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Der Nachlass eines Gauleiters

Einmaliger Quellenbestand über Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg

  • Von Jürgen Tremper
  • Lesedauer: 3 Min.

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Seit einem Jahrzehnt geht Michael Buddrus, tätig am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, intensiv der Entwicklung des Nationalsozialismus in Mecklenburg nach. So erschien 2007 ein biografisches Lexikon über die Professoren der Universität Rostock im »Dritten Reich«, kürzlich eine umsichtig eingeleitete und umfangreich kommentierte Edition der Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt (1898-1948) (Foto: Archiv) mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg von September 1939 bis März 1945.

57 nicht lückenlos überlieferte Protokolle von Beratungen mit den Gauamtsleitern und Kreisleitern der NSDAP, mit den Mitgliedern des Reichsverteidigungsausschusses, des Einsatzstabes und des Sonderstabes des Gauleiters sowie den Landräten und Bürgermeistern Mecklenburgs widerspiegeln Kernfragen der Herrschaftsgestaltung, der Kriegführung und des mecklenburgischen Alltagslebens en detail. Die Themen reichen von der Arbeitskräftelage über die Telefonversorgung in den Dörfern, die Trinkwasserqualität in den Städten, diverse Schwierigkeiten der Treibstoffbeschaffung bis zur Zerstörung der Rostocker Innenstadt und deren Folgen. Die veröffentlichten Dokumente gehören zu dem 1998/99 vom Landeshauptarchiv Schwerin erworbenen Nachlass Hildebrandt.

Mit dieser vorbildlich editiertenPublikation öffnet sich für Spezialisten wie auch für historisch Interessierte ein Quellenbestand ersten Ranges, wie er für keinen anderen der 43 NSDAP-Gaue des »Dritten Reiches« bislang aufgefunden worden ist. Sie können ungefiltert, unzensiert und ohne Propagandagetöse lesen, wie Gauamtsleiter, Ministerialbeamte, Landräte, Bürgermeister, Staatsanwälte, Gerichtspräsidenten, Polizeiführer, Gestapo- und SD-Beamte, Industrielle und Militärs miteinander geredet, gestritten und entschieden haben. Erstmals können Denken, Agieren und Lösen von Problemen durch verantwortliche regionale Akteure auf der Gau-Ebene eingesehen und nachvollzogen werden. Die Sitzungsprotokolltexte wie auch Buddrus' Kommentare belegen, wie im Krisenmanagement an der Heimatfront auf der Ebene eines Gaus zumeist mit rücksichtsloser Energie und Härte vorgegangen worden ist. Der Autor informiert auch darüber, dass Hildebrandt der einzige Gauleiter war, der nur einen Volkschulabschluss aufweisen konnte.

In den präsentierten Dokumenten werden vielschichtige, bis Kriegsende immer größer werdende Differenzen zwischen Anforderungen der Reichsebene und regionalen Möglichkeiten des Gaus anschaulich. Die Publikation bietet zugleich Anregungen für überregionale Forschungen, zumal die Gauleitungen, diverse Gaustäbe und Reichsverteidigungsausschüsse zu den bislang weitgehend unerforschten NS-Behörden gehören.

Buddrus geht in seiner 45-seitigen Einführung auf die Anordnung von Martin Bormann zur Aktenvernichtung ein, schildert die Ausgrabung der mecklenburgischen NSDAP-Akten, berichtet über das Privatarchiv des Gauleiters etc. Die Mitschriften werden in das nationale wie internationale Zeitgefüge eingeordnet.

Michael Buddrus (Hg.): Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg. Die Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg 1939 - 1945. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Unter Mitarbeit von Sigrid Fritzlar und Karsten Schröder. Edition Temmen, Bremen 2009. 1100 S., geb., 39,90 €.

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