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Was eine Wanderzelle alles erlebt

Der Mensch als Industriepalast: Ausstellung in der Charité über das Werk des Arztes Fritz Kahn

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Kuratorin Uta von Debschitz vor einem der wenigen Original-Illustrationen: Das Hirn gleicht einer Walnuss.
Kuratorin Uta von Debschitz vor einem der wenigen Original-Illustrationen: Das Hirn gleicht einer Walnuss.

Als Chirurg an der Berliner Charité hatte er tiefe Einblicke in den Menschen. Er verglich ihn mit einer Fabrik, einem der in den 1920er Jahren hochmodernen Industriepalästen. Seine Vorstellungen ließ er in Buchillustrationen umsetzen. Damit wollte Fritz Kahn (1888- 1968) dem Laien das Zusammenspiel der Organe auf populärwissenschaftliche Weise verständlich machen: Das Herz als Kolbenpumpe, das Gehirn als Büro, die Lungen als Klimaanlage. Fast 80 Jahre, nachdem Kahn vor den Faschisten fliehen musste, erinnert die Charité nun mit der Sonderausstellung »Maschine Mensch« an diesen Arzt und Naturwissenschaftler, der sich selbst als Universalist sah.

»Fritz Kahn verstand es, aktuelles medizinisches Wissen einem breiten Publikum nahezubringen. Der Mensch als Hochleistungsmaschine steht inmitten der industriellen Moderne. Auf spektakulär neue Weise veranschaulichte Kahn den Bau und die Funktionen des menschlichen Körpers mit Analogien zu den technischen Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts«, erläuterte Kuratorin Uta von Debschitz bei der Ausstellungseröffnung. »Erstmals sind Illustrationen aus den Büchern des Arztes und Wissenschaftsautors im Rahmen einer solchen Schau zu sehen«, ergänzte Museumsdirektor Thomas Schnalke.

Mit außergewöhnlichen Metaphern in Wort und Bild sei es Kahn gelungen, komplexe Prinzipien allgemein verständlich begreifbar zu machen, verdeutlichte die Kuratorin. Der Magen wird zur Raffinerie, die Leber zur Chemiefabrik. »Fritz Kahns Darstellungen spiegeln das moderne Körperverständnis der Weimarer Republik und noch heute faszinieren sie durch ihre einzigartige Lebendigkeit«, so Uta von Debschitz. Im Rudolf-Virchow-Saal sind Darstellungen aus Kahns Büchern Präparaten aus der Pathologie gegenübergestellt.

In den 1920er Jahren wurde Kahn durch die Buchreihe »Das Leben des Menschen« zum Bestsellerautoren. 1933 musste Kahn fliehen, seine Bücher wurden verboten, verbrannt, vergessen. Mit Hilfe seines Freundes Albert Einstein konnte Fritz Kahn in die USA emigrieren. In langen Gesprächen mit seinem 85-jährigen Sohn Emanuel sowie Recherchen in internationalen Archiven entdeckten Uta von Debschitz und ihr Bruder Thilo den fast verschollenen Menschen und Mediziner Fritz Kahn wieder. Gemeinsam brachten sie das Buch »Fritz Kahn – Man Machine / Maschine Mensch« heraus.

»Kahns Darstellungen verblüffen mitunter durch absurden Witz«, so Kuratorin von Debschitz. Um die Menge an Lebensmitteln darzustellen, die ein Mensch in 70 Jahren zu sich nimmt, ließ Kahn einen voll beladenen Güterzug in einen geöffneten Mund fahren. In einer futuristischen bebilderten Erzählung lässt er einen Menschen auf die Größe einer Wanderzelle schrumpfen. Bei dem Spaziergang durch den Körper berichtet sie über ihre Erlebnisse.

Im Jahre 1926 stellte Fritz Kahn in einem Zeitungsartikel in Berlin fest: »Es ist ein Wunder, dass wir länger als zwei Minuten leben.« Er berief sich dabei auf einen Satz des damaligen Boxweltmeisters Gene Tunney, der seinen Landsmann, den US-Amerikaner Jack Dempsey, im Schwergewicht besiegte: »Der menschliche Körper ist die leistungsfähigste und dabei widerstandsfähigste Maschine, die man sich denken kann.«

Kahns Antwort: »Mit dem Satz hat er verraten, dass er auch ein guter Kenner der menschlichen Natur ist. Das wahre Wunder aber liegt darin, dass der Menschen- körper nicht nur die leistungs- und widerstandsfähigste, sondern zugleich auch die feinste und komplizierteste aller Maschinen ist. Nach menschlichem Ermessen müsste ein Organismus, der so fein gebaut ist wie der Körper Tunneys, durch einen Zehn-Runden-Kampf kurz und klein geschlagen sein und sich in einem Zustand befinden wie eine Taschenuhr, die eine Woche auf dem Broadway gelegen hat. Der Mensch ist gegen alle Logik technischer Prinzipien zusammengesetzt.«

»Fritz Kahn – Maschine Mensch«, bis 11. 4., Medizinhistorisches Museum, Charitéplatz 1, Mitte, Di. bis So. 10 – 17 Uhr, Mi. und Sa. 10 – 19 Uhr, Feiertage geöffnet.

www.bmm.charite.de, www.fritz-kahn.com

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