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Aus fünf mach zwei?

In Berlin wurde der Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem eingeläutet – jedenfalls fast

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Berlin reformiert sein Schulsystem. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zur sogenannten Sekundarschule zusammengefasst. Das Gymnasium bleibt allerdings erhalten und auch die anvisierte Zweigliedrigkeit steht zunächst nur auf dem Papier. Jeder 20. Schüler wird weiterhin in sogenannten Förderschulen unterrichtet.

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner hatte in den letzten Monaten viel zu tun. Auf einer Tour durch die zwölf Berliner Bezirke hat der SPD-Politiker bei Eltern und Lehrern für seine Schulreform geworben. Ab kommendem Schuljahr soll die Schulstruktur in der Hauptstadt auf ein zweigliedriges System umgestellt und damit die Hauptschule abgeschafft werden. Das ist harte Arbeit, denn die Reform hat viele Gegner und war selbst innerhalb des Senats nicht unumstritten.

»Aus fünf mach zwei« lautet das Motto Zöllners, will heißen: Aus einem in Wahrheit nicht mehr dreigliedrigen Schulsystem, sondern einem unübersichtlichen Nebeneinander von Hauptschulen, Verbundene Haupt- und Realschulen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien soll nach der sechsten Klasse nur noch ein zweigliedriges Modell aus Sekundarschule und Gymnasium übrig bleiben. Gestern stimmte das Abgeordnetenhaus über das rot-rote Reformprojekt ab.

Beim Reformmotto hat der Berliner Bildungssenator allerdings geflunkert. Die Förderschulen bleiben zunächst erhalten, teilte der Bildungsexperte der Berliner Linksfraktion, Steffen Zillich, auf ND-Nachfrage mit. Erst mittelfristig will man in Berlin eine auch von der Bundesrepublik unterzeichnete UN-Konvention umsetzen, in der der gemeinsame Unterricht von gehandicapten und nichtbehinderten Schülern gefordert wird.

Die Berliner Linkspartei stimmte Zöllners Reformmodell eh nur zähneknirschend zu, hat sie sich doch für die zehnjährige Gemeinschaftsschule stark gemacht. Als Pilotprojekt wird dieses Modell zwar nach wie vor weitergeführt, doch die 20 Schulen, die sich mittlerweile am Projekt beteiligen, sind lediglich pädagogische Leuchttürme unter den rund 800 allgemeinbildenden Schulen in der Hauptstadt. Bei den Eltern sind sie durchaus beliebt. So wie beispielsweise die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule im Bezirk Pankow. 2008 war die Schule die einzig wirkliche Neugründung unter den Berliner Gemeinschaftsschulen. Die Nachfrage ist groß: Für die 80 freien Plätze im laufenden Schuljahr gab es 208 Anmeldungen.

Stefan Walkau ist aus Wedding in den Kiez rund um die Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg gezogen, damit sein Sohn dort in die Humboldt-Schule eingeschult werden kann. Der aus Bremen stammende Akademiker weiß aber um die Vorurteile, die gerade Eltern im bildungsbürgerlichen Milieu umtreibt. »Manche fürchten, dass ihre Kinder in einer Schule für alle nicht ausreichend genug gefördert werden«, sagt Walkau.

Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang hält derlei Ängste allerdings für unbegründet. Die Vorzüge des gemeinsamen Lernens hätten sich herumgesprochen, meint sie, das zeigten die hohen Anmeldezahlen. Nachfrage nach Gemeinschaftsschulen gibt es selbst im eher konservativ geprägten Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Dort wird demnächst eine staatliche Montessori-Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe entstehen. Die CDU-Mehrheit im Bezirk stimmte dem Modellprojekt des rot-roten Senats zu, obwohl man grundsätzliche Bedenken gegen diese Schulreform habe, wie ein Sprecher der Partei betonte. Man habe sich dem Wunsch vieler Eltern gebeugt, hieß es zur Begründung.

Bei der Berliner GEW hätte man gerne mehr solcher Projekte, weiß jedoch, dass es für eine Abschaffung des Gymnasiums in der Bevölkerung keine Mehrheit gibt. »Wer als Politiker den Gymnasien an den Kragen geht, verliert die nächsten Wahlen«, sagt Peter Sinram vom Landesverband der GEW. »Einen Konsens der Parteien wie vor einigen Jahrzehnten in Finnland, die Bildung aus der politischen Diskussion herauszuhalten, gibt es in Deutschland leider nicht«, bedauert Sinram. Mit der jetzt gefundenen Kombi-Lösung aus Gymnasium und Sekundarschule »kommen wir aber aber immerhin voran, wenn auch im Schneckentempo«, sagt er dennoch vorsichtig optimistisch.

Ganz ohne Bildungskampf ging die Reform dann doch nicht über die Bühne. Die die drei von der CDU gestellten Bildungsstadträte aus Spandau, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg gaben erst Mitte Dezember 2009 ihren Widerstand gegen die Einführung der Reform schon im nächsten Schuljahr auf. Das ist auch dem Druck der Schulen zu verdanken, die so schnell wie möglich fusionieren wollen. Sie hatten kritisiert, dass durch ein längeres Warten die Eltern verunsichert würden.

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als ob die Reform in Berlin lediglich auf den parlamentarischen bzw. parteipolitischen Widerstand treffen würde. Letzte Woche aber formierte sich doch noch die außerparlamentarische Front des Bildungsbürgertums. Angeführt vom Philologenverband macht ein konservatives Bündnis aus Gymnasial- und Realschullehrern Stimmung gegen die Reform. Kernziel des Bündnisses ist dabei die Beibehaltung des ständischen Schulsystems. Während bei der rot-roten Reform das Abitur auch auf der Sekundarschule möglich ist, will das Bündnis die allgemeine Hochschulreife weiterhin als Gymnasialprivileg verstanden wissen.

Zukünftige Berliner Schullandschaft nach Klasse 6


Sekundarschulen bieten alle Schulabschlüsse einschließlich des Abiturs nach zwölf oder 13 Jahren. Falls Sekundarschulen über keine eigene Oberstufe verfügen, sind Kooperationen mit anderen Sekundarschulen oder mit Gymnasien möglich. Auch der Wechsel der Schülerinnen und Schüler nach der 10. Klasse auf ein Oberstufenzentrum (OSZ) ist möglich. Die Sekundarschulen wird es als Ganztagsschulen in offener oder gebundener Form geben.

Gymnasien: Hier wird das Abitur nach 12, in Schnellläuferklassen nach 11 Schuljahren abgelegt. Mindestens ein Gymnasium pro Bezirk soll einen gebundenen Ganztagsbetrieb anbieten. Dadurch sollen Kinder aus sozial benachteiligten Familien besser beim Lernen unterstützt werden. Die Gymnasien, die bereits mit der 5. Klasse beginnen bleiben bestehen.

Oberstufenzentren (OSZ): berufsbildende Schulen ab Klasse 11, in denen auch das Abitur abgelegt werden kann; sie existieren in Berlin seit 1979.

Der Übergang an die weiterführenden Schulen wird wie bisher in der Regel nach sechs Schuljahren erfolgen. Die Grundschulen erstellen eine Prognose, die letztliche Entscheidung liegt allerdings bei den Eltern. Gibt es an einer Sekundarschule oder einem Gymnasium mehr Anmeldungen als Plätze können die Schulen bis zu 70 Prozent der Plätze mittels eines Auswahlgespräches oder Eignungstests vergeben, über die restlichen mindestens 30 Prozent entscheidet das Los. An den Gymnasien wird ein Probejahr eingeführt. Wer das nicht besteht, wechselt auf die 8. Klasse einer Sekundarschule.

Die Förderschulen bleiben von der Schulreform unangetastet. Nach Auskunft des Senats ist allerdings beabsichtigt, den Anteil von sogenannten Sonderschülern in der Hauptstadt zu senken. Derzeit beträgt der Anteil der Förderschüler in der Mittelstufe rund 4,25 Prozent (ohne Klassen für geistig Behinderte). jam

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