Von Walter Draeger

Die DDR – eine kritische Bilanz

Über Erwartungen, Bedingungen und Wirkungen des »ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden«

Nach 40 Jahren des Kalten Krieges, des Roll Back und des Boykotts, weiteren 20 der offiziellen Delegitimation, der üblen Nachrede als Unrechtsstaat mit dem letzten Jahr Dauerfeuer gegen sie, ist eine kritische, sachliche Bilanz der DDR unverzichtbar. Dem dient auch die folgende Betrachtung.

Nach dem furchtbaren Krieg des deutschen Faschismus, der Europa in ein Trümmerfeld verwandelte, war die Gründung einer Deutschen Demokratischen Republik zwingend notwendig. Die Völker Europas und auch viele Deutsche erwarteten das Entstehen eines friedlichen demokratischen Deutschland. Mit der Bildung der BRD erfüllte sich das Sehnen nach Frieden nicht. Die Kriegsgewinnler und Teile der braunen Elite blieben weitgehend an der Macht. Damit setzte die Gründung der DDR ein hoffnungsvolles Zeichen des Bruchs mit der aggressiven deutschen Vergangenheit, die Millionen Menschen das Leben kostete.

Neben der Friedenssehnsucht war das Streben nach Arbeit und Wohlstand auch im deutschen Volk stark verbreitet. Wohin Massenarbeitslosigkeit viele trieb, war noch gut bekannt. Schließlich hatte der Krieg auch das Hab und Gut vieler Familien zerstört. Also erwarteten die Menschen soziale Sicherheit, ohne Großkapital und politische Hasardeure. Selbst die westdeutsche CDU bekannte sich in ihrem Ahlener Programm 1947 zum Sozialismus, da »das kapitalistische Wirtschaftssystem den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden« sei. Ähnlich erklärte die westdeutsche SPD bereits 1946 den Sozialismus zur Tagesaufgabe.

Schließlich sehnten sich die Menschen nach den Jahren der brutalen Diktatur nach persönlicher Freiheit, Freiheit von unmenschlicher Ausbeutung, politischer Unterdrückung und geistiger Bevormundung. Zweifellos waren diese hohen Erwartungen besonders an die DDR als dem neuen Deutschland geknüpft.

Harte Bedingungen ihrer Entwicklung

Die folgende Entwicklung der DDR fand unter Bedingungen statt, die sehr widersprüchlich waren.

Einerseits verbanden viele Menschen ihre Erwartungen mit starker Aufbruchstimmung. Bereitschaft zu harter Arbeit war vorhanden, denn überall mussten die Trümmer weggeräumt werden. Emigranten kehrten aus aller Welt zurück, um gerade im neuen Deutschland mit anzupacken. Zehntausende junge Westdeutsche weilten zu den Deutschlandtreffen 1950 und 1954 in der Hauptstadt der jungen Republik. 1951 und 1973 traf sich sogar die Jugend der Welt in Berlin. Völkerfreundschaft wurde ein neuer Wert der jungen Deutschen anstelle von Völkerhass und Aggression.

Andererseits wirkten schwierige, oft negative Bedingungen: Durch die Zerstörungen des Bombenkrieges und die blindwütigen Abwehrkämpfe des verlorenen Krieges, besonders im deutschen Osten, fehlten Wohnraum, Arbeitsstätten und andere Einrichtungen, die nicht kurzfristig zu schaffen waren. Die Besatzungsmächte regierten das Land seit 1945 gemäß dem Potsdamer Abkommen. Sie verlangten Reparationen, die im Folgenden fast ausschließlich (zu 97 Prozent) aus der Wirtschaft der SBZ und bis 1954 aus der DDR geleistet wurden. Demgegenüber konnte der westdeutsche Teilstaat mit den 15 Milliarden Dollar rechnen, die durch die USA für Westeuropa mit dem Marshallplan seit 1948 zur Verfügung standen, allerdings an die Spaltung Deutschlands gebunden waren.

Mit Beginn des Kalten Krieges setzte sich im Westen bereits seit 1946 mehr und mehr der Antikommunismus durch. Die Konfrontation zwischen den Alliierten und damit auch zwischen den Besatzungszonen in Ost und West bestimmte ihre Beziehungen. Mit den CoCom-Listen der USA wurde 1949 ein Embargo für strategische Güter gegen Osteuropa verhängt, das die ostdeutsche Wirtschaft mit einer entwickelten Industrie besonders hart traf. Adenauer hetzte bereits im Frühjahr 1950, kurz nach Gründung der DDR, dass der »NS-Terror mäßig gegenüber dem in Ostdeutschland« sei. 1956 forderte er vom US-Außenminister Dulles unmissverständlich die Durchführung geeigneter Schritte zur »Befreiung« der 17 Millionen Deutschen in der DDR. So wurde nichts unterlassen, den Aufbau in der DDR zu torpedieren.

Dazu kamen die Disproportionen in der Standortverteilung der deutschen Industrie, die besondere Anstrengungen erforderten, um Störungen aus dem Westen zu mildern.

Leistungen zeigen bleibende Wirkungen

Unter den genannten Bedingungen ist heute kaum noch vorstellbar, dass sich der ostdeutsche Staat überhaupt, Jahrzehnte sogar beachtlich, behaupten konnte. Er erreichte auf einigen Gebieten Ergebnisse, die auch mit intensiven Politik- und Medienkampagnen der Delegitimierung aus dem Bewusstsein nicht zu löschen sind.

Im Osten Deutschlands wurde eine Gleichheit geschaffen, die einmalig dasteht. Mit einigen Ausnahmen gab es gleiche Rechte für alle Bürger. Das Recht auf Arbeit war Realität, Arbeitslosigkeit unbekannt. Mit der Überwindung der Kriegsschäden erhielt jeder eine Wohnung. Obdachlosigkeit wurde ein Fremdwort. Das einheitliche Bildungssystem wurde beispielhaft für viele Länder. Es gewährte jedem eine gute Ausbildung. Kultur stand allen zur Verfügung. Das Gesundheits- und Sozialsystem kannte keine Teilung zwischen Arm und Reich und bot mit Polikliniken, Hausärzten und Gemeindeschwestern eine moderne leistungsfähige Versorgung.

Das sind Ergebnisse, die bis heute wirken, insbesondere da viele Bürger täglich genau gegenteilige Erfahrungen machen.

Der Welt zeigte sich in vieler Hinsicht ein neues Deutschland, das bisher einzige in der langen Geschichte, das in keine Kriege verwickelt war. Frieden und Völkerfreundschaft wurden Werte, die zu Solidarität mit anderen Völkern führten. Mit Arbeitsbrigaden in Afrika, Hilfe beim Aufbau nationaler Bildungssysteme, der Ausbildung vieler junger Fachleute aus aller Welt und im sportlichen Wettstreit errang sich dieser kleine deutsche Staat hohe Wertschätzung. Das galt bis ins UNO-System hinein, in dem DDR-Vertreter hohe Ämter ausübten. Und das trotz Hallstein-Doktrin, mit der die BRD jede Anerkennung über Jahrzehnte bekämpfte. Viele Länder haben das bis heute nicht vergessen.

Nicht zuletzt seien hier auch die Wirkungen auf die BRD genannt. Das Großkapital war zur Mäßigung gezwungen. Bei allen Tarifverhandlungen saß die DDR mit am Tisch. Auch bei anderen Sozialleistungen war der sozialistische deutsche Staat zu überbieten.

Trotz alledem endete mit dem 40. Jahr die Existenz der DDR. Das war für eine ganze Generation, die sie erbaute, eine große Enttäuschung. Was waren die Ursachen ihres Untergangs? Darüber wird heute viel geschrieben. Gern wird ihr wirtschaftlicher Bankrott bemüht, doch sie war bis zum Ende bei internationalen Banken kreditwürdig. Ihre öffentlichen Schulden pro Kopf lagen 1989 weit unter denen der BRD.

Man liest weiter, die DDR habe die Menschen entmündigt, doch in der deutschen Geschichte gibt es wohl keine Parallele zur demokratischen Verabschiedung einer unfähigen Regierung, wie 1989 in der DDR, obwohl Anlässe dafür bis heute genug existieren.

Ursachen des Untergangs

Für das Scheitern dieses Sozialismusversuches sehe ich vor allem folgende Gründe: Erstens war diese Republik vom ersten Tage an in starker Abhängigkeit von der UdSSR, ähnlich der der Bundesrepublik von den USA. Vielfach wurde das sowjetische Sozialismus-Modell mit allen seinen Mängeln einfach übertragen. Die Bindung an die Sowjetunion verstärkte sich noch mit der Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen, der oft einzigen Alternative zum Boykott des Westens. Mit dem Niedergang der Sowjetunion war also das Schicksal der DDR prinzipiell besiegelt. So fehlten dem Bau von Werkzeugmaschinen, Herzstück jeder Industrie, seit den 80er Jahren die modernen elektronischen Steuerungen, womit ihre teuren Maschinen, Hauptexportgut der Republik, oft nur zum halben Preis verkauft werden konnten.

Zweitens führten grobe Fehlentscheidungen der DDR-Führung zur systematischen Schwächung der Republik. In der Wirtschaft störten die Überbetonung der Zentralisation, das direkte Reinregieren der SED und die Missachtung der Marktmechanismen. Die Chance nach 1961, die günstigen inneren Bedingungen zu prinzipiellen Korrekturen zu nutzen, wurde seit den 70er Jahren verspielt. Nötige Investitionen sanken rapide. Der Konsum stieg schneller als vertretbar. Es ging an die Substanz.

Daneben wirkten zunehmender politischer Druck gegen alles nichtoffizielle Denken, Dogmatismus und Falschinformation zu stets größerem Widerspruch zwischen der Theorie und der Praxis des Sozialismus. Die Führung entfernte sich immer mehr vom Volk, und das in einem sozialistischen Staat! Das Nichtregieren im Jahr 1989 gab nur noch den Rest zu allgemeiner Unzufriedenheit, wodurch das Ende der DDR kaum noch von inneren Kräften beeinflusst werden konnte. So endeten die hohen Erwartungen in groben Enttäuschungen.

Drittens schließlich blieben ununterbrochene Angriffe der anderen deutschen Republik nicht ohne Wirkungen. Neben dem partiellen Boykott, Störungen im innerdeutschen Handel und Währungsmanipulationen wurden alle Register im Wirtschaftskrieg ausgespielt. Aber das war nicht anders zu erwarten. Denn die Enteignung des Großkapitals war unverzeihlich. Geübte Kräfte konnten ihr Werk ab 1990 in der Treuhandanstalt zu Ende führen und die ostdeutsche Industrie weitgehend liquidieren, was sich inzwischen zum dauerhaften Schaden für ganz Deutschland erweist.

Was bleibt an Lehren aus den 40 Jahren eines Sozialismusversuchs in Deutschland? Zweifellos bleibt die Überwindung des mächtigen Privateigentums und seiner Herrschaft über alle Bereiche der Gesellschaft weiter auf der Tagesordnung. Horrende Ungleichheit, Finanzspekulation, Kriegsabenteuer und die Zerstörung wichtiger Ergebnisse menschlicher Zivilisation durch die Verabsolutierung des Geldes zwingen dazu immer mehr.

Die Lösung kann nur in der Sicherung der Macht der arbeitenden Menschen liegen. Also Sozialismus, aber nicht von oben, sondern demokratisch von unten durch das Volk. Marktwirtschaft – ja, aber nicht die kapitaldominierte, die auch mit den Adjektiven »frei« oder »sozial« vor allem profitorientiert bleibt. Nötig ist eine sozialistische Marktwirtschaft, die über Geld und Preis den Naturverbrauch drosselt und über gerechten Lohn zu effizienter Arbeit anhält, also der Allgemeinheit dient. Für den Weg dahin gibt es kein Schema, aber demokratische Formen und stets neue Versuche, wie die Entwicklung in verschiedenen Teilen der Welt zeigt.

Prof. Dr. Walter Draeger lehrte an mehreren Hochschulen des In- und Auslandes und lebt heute in Berlin.

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