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Vom Anfang

Friederike Mayröcker zum 85. Geburtstag

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Wer Gedichte schreibt, steht am Anfang. Wieder einmal. Immer wieder neu. Auch Friederike Mayröcker, die am Sonntag fünfundachtzig wird, hört nicht auf zu beginnen. Begegnet den Worten, als sei es zum ersten Mal. (Oder zum letzten Mal – wo ist der Unterschied?) Mit einem unroutinierten Wissen darüber, dass jedes Wort eine eigene Welt beschwört; ein magischer Akt.

In Mayröckers Sprache rumort das Urwissen von der verletzlichen Unschuld jener Worte, die nicht etwas bezwecken – wer Gedichte schreibt, der ist (zumindest während er schreibt) dieser Logik glücklich entkommen. Kein Haben oder Nicht-Haben, sondern werden, was man sein könnte. Bescheidener ausgedrückt: Maskenspiele, Vervielfältigung des eigenen Lebens, Identität auf Probe – jedoch nie beliebig, sondern Flucht ins Offene, die zugleich Beharren im Eigenen ist. Wer sagt, nun rede doch mal Klartext, der wird ohnehin kein Mayröcker-Leser. Denn hier liegt es klar vor uns: Wahrheit, ausgesprochen, wird paradox oder sie lügt der Einfacheit halber. Im Alltag genügt das in der Regel, in der Poesie niemals.

Wer so lebt, wer so schreibt, der zahlt einen hohen Preis. Mayröcker jedenfalls weiß von ihrem ersten Buch an, worauf sie sich einließ. Über ihren Erstling von 1956 »Larifari. Ein konfuses Buch« schreibt sie: »Im gleichen Verlag, im gleichen Jahr erschien der Gedichtband ›Andere Augen‹ von Ernst Jandl. Obwohl es uns gefiel, erstmalig zu publizieren, hatten wir keine Hoffnung auf künftige Veröffentlichungen. Beide Bücher wurden so gut wie nie verkauft ...«

Wer über mehr als ein halbes Jahrhundert lang Gedicht schreibt, muss vor allem eines sein: Genie der nüchternen Emphase. Ein Selbsterhitzer und Selbstabkühler. Außenwelt? Wird immer unwichtiger. Das poetische Betriebsklima regelt das andere in einem selbst. Wer Gedichte schreibt, lebenslang, wird ein Nothelfer des Selbstgesprächs. Aber nicht nur das Alltags-Ich spricht dabei, auch das Mysteriöse, das, was in uns lebt, doch nicht von uns ist und das uns im Traum manchmal erscheint und für das es nach dem Aufwachen keine Worte gibt.

Wer dichtet, dem fehlen die Worte. Er versucht sie aus ihren Verstecken zu treiben, aus ihrem Tiefschlaf zu wecken – dazu bedarf es der Zaubersprüche, aber die verstecken sich am besten. Ein Glück, dass sie nicht jedem zugänglich sind, das verhindert Missbrauch! Dichter sind Mitwisser der Worte und ihrer Geheimnisse, sie müssen gut schweigen können.

Dichter ist, wer seinen Worten, die eben nie nur seine Worte sind, sein Leben schenkt, aufbürdet, verpfändet, nachwirft, wie auch immer – es jedenfalls auf ein Minimum an Handlung beschränkt. Wer schreibt, wartet auf etwas, das ihm nur die Worte geben können. Wer so wie Mayröcker schreibt, der denunziert nicht jene Unverständlichkeit, die er an sich entdeckt, nicht die Hermetik, die zu jeder echten Dichtung gehört, sonst wäre sie nur Alltagsparole. Worthimmel gibt es und Worthöllen. Wem das nicht genügt, der widme sich handfesteren Dingen.

Leben? Zwei Sätze gibt es von Mayröcker über ihre Leben außerhalb des Schreibens: »1924, 20. Dezember in Wien geboren, lebt dort. 1946 – 68 Lehrerin (für englische Sprache und Literatur), seit 1969 freischaffend.« Schwere Arbeit, den Weg immer wieder neu zu gehen, am Anfang zum Anfänger zu werden, der stammelt, bevor er spricht. Vor allem ist es eine Haltung. Abwehr der Welt, jedoch Einladung an den Einzelnen, am eigenen Leben teilzuhaben – lesend. Mayröcker: »Der Biographielosigkeit als Lebenshaltung stehen die Texte gegenüber, denen man als Autor einfach nicht entkommt. In ihnen wuchert rücksichtslos die eigene Vergangenheit.«

Zwei neue Bücher sind bei Suhrkamp erschienen: »Scardanelli« und »dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif«. »Scardanelli»: Wandergedichte eines Wiedergängers. Hölderlin, der Verlöschende in Tübingen. Ein ihm Hinterherhorchen ins Heute. Wortspiele mit dem eigenen Tod wie in »Venedig Phantasie«: »(es rissen sich los die Worte am heutigen / Morgen ich spucke Blut keuche durch Amselgärten und / Blüthentod habe die Fische gewickelt in altes Zeitungspapier)« Da ist es, jenes Hinabtauchen bis auf den Grund der Wort-Lagune, an dem eine Verwandlung stattfindet, die nicht für Publikum bestimmt ist: »Ich, ahnungslos aus einer hermetischen Kindheit, ohne besondere Vorzeichen und Vorzüge, entdecke eines Tages, wie unvorstellbar, wie unglaublich: ich schreibe meine eigene Poesie.«

Der zweite Band, »dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif«, versammelt alle Gedichte 2004 bis 2009. Abschiedsgedichte voller Lebenshunger. Liebesbeschwörungen ohne Resignation, frappierend in ihrer erotischen Unerlöstheit. Sehr viele Widmungsgedichte darunter. Als wollte sie alle Freunde noch einmal schreibend mit jener Aufmerksamkeit bedenken, die eben jenes Schreiben ihr nahm. Versuch einer Vereinigung mittels Namensnennung, wo doch, wie wir seit Gottfried Benn wissen, wahrhaftiges Dichten etwas mit »Gewaltakt in Isolation« zu tun hat.

Und es taugt nur, was aus Regionen der Sprachlosigkeit auftaucht, in die es zuvor hinabgetaucht war – ohne Termin der Wiederkehr. Bleibt Hölderlin als Beispiel: »ich möchte bleiben die Lupe in der Hand ich möchte/ leben Hand in Hand mit Scardanelli, das Lamm in meinem Bett/ die Schäbigkeit meiner Zwischenzeit ekstatisch ahnungslos (ent-/ flammt) wie damals als Vater mich fotografierte in meinem/ weiszen Kleid und 1 Strähne Haar (hatte den Kopf gedreht)/ ins Auge wehte « -

Friederike Mayröcker: »Scardanelli«. 53 S, brosch., 14,80 €. »dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif«. Gedichte. 342 S., geb., 22,80 €. Beide Suhrkamp Verlag.

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