Die Autozunft leckt ihre Wunden

Branche ordnet sich neu / Elektro- und Hybridwagenboom beim Autosalon in Detroit

Von Andreas Hoenig und Harald Schmidt, Detroit (dpa)

Die Autoindustrie schöpft nach dem Schreckensjahr 2009 wieder Hoffnung. Wenn sich die Branche Anfang der Woche zur Autoshow in Detroit trifft, stehen die Zeichen auf Wachstum – vor allem dank der boomenden Märkte in Asien. Doch die Krise hat tiefe Spuren hinterlassen: Die Branche wurde durcheinandergewirbelt, die Neuordnung schreitet voran.

Absatzeinbrüche in wichtigen Märkten wie den USA, Japan und Osteuropa sowie weltweite Überkapazitäten sorgten 2009 für schwere Turbulenzen in der Autobranche. US-Autoriese General Motors (GM) musste Insolvenz anmelden und gehört nun mehrheitlich dem Staat. Die Zukunft der GM-Tochter Opel ist ungewiss, Tochter Saab steht vor dem Aus. Chrysler wird nach dem Insolvenzverfahren von der italienischen Fiat-Gruppe gelenkt. Zudem gingen viele Autozulieferer pleite.

Immerhin fiel der weltweite Absatzeinbruch nicht so schlimm wie befürchtet aus. Insgesamt wurden nach einer Schätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer 2009 weltweit 52,8 Millionen Autos verkauft – 5,4 Prozent weniger als 2008. Dass sich der Einbruch in Grenzen hielt, lag vor allem am Absatzboom in Asien und an staatlichen Konjunkturprogrammen wie der Abwrackprämie.

2010 aber wird für Westeuropa ein Absatzeinbruch erwartet. Dagegen ist der US-Markt auf Erholungskurs, und China boomt nach wie vor. Die deutschen Hersteller werden davon profitieren, ist Autoexperte Willi Diez überzeugt: »China ist eine Bank für VW und Audi, Mercedes und BMW sind stark in den USA.«

In »Motown«, wie Detroit auch genannt wird, suchen Autobauer Wege für die Zukunft. Im Fokus stehen Elektro- und Hybridautos. So zeigt BMW einen elektrisch angetriebenen 1er Coupé, Mercedes die M-Klasse mit Hybrid und VW eine Studie mit Umwelttechnologie. Gespannt erwartet werden auch Neuigkeiten von GM zum Elektromodell Chevrolet Volt, das Ende 2010 in Kalifornien auf den Markt kommen soll. Das europäische Pendant, der Opel Ampera, soll ab 2011 verkauft werden.

Bis aber Autos mit den »grünen« Antriebstechnologien massenhaft auf den Straßen fahren, dürften etliche Jahre vergehen. Nach wie vor sind in Detroit viele große und schwere Spritschlucker und Luxuswagen zu sehen. »Die ausgestellten Autos, die man auch kaufen kann, haben vor allem konventionelle Antriebe«, so Diez.

In der Cobo Hall dürfte allerdings wie schon 2009 Bescheidenheit herrschen. Die Zeiten spektakulärer Shows scheinen vorbei: 2008 hatte Chrysler Texasrinder vor die Halle treiben lassen, um einen neuen Pick-up vorzustellen.

Bereits Mitte dieses Jahrzehnts werden die USA laut Prognosen ihre Stellung als Weltautomarkt Nummer eins abtreten – an China. Dessen Autobauer, auf Branchenmessen lange belächelt, werden selbstbewusster. Jüngstes Beispiel: Ford verkauft die schwedische Traditionsmarke Volvo an den chinesischen Hersteller Geely.

Weltweit befindet sich die Autobranche in der Neuordnung. Die »Big Three« GM, Ford und Chrysler verlieren an Bedeutung. Auch der weltgrößte Autobauer Toyota hat ein schweres Jahr hinter sich. Gewinner der Krise dagegen war VW. Die Wolfsburger legten beim Absatz zu, gewannen den Machtkampf mit Porsche, stärkten durch eine Allianz mit Suzuki ihre Position in Asien und bei Kleinstwagen – und streben an die Weltspitze.

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