern. Nicht den Projektleitern. Die Schüler bestimmen, sie haben in der Hand, was sie in einer Woche tun, was das Ergebnis sein wird, was sie erreichen wollen. Diskutieren die Schüler dann unausweichlich das Thema Selbstständigkeit und Selbstorganisation, antworten sie: »Das ist ja bloß ein Projekt, wenn Sie fortgehen, ist alles wieder beim Alten. Was haben wir schon zu bestimmen.«

Eine Hoffnung bleibt. Die Klasse hat ein Hörfunkstudio besucht, ein Interview geführt, Passanten auf der Straße befragt. Die nächsten Schritte können die Schüler selbst tun. 10 von 30 Schülern dieser Klasse haben am Ende der Woche vor, das Projekt allein zum Abschluss zu bringen. Ein Erfolg. Noch erfolgreicher wäre Pädagogik, wenn projektbezogenes Lernen prinzipiell in den Schulen etabliert würde. Das würde aber auch bedeuten, dass sich die Art der Anforderungen der zu erbringenden Prüfungsleistungen verändert. Denn ein Gramm Erfahrung ist besser als eine Tonne Theorie.

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