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Am Abgrund

Heute 20.15 Uhr in der ARD: »Zivilcourage« mit Götz George

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Hier hält man sich nicht auf, läuft zügig vorbei. Wer doch bleibt, der geht nirgends mehr hin, so scheint es. Der alte Obdachlose mit seinem Hund oder der junge Kroate Afrim (Arnel Taci) und seine Gang, es sind Abgeschriebene, Leute, um die man einen Bogen macht. Berlin-Kreuzberg, Haussmannstraße, Nähe Kottbusser Tor. Im Polizeideutsch: ein Kriminalitätsschwerpunkt.

Seit dreißig Jahren hat Peter Jordan hier sein Antiquariat. Früher wurde in Kreuzberg viel gelesen. Vorbei. Eine Gegend stürzt ab. Wer noch was vorhat, zieht fort von hier, so wie Peter Jordans Tochter (Maria Simon). Mit wenigen Strichen gelingt Regisseur Dror Zahavi, der Marcel Reich-Ranickis »Mein Leben« verfilmt hat, ein Selbstporträt unserer Gesellschaft. Es ist ein düsteres Bild.

Dieser Film versucht Realismus neu zu definieren – indem er das in den Parallelgesellschaften dieses Landes herrschende Selbstverständnis so präzise wie möglich beschreibt. Ohne Anklagepathos oder Entschuldigungsposen. Es ist kein Bild vom freundlichen Zusammenleben, sondern eines des wachsenden Gegeneinanders von Missachtung und Hass, bestenfalls von purer Ignoranz. Auch Jordan hat sich eingerichtet in der Haussmannstraße, in der er nach und nach zum Fremdkörper geworden ist. Gitter schützen Türen und Fenster, aber drinnen scheint die Welt noch in Ordnung.

Was musste man für einen Film befürchten, der mit dem undezenten Titel »Zivilcourage« auftrumpft? Dabei ist es, das kann man schon jetzt sagen, eines der Fernsehereignisse dieses Jahres. Dieser Film, für den Jürgen Werner ein großartiges Buch schrieb, wird Diskussionen auslösen, die nicht nur an der Oberfläche bleiben – denn hier wird ein Abgrund an Gewalt sichtbar, wie man ihn aus Pariser Vorstädten kennt.

Götz George als Peter Jordan gibt den Ton vor. Es ist ein nachdenklicher, die unterschiedlichen Biografien, auch in ihrer Verstörtheit und Gestörtheit ernstnehmender Ton, der Widersprüche konsequent durchspielt. Jordan hat die längste Zeit seines Lebens mit Büchern gelebt. Er betritt seinen Laden mit der etwas linkischen Umständlichkeit und betulich entschlossenen Sorgsamkeit eines Intellektuellen, der ganz in seiner Welt lebt. George ist in jeder Faser seines Körpers dieser Altachtundsechziger, der nicht versteht, warum er ausgerechnet jetzt hier weg sollte. Wegen der Jung-Machos auf der anderen Straßenseite, die dort den ganzen Tag herumhängen? Sie pöbeln und schlagen, dealen, stehlen, rauben. Was geht’s ihn an.

Doch eines Abends kann er nicht ausweichen. Zwei der Abgeschriebenen aus der Haussmannstraße sind aneinander geraten. Er solle mit seinem Hund hier abhauen, schreit Afrim den alten Obdachlosen an, der keucht zurück, der Hund habe mehr recht hier zu leben, als er. Afrim prügelt und tritt auf ihn ein, und Jordan schleicht leisen Schritts und mit scheuem Seitenblick vorbei – doch der Junge hört nicht auf.

Großartig, wie verhalten George diesen Antiquar spielt, der nicht behelligt werden will vom Lärm der Straße, aber nun, eher widerwillig, doch umkehrt: »Hören Sie bitte auf, den Mann zu schlagen, ich habe die Polizei gerufen.« Wird man so zum Helden? Kaum, eher zum nächsten Opfer.

Jordan will keines von beiden sein, er glaubt an Polizei und Gesetz. Afrim hat er als Täter angegeben, denn wer einen Menschen fast totschlägt, gehört hinter Gitter. So einfach. Aber zu seiner Verwunderung bemerkt er, dass nur er so denkt. Seine Tochter warnt: Leg dich nicht mit denen an, du bringst uns in Gefahr! Auch der Polizist ist erstaunt, kaum jemand würde solch eine Aussage machen. Jordan versteht nicht, was sollte er denn anderes tun?

Am nächsten Tag steht die Gang wieder auf der Straße. Der Staatsanwalt ist überlastet und Afrim ein Serienstraftäter, alles geht weiter wie bisher – und Jordan steht allein. Nein, Angst hat er keine, auch nicht, als Afrims älterer Bruder zu ihm kommt. Oder doch, er hat Angst, aber kann nicht anders. Dieser Bruder (glaubhaft in seiner Aggressivität aus Überlebensnot: Marko Mandic) war Soldat im Balkankrieg, die Eltern sind tot – und für Afrim muss nun er allein sorgen. Jordan soll ihm dabei nicht im Weg stehen, das ist doch nicht schwer zu kapieren, oder?

Was hier allein zählt, ist Familienehre, und mit der Polizei spricht man nicht. Da stört dieser Schwächling aus dem Antiquariat, der aus irgendeinem Grunde seine Aussage nicht zurückziehen will. Doch zu so viel Selbstverleugnung ist Jordan schlicht unfähig. War sie denn falsch, hat er es nicht gesehen, liegt nicht ein Mann im Koma? Außerdem hat er gerade eine Schülerin in seinem Laden, als Praktikantin. Jessica, auch aus Haussmannstraße. Deren Mutter liegt den ganzen Tag auf dem Sofa vor dem Fernseher. Das Mädchen (gegen ihren Verliererstatus rebellierend: Carolyn Genzkow) ist zwar Deutsche, aber lesen kann auch sie nicht. Jordan ist erschüttert, geht denn alles kaputt in diesem Land?

Der in Israel geborene Dror Zahevi studierte noch in DDR an der Filmhochschule Potsdam. Er sagt: »Ich weiß nicht, ob wir in diesem Film immer politisch korrekt sind, ob wir die richtigen Lösungen vorgeben. Muss das Kunst?«

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