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Eine Brücke nur für Tiere

Niedersachsen baut für 2,5 Millionen Euro begrünten Übergang bei Göttingen

  • Von Reimar Paul, Göttingen
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Tierbrücke über die Bundesstraße 27 soll Wildunfälle eindämmen und das Überleben von bedrohten Tierarten in der Region sicherstellen.

In Niedersachsen liegen Landesregierung und Umweltschützer bekanntlich oft über Kreuz, und dass sich Natur- und Tierfreunde über eine Straßenbaumaßnahme freuen, kommt nur selten vor. Jetzt aber gibt es einen solchen Fall. Das Land errichtet nämlich über der Bundesstraße 27 bei Göttingen eine Grünbrücke für Wildkatzen und Waldtiere. Und die Naturschützer, die solche Korridore schon lange fordern, begrüßen diese Maßnahme auf das Schärfste.

Der Übergang über die viel befahrene B 27, die von Göttingen nach Norden in den Harz führt, soll zwei von der Straße zerschnittene Waldgebiete miteinander verbinden. In der Region leben seit einigen Jahren wieder Wildkatzen. Förster und Ökologen schätzen die Zahl auf bis zu zwanzig Tiere. Weitere Vorkommen gibt es unter anderem im Harz und im Solling. In ganz Deutschland soll es wieder bis zu 5000 Wildkatzen geben, nachdem die Nacht- und Dämmerungsaktiven Tiere zeitweise als nahezu ausgerottet galten.

In dem Straßenabschnitt zwischen den Ortschaften Roringen und Waake, in dem die Grünbrücke im kommenden Jahr gebaut werden soll, wurde nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jedes Jahr mindestens eine überfahrene Wildkatze gefunden. Die Dunkelziffer liege wahrscheinlich noch viel höher. Wildkatzen, die sich äußerlich nur durch einen buschigen Schwanz und dunkle Ringe im Fell von grau oder braun getigerten Hauskatzen unterscheiden, würden oft gar nicht als solche identifiziert.

Die Brücke werde etwa 50 Meter breit und dicht mit Büschen bepflanzt sein, erläutert Heike Haltermann von der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr das Vorhaben. Trichterförmig aufgestellte Zäune sollen die Wildkatzen auf die Brücke leiten und von ihr wieder weg in den Wald führen. Lärm- und Lichtschutzwände sollen dafür sorgen, dass die Tiere beim Überqueren des Bauwerks nicht verschreckt werden.

Planer wie Naturschützer gehen davon aus, dass in der Folge auch anderes Wild wie Rehe, Hirsche oder Wildschweine die Grünbrücke nutzen werden. Haltermann verweist auf entsprechende Erfahrungen mit einem ersten ähnlichen Übergang an der Autobahn 395, die von Braunschweig über Wolfenbüttel nach Bad Harzburg führt. Dort sei die Zahl der Wildunfälle deutlich zurückgegangen. Für das südliche Niedersachsen, wo sich besonders viele Wildschweine in den Wäldern tummeln und fast täglich Unfälle verursachen sind, hätte die Brücke deshalb neben dem Tierschutz- auch einen wirksamen Unfallvermeidungseffekt.

Der BUND freut sich über das Vorhaben des Landes und verweist auf eine eigene parallele Initiative. Der Verband legt derzeit in Niedersachsen erste Korridore an, die durch Straßen oder Bahntrassen isolierte Inseln für Wildkatzen miteinander vernetzen sollen. Durch diese »grünen Korridore« erhoffen sich die Umweltschützer ein Zusammenwachsen der bislang weitgehend getrennten Populationen.

Der BUND-Bundesvorsitzende Hubert Weiger dringt gar auf eine Vernetzung der Wälder in ganz Deutschland. Bedrohte Tierarten wie die Wildkatzen hätten nur dann eine Überlebenschance, wenn ihre Lebensräume verknüpft würden. Der Volkswagen-Konzern fördert das Artenschutzprojekt des BUND mit 20 000 Euro, mit dem Geld werden Hecken und Randstreifen an Gewässern gepflanzt.

Die Straßenbaubehörde beziffert die Baukosten für den bepflanzten Übergang bei Göttingen mit rund 2,5 Millionen Euro. Das Geld stammt aus dem Konjunkturpaket II. Die Grünbrücke gilt auch als Pilotprojekt für weitere geplante Bauwerke über die Nord-Süd-Autobahn A 7.

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