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Warum Menschen morden

Der österreichische Psychiater Reinhard Haller forscht nach den Ursachen des »Bösen«

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Auch wer an das Gute im Menschen glaubt, wird eines sicher nicht bestreiten: Die Geschichte unserer Spezies ist eine Geschichte voller Gewalt und Brutalität. Was sind die Ursachen dafür? Beruht die menschliche Neigung zur bösen Tat auf einer biologischen Vorprägung, oder ist sie eine Folge soziokultureller Fehlentwicklungen? Diese Frage bewegt Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten. Eine schlüssige Antwort darauf hat bisher aber niemand gefunden.

Leider, muss man hinzufügen, denn fast täglich berichten Medien über kaum vorstellbare Gräueltaten von Sexualmördern, Kinderschändern, Serienkillern, Terroristen und Amokläufern. Der österreichische Psychiater Reinhard Haller ist bei seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter vielen solcher Menschen begegnet. Er hat ihre Motive analysiert und ihre Persönlichkeit studiert, um herauszufinden, warum aus Menschen, die lange Zeit ein unauffälliges Leben führten, von einem Tag auf den anderen brutale Gewaltverbrecher wurden.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Lektüre von Hallers Buch »Das ganz normale Böse« ist keine leichte Kost. Denn sie führt uns in Abgründe des Menschlichen, die selbst von sensationshungrigen Journalisten oft nur in gemilderter Form dargestellt werden. Andererseits wäre es wissenschaftlich unredlich, vor dieser dunklen Seite unserer Existenz die Augen zu verschließen – nach dem Motto: Ein normaler Mensch würde so etwas nie tun, nur ein krankes Hirn kann solche Taten aushecken.

Die meisten Gewaltverbrecher seien keineswegs psychisch krank, meint Haller und nennt als Beispiel den 2009 zu lebenslanger Haft verurteilten Josef Fritzl. Dieser hatte seine Tochter 24 Jahre in einem Keller eingesperrt, sie regelmäßig vergewaltigt und mit ihr acht Kinder gezeugt, die ebenfalls in dem Keller hausen mussten. Und all dies geschah nicht in einem abgelegenen Gebirgstal, sondern inmitten der österreichischen Ortschaft Amstetten. Was am meisten verstört, ist jedoch die Tatsache, dass Fritzl nach außen hin ein weitgehend normales Leben führte. »Er war sehr lustig, hat gern gelacht«, erzählte eine Freundin. »Ein guter Kerl halt, mit dem man gut ausgekommen ist.«

Ein hohes Maß an Berechnung lassen auch die Taten des als »Dr. Tod« bekannt gewordenen englischen Arztes Harold Shipman erkennen. Er ermordete mindestens 250 hilflose und pflegebedürftige Personen mit einem Betäubungsmittel, wobei eines seiner Hauptmotive schlichte Habgier war. Man könnte problemlos weitere Beispiele anfügen, die zeigen, dass Gewaltverbrecher ihre Taten oft mit viel Intelligenz vorbereiten und ausführen.

Streng genommen entwickelt jeder Mensch irgendwann Gewaltfantasien und spürt in sich aggressive Impulse und Strebungen. Gleichwohl legen nur die wenigsten selbst in extremen Zwangssituationen ein kriminelles Verhalten an den Tag. Das heißt: Auch bedrückende soziale Verhältnisse führen nicht automatisch zu einer Entladung von Gewaltkriminalität. Offenkundig verfügen Menschen in allen Kulturen über ein starkes Moralempfinden, das sie davon abhält, andere Menschen zu quälen, zu ermorden, zu vergewaltigen. Im Gegensatz dazu ist bei den meisten Gewalttätern, wie Haller belegt, dieses Moralempfinden wenn nicht verblasst, so doch nachhaltig gestört. Bleibt die Frage: Wie kann so etwas geschehen?

Die amerikanische Soziologin Troy Duster stellte bei einer Untersuchung von Vietnam-Veteranen fest, dass es mindestens vier Bedingungen für einen Mord ohne Schuldgefühle gibt. Erstens: Den Opfern wird der menschliche Status abgesprochen. Zweitens: Man macht die Opfer für das eigene Unglück verantwortlich. Drittens: Es entwickelt sich eine für alle Täter verbindliche destruktive Gruppenmoral. Und viertens: Die Taten werden heimlich begangen.

Haller nennt einen weiteren Auslöser von Gewaltkriminalität: verletzte Gefühle. Als die Polizei vor einiger Zeit eine männliche Leiche fand, die mit 63 Stichwunden übersät war, tippten die Beamten zunächst auf einen kräftigen Mann als Täter. Doch dann stellte sich heraus, dass ein zartes 18-jähriges Mädchen den Mord begangen hatte, die Freundin des Toten, die von diesem jahrelang gequält und sexuell gedemütigt worden war.

Andererseits machen viele Menschen in der Familie oder im Beruf ähnlich traumatische Erfahrungen, ohne dass sie deswegen ihren Partner oder Chef gleich umbringen. Warum aber tun manche dies dennoch? Weil in ihrem Gehirn etwas nicht Ordnung ist, vermuten Forscher. So wurde bei einem Heckenschützen in den USA, der auf einem Campus 17 Menschen tötete, nachträglich ein Hirntumor entdeckt. Ein Einzelfall? Ja. Dennoch ist eines unbestreitbar: Jede menschliche Tat hat ihren Ursprung im Gehirn des Täters.

Ein wichtiger Hinweis zum besseren Verständnis dieses Sachverhalts findet sich bei Sigmund Freud, der den psychischen Apparat eines Menschen in drei Teile gegliedert hat, in das für bewusste Erfahrungen zuständige »Ich«, das triebhafte »Es« sowie das »Über-Ich«, welches eine Art inneres Gewissen darstellt. Und auch wenn die moderne Wissenschaft viele Thesen Freuds anzweifelt, lässt sich das Über-Ich im Gehirn tatsächlich lokalisieren. Und zwar im orbitofrontalen Cortex, einer Region des Stirnhirns, die gleichsam unsere ethischen und moralischen Vorstellungen beherbergt. Wenn diese Region geschädigt ist, sind die betroffenen Menschen unfähig, die positiven oder negativen Folgen ihres Tuns vorauszusehen. Sie empfinden weder Schuld noch Reue, da in ihrem Gehirn keine Instanz existiert, die ihr Verhalten sozial verträglich lenken könnte.

Das so bestimmte Über-Ich wird im Laufe unseres Lebens, besonders natürlich in der Kindheit und Jugend, mit entsprechenden Inhalten gefüllt. Anders ausgedrückt: Erziehung und Sozialisation hinterlassen nachhaltige Spuren im Gehirn, die einen Menschen entweder zu einer moralisch handelnden Person machen oder ihn die moralischen Werte missachten lassen. Wobei Haller zurecht darauf hinweist, dass einzelne Hirnstrukturen niemals von sich aus zur bösen Tat führen. Es muss also weitere Auslöser geben. Doch welche?

Bereits ein Jahr vor der Machtübernahme der Nazis kam Albert Einstein zu der düsteren Einsicht: »Im Menschen lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten.« Mancher wird hier zurecht einwenden, dass dieses Bedürfnis keineswegs in allen Menschen lebt. Und außerdem lehrt die Erfahrung, dass es häufig von den sozialen Verhältnissen abhängt, ob Einzelne überhaupt den Versuch unternehmen, ihre destruktiven Anlagen zu entfalten.

In einer Diktatur, in der repressive Gewalt gegen Andersdenkende oft legalisiert und gerechtfertigt wird, und wo sich die Täter normalerweise nicht für ihr Tun verantworten müssen, wächst die Gefahr, dass zur Brutalität neigende Menschen eine große kriminelle Energie entwickeln. Man denke nur an die Geschichte des Dritten Reiches und die Gewaltorgien in den Konzentrationslagern, die man in einem zivilisierten Land vorher nicht für möglich gehalten hätte. Hingegen bietet eine demokratische Gesellschaft bessere Chancen, dass Menschen, sofern ihre Taten nicht das Resultat krankhafter Zwänge sind, den Einsatz von brutaler Gewalt scheuen. Denn das Risiko, entdeckt und zur Rechenschaft gezogen zu werden, ist hier erheblich größer.

Es ist mithin eine dauernde Aufgabe der Politik, die sozialen Verhältnisse so zu gestalten, dass Menschen darin wenig Ermutigung finden, sich mit kriminellen Mitteln Vorteile zu verschaffen. Denn dass der Mensch, um mit Haller zu sprechen, in sich ein »Stück des Bösen« trägt, kann mit Blick auf die zahllosen Kriege, Massenmorde und Genozide in der Geschichte schwerlich geleugnet werden. Und so ist am Ende vielleicht Wilhelm Busch zuzustimmen, der einmal pointierte: »Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt.«

Reinhard Haller: Das ganz normale Böse. Ecowin Verlag Salzburg, 219 S., 19,95 €.

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