Kampflandschaft

Starr liegt der junge Mann auf einem kleinen Podest, davor staut sich dunkles Wasser. Eine fadenscheinige Decke bedeckt seine nackten Beine, er spuckt Blut. Was ist passiert? In Rückblenden erleben die Zuschauer des Theaterstücks »Kampf. Landschaft danach« im Ballhaus Naunynstraße die Geschichte einer Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau, die sich eigentlich bekämpfen müssten und sich doch zu einander hingezogen fühlen, Trost suchen und Liebe. Doch es herrscht Krieg.

In seiner ersten Regiearbeit hat Cem Sultan Ungan, am Ballhaus bisher als Schauspieler aktiv, ein Stück des katalanischen Autors Carles Batlle auf die Bühne gebracht, das von den grundlegenden Konflikten um Identität, Sprache und Territorium in einer vom Bürgerkrieg gespaltenen Gesellschaft erzählt. Die Zwei-Personen-Inszenierung könnte, ein paar Jahre zurückversetzt, in einer jugoslawischen Stadt spielen, ebenso in Tschetschenien oder in einem der vielen anderen Länder weltweit, deren Bewohner – jahrzehntelang Nachbarn, Freunde, Partner – sich mehr oder weniger plötzlich bekämpfen und vernichten. Mit seiner poetischen, bilderreichen und doch direkten Sprache beschreibt Batlle den Schrecken und die Einsamkeit des Einzelnen in einer fremd gewordenen Umwelt und reflektiert Gewalt in menschlichen Beziehungen.

»Kampf. Landschaft danach« beginnt mit dem unglücklichen Ende, bevor die einzelnen Stationen des Dramas in Rückblenden aufgerollt werden. Sie, die Frau, hat ihren geliebten Ehemann verloren, ihr Haus, ihre Zukunft und ihre Vergangenheit, und lebt nun in einem kargen Dachzimmer. Er, der junge Mann, hat sie in einer Bar kennen gelernt und besucht sie, bevor er an die Front zieht. Er gibt den erfahrenen Kämpfer, sie die abgebrühte Prostituierte – doch beide haben das, was sie tun wollen oder besser müssen, noch nie getan. Er wird zum ersten Mal kämpfen, sie wird ihren Körper erst von diesem Abend an verkaufen. Als die Belagerung vorbei ist, die Siegertruppen durch die Stadt ziehen, kommt der Soldat zu ihr zurück. Doch für sie ist ihr Leben sinnlos geworden...

Ein mit schwarzem Gummi beschichteter Podest und zwei kleinere rechteckige, dazu einige wenige Requisiten wie Gewehr und Stiefel, mehr braucht Ungan für sein Regie-Debüt nicht. Ab und zu lassen unheilvoll tiefe Bässe die Luft vibrieren, werden verzerrte Bilder auf die Podest-Oberfläche projiziert; doch vor allem die beiden Darsteller, Melek Erenay und Atilla Oener, verleihen der Inszenierung mit ihrem eindringlichen und doch selbstverständlichen Spiel Kraft und Dramatik, ohne dass es nach Pathos riecht. Ein gelungenes Erstwerk, das viel über die zwiespältige menschliche Psyche aussagt.

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