Werbung

Viele Wege führten ins KZ

DVD-Film will Schüler für NS-Greuel sensibilisieren

Vor 65 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Fast ein ganzes Menschleben ist das jetzt her, und die Erinnerungsarbeit muss zunehmend ohne Zeitzeugen auskommen. Mit dem vor 55 Jahren gedrehten Film »Nacht und Nebel« will die Bundeszentrale für politische Bildung Jugendliche für die Gräuel der NS-Zeit sensibilisieren. Eine DVD wurde jetzt für Schulen und Jugendeinrichtungen erstellt.
Auschwitz, Stammlager, 10 Jahre nach der Befreiung
Auschwitz, Stammlager, 10 Jahre nach der Befreiung

Viele Wege führten in das Konzentrationslager. Auch ein heimeliger Marktplatz oder ein blühendes Feld konnten in der NS-Zeit Wege in die Konzentrationslager sein. Deshalb hat der französische Regisseur Alain Resnais solche scheinbar idyllischen Aufnahmen am Anfang seines preisgekrönten Dokumentarfilms »Nacht und Nebel« gestellt. Der Film über das deutsche KZ-System zeigt die Gräuel der Verfolgung, die Leichenberge, die Haare, Schuhe und Brillen der Ermordeten. Er dokumentiert die Blicke der Deportierten in den Waggons, bevor sich die Türen schlossen. Er zeigt aber auch die Täter. Der Weg in das KZ-System begann 1933, was Resnais mit einem Platz einer unbekannten deutschen Stadt visualisierte, wo Hitler-Anhänger die Machtübertragung feierten. Es hätte jede beliebige deutsche Stadt sein können.

Der Film wurde 1955 gedreht, als das NS-System gerade zehn Jahre besiegt war. 55 Jahre später hat der Bundesverband Jugend und Film e.V. eine DVD des Films erstellt, die speziell für die Arbeit in Schulen und Jugendeinrichtungen konzipiert ist und demnächst über die Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden kann.

Im ROM-Teil der DVD, die nur mit einem Computer genutzt werden kann, findet sich zahlreiches Hintergrundmaterial zum Film. So kann der Text separat gehört werden und 31 Filmsequenzen sind als Bilder getrennt gespeichert. Zudem informiert ein fast einstündiger Radio-Beitrag über den Regisseur. Die beiden Interviews der Shoah-Überlebenden Abba Naor und Liora Se’ewi weisen auf die besondere Verfolgungssituation der Juden im Nationalsozialismus hin. In dem Film wurde über die NS-Verfolgten in ihrer Gesamtheit gesprochen. Daher wurden die Juden wie andere Opfergruppen nicht gesondert erwähnt. In einem großen Teil des Films sind allerdings deportierte jüdische Menschen zu sehen. In diesem Fall ist die Aktualisierung also gut begründet. Weniger einsichtig ist allerdings, dass auf einer öffentlichen Präsentation der DVD in Berlin aus dem Publikum die Anregung kam, auch die Filmmusik von Hanns Eisler auszublenden. Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass der als Jude und Kommunist doppelt verfolgte Schönberg-Schüler für sein Eintreten für die DDR gebannt werden soll.

Auch die auf der DVD gut dokumentierte Rezeptionsgeschichte des Filmes sollte in der Arbeit mit Jugendlichen nicht vernachlässigt werden. Sie liefert einen guten Einblick in die Zustände des Adenauerstaates anno 1955. Die Bundesregierung erreichte, dass der Film 1956 nicht auf dem Festival von Cannes laufen durfte. Das Filmfest solle zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film, argumentierten die Vertreter der Bundesregierung. Gegen diese ignorante Haltung protestierten zahlreiche linksliberale Intellektuelle, darunter Heinrich Böll, Günther Andersch und Erich Kuby. Die »Jüdische Allgemeine« wünschte dem Film damals eine große Verbreitung, »um die Kinder davor zu bewahren, den gleichen Weg des Unrechts und der Menschenverachtung zu gehen«.

Dieser Appell hat auch 2010 nichts von seiner Aktualität verloren. Daher ist auch dieser DVD viel Verbreitung zu wünschen. Denn, wer heute unter dem Begriff »Nacht und Nebel« googelt, wird auf Seiten der Eventkultur verwiesen.

www.durchblick-filme.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln