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Bad im Ganges zum »Krug-Fest«

Hindu-Priester rufen zur Rettung des verschmutzten heiligen Stromes auf

  • Von Hilmar König, Delhi
  • Lesedauer: 4 Min.

Millionen hinduistischer Pilger strömen seit Mitte des Monats aus allen Gegenden Indiens nach Hardwar im Unionsstaat Uttarakhand zum heiligen Ganges. Sie ruft das alle zwölf Jahre stattfindende Maha Kumbh Mela, das Fest des Kruges. Auf einem Areal von 130 Quadratkilometern ist eine riesige Zeltstadt mit 15 000 Behelfstoiletten und 31 Gesundheitssektoren mit je einer Klinik entstanden. Tausende Polizisten und Sicherheitsleute sorgen für einen halbwegs geregelten Ablauf der beispiellosen Massenversammlung.

Sie begann am zur Wintersonnenwende am 14. Januar. Über eine halbe Million Gläubige stiegen allein an diesem Tag bei winterlichen Temperaturen in die eiskalten Fluten der »Ganga Mata«, der Mutter Ganges. Am 15. kam es zu einem natürlichen Zwischenfall mit Folgen: Von 11.58 bis 15.11 Uhr gab es eine Sonnenfinsternis, während der das »Krug-Fest« geradezu erstarrte. Niemand durfte und wollte ins Wasser. Es fand keine »Ganga Aarti«, keine Andacht für die Flussgöttin, statt. Alle Tempel blieben geschlossen, um »negative Energie« fernzuhalten.

Doch nach dem Naturereignis versuchten sie, Versäumtes nachzuholen und eilten wieder in Massen zum Strom. Dass im Verlaufe der wochenlangen Kältewelle im Landesnorden bereits über 380 Menschen zu Tode kamen, konnte die Hindus nicht davon abhalten, ihrer religiösen Pflicht nachzukommen. Die rituelle Waschung an einem der glückverheißenden Tage verspricht »Moksha«, die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Zu den ersten Badenden gehörte Pyarelal Bhardwaj, ein Geschäftsmann aus Delhi. Er erklärte uns: »Die Ganga Mata reinigt Seele, Körper und Geist. Das Bad hilft, Wünsche nach materiellem Gewinn und fleischlicher Lust zu zügeln. Wer Glauben besitzt, spürt die Kälte nicht. Und an einem Glückstag winkt sogar die Befreiung von den Wiedergeburten.«

Das Krug-Fest dauert bis Ende April. Insgesamt wird es zehn glückverheißende Tage geben. Über zehn Millionen Pilger werden erwartet. Am Höhepunkt des Festes werden tausende Sadhus, hinduistische Priester, Sektenführer und Eremiten, teils nackt, teils mit Asche beschmiert, teils in prächtigen Gewändern, auf Elefanten reitend oder von ihren Jüngern in Sänften getragen, nach einer exotischen Prozession das »Shahi Snan« – das Königsbad – nehmen, vor einer Kulisse von tausenden in- und ausländischen Zuschauern.

In diesem Jahr fallen die Naga-Sadhus auf. Nicht wegen ihrer traditionellen Nacktheit, sondern weil sie auf Postern und Transparenten und mit zwei Kiosken auf dem Festgelände dazu aufrufen, die mit Fäkalien, Pestiziden und Industriemüll besudelte Flussgöttin zu retten. Sie fordern die Pilger auf, Bäume zu pflanzen und den Strom sauber zu halten, und die Behörden, energisch dem Klimawandel und der Gletscherschmelze Einhalt zu gebieten. Da viele von ihnen das Jahr über in den Himalaja-Bergen leben, sehen sie unmittelbar, wie sehr sich die Umwelt zum Negativen verändert. »Wenn die Verantwortlichen das nicht zur Kenntnis nehmen, sehen wir uns zu einer Kampagne gezwungen,« erklärte ihr Anführer Soham Baba. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der heilige Fluss an vielen Abschnitten mit Abwasser, den Überresten der Leichenverbrennungen und Abfall aus Industrie und Landwirtschaft vergiftet ist.

Bereits Mitte der 1980er Jahre initiierte der damalige Premier Rajiv Gandhi ein Aktionsprogramm zur Säuberung des Stromes. Es blieb ohne nennenswerte Ergebnisse. Jetzt hat Regierungschef Manmohan Singh ein Programm verkündet, mit dem bis 2020 der zum einzigen »nationalen Fluss« deklarierte Ganges gerettet werden soll. Immerhin stehen dafür aus der Staatskasse drei Milliarden Dollar zur Verfügung und obendrein will sich die Weltbank mit einer Milliarde Dollar beteiligen. Geld allein garantiert allerdings keinen Erfolg. Erforderlich ist ein Umdenken auf allen Ebenen und die Einbeziehung der Bevölkerung.

Das Krug-Fest leitet sich aus der hinduistischen Mythologie ab. Götter und Dämonen fochten einen erbitterten Kampf um den Krug mit dem Nektar der Unsterblichkeit aus. Dabei fielen an vier Stellen Tropfen des Lebenselixiers zu Boden. Sie markieren heute die Orte, an denen das Fest alternierend stattfindet: Allahabad in Uttar Pradesh am Zusammenfluss des Ganges, der Jamuna und der nur in der Mythologie existierenden Saraswati; Hardwar; Ujjain in Madhya Pradesh und Nasik in Maharashtra.

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