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Aus Leidenschaft in Ostberlin

Ein Norweger zeigt seinen Landsleuten die Frankfurter Allee, das sowjetische Ehrenmal und den Alex

Vor 31 Jahren war der Trondheimer Journalist und Sozialarbeiter Hans Robertsen zum ersten Mal in Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Seitdem hält ihn die Leidenschaft für diesen Teil der Stadt gefesselt. Er besuchte sie unzählige Male, lebte eine Zeit lang hier und führt jetzt norwegische Touristen durch Ostberlin.

Ein Reisebus hält am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Die 20 Frauen und Männer, die sich beim Aussteigen den Mantelkragen hoch schlagen, kommen aus Trondheim. Das stürmische, kalte Berliner Herbstwetter erinnert sie sehr an ihre mittelnorwegische Heimat. Sie sind Mitarbeiter der National Court Administration, einer zentralen Behörde für das ganze Land, deren Aufgabe die Organisation und Verwaltung für alle norwegischen Gerichte ist. Eine Bildungsreise, gesponsert von ihrem Arbeitgeber, führt sie nach Berlin. Auf ihrem Plan stehen der Besuch der norwegischen Botschaft und ein Gespräch im Bundesjustizministerium. Und viel Freizeit für die Besichtigung der deutschen Hauptstadt, die sie an ihrem ersten Tag in Berlin in den Osten führt.

Als sie die Fahrt planten, erzählte ihnen ein Trondheimer von ihrem Landsmann Hans Robertsen, der auf den Osten Berlins spezialisiert sei und unterhaltsame Stadtspaziergänge anbiete. Sie hätten in einem Restaurant gegessen, in dem auch Erich Honecker schon zu Gast war, und mit ostdeutschen Fernsehjournalisten über die Zeit der Wende diskutiert. Auf so etwas hatten auch die Trondheimer Gerichtsadministratoren Lust, unter ihnen Kjell Arne Reisch. Der 42-Jährige mit deutschen Vorfahren ist zum ersten Mal in Berlin.

Hans Robertsen kann seine Ostberlin-Aufenthalte – mit gelegentlichen Abstechern in den Westteil der Stadt – nicht mehr zählen. Als er 1978 das erste Mal hierher kam, übernachtete er noch auf einem Zeltplatz in der Umgebung Berlins, denn den konnte man ohne lange Wartezeiten auf ein Visum buchen. Als erstes besuchte er das Ehrenmal in Treptow, das seitdem bei keiner Visite in der Stadt ausgelassen wird. »Hätte ich eine Kirche«, sagt der 58-jährige Atheist, »dann wäre sie an dieser Stelle. Das Ehrenmal symbolisiert für mich das Ende des Krieges und den Beginn des Kalten Krieges. Wenn der Sozialismus irgendwo begraben ist, dann hier.« Beim ersten Besuch hatte ihn ein Volkspolizist, den er nach dem Weg zum Denkmal fragte, schließlich zu der gewaltigen Anlage mit der Bronzestatue des Sowjetsoldaten mit dem Kind und dem zerbrochenen Hakenkreuz begleitet und ihm erzählt, dass sich über 500 Kunstwerke um das Ensemble gruppieren. Zu dessen Erhaltung hat sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet.

Während der Wahl-Ostberliner, der zur Zeit im rheinischen Neuss lebt, die Geschichte erzählt, klicken die Fotoapparate der Norweger. Jemand fragt, wann das Denkmal entstanden ist, von wem die Sarkophage am Rand der Anlage sind und was die russischen Inschriften bedeuten, die keiner von ihnen entziffern kann. Hans Robertsen muss nicht in seine Aufzeichnungen schauen. Das ist die 15. Gruppe, die er jetzt hierher geführt hat und er kennt die Antworten auf die Fragen in- und auswendig. Auf dem Rückweg in die Stadt erklärt er dem Busfahrer, wo er sich einfädeln muss, wenn er den Feierabendstau vermeiden will. Die Fahrt führt über die Frankfurter Allee zum Alex, vorbei an der Karl-Marx-Buchhandlung, dem Cafe Sybille und dem Haus der Elektroindustrie, in dem sich in der DDR die Meldestelle für Ausländer befand. Hans Robertsen weiß zu jeder Adresse eine Geschichte und vergisst nicht zu erwähnen, dass der Kaufhof gegenüber einmal eine besondere Fassade hatte und er dem Architekten des heutigen Gebäudes einen Preis für besonders hässliche Architektur verleihen würde.

Der Abend endet bei Wendegeschichten und russischer Soljanka in einer kleinen Berliner Musikkneipe. Robertsen hatte sie entdeckt, als er im Friedrichshain lebte. Weil immer wieder Norweger an seinem Tresen saßen, entschloss sich der Wirt Thomas Müller schließlich, eine Webseite in ihrer Sprache einzurichten – das »Dritte Ohr« ist bestimmt die einzige Ostberliner Kneipe mit diesem Komfort, vermutet er.

Kjell Arne Reisch will im nächsten Jahr wiederkommen und sich die Stadt ganz gründlich anschauen, am besten noch einmal mit Hans Robertsen, der ein so großes Herz für den Osten hat.

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