Werbung

Wunderwaffe für den »Endsieg«

Vor 65 Jahren: Veit Harlans Durchhaltefilm »Kolberg« erlebt seine Doppelpremiere

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Traum von der Weltherrschaft Deutschlands war bereits ausgeträumt, als eine der »Wunderwaffen« für den »Endsieg« eingesetzt wurde – der von Veit Harlan (1899-1964) gedrehte Ufa-Film »Kolberg«. Als der Streifen am 30. Januar 1945 in der französischen Festung La Rochelle und in Berlin in einer Doppelpremiere aufgeführt wurde, bereitete die Rote Armee bereits den Sturm auf die Reichshauptstadt vor.

Der Film glorifiziert die Verteidiger der Festung Kolberg 1807 und sollte den »Durchhaltewillen« von Militär und Bevölkerung stärken: Man müsse in der kritischen Zeit um jeden Preis standhalten, dürfe weder psychisch, noch physisch zerbrechen. Geplant war der Film schon längere Zeit. Im Juni 1943 hatte Goebbels an Harlan geschrieben: »Hiermit beauftrage ich Sie, einen Großfilm ›Kolberg‹ herzustellen. Aufgabe dieses Films soll es sein ... zu zeigen, dass eine in Heimat und Front gemeinsame Politik jeden Gegner überwindet.« Auf einer Pressekonferenz im Dezember 1943 erläuterte Harlan seine Regiekonzeption: So wie damals gehe es auch heute um Leben und Tod. Der Film werde zwar auch ein Denkmal für Gneisenau, Nettelbeck und die Bürger von Kolberg sein, doch vor allem solle er »ein Denkmal dafür werden, wie die Deutschen heute sind«.

Es war Harlans aufwendigster Streifen. Man sparte nicht mit Kosten, die die für damalige Verhältnisse gewaltige Summe von 8,5 Millionen Mark erreichten. Zu einer Zeit, als zu erwarten war, dass alle einsatzfähigen Soldaten an die Front geschickt werden, »eroberten« bzw. »verteidigten« 4000 Kadetten der Kriegsmarineschule, mal in preußischen, mal in französischen Uniformen, die Filmstadt Babelsberg. Harlan hatte mehr Soldaten zur Verfügung, als es auf beiden Seiten im Jahr 1807 waren. Es wurden 100 000 Uniformen genäht, 6000 Pferde kamen zum Einsatz.

Held der Geschichte war ein Zivilist, der Bürger der Stadt Kolberg, Joachim Nettelbeck, der gegen den Willen des Militärkommandanten die Verteidigung organisierte. Erst als Gneisenau kam, gab er die Führung ab. Auf diese Weise wurde Goebbels' Idee von dem unverbrüchlichen Band zwischen Front und Heimat propagiert. Eine negative Gestalt war der Musiker und Pazifist Claus, der Napoleon bewunderte und im Kampf gegen ihn keinen Sinn sah. Er wurde demonstrativ bestraft. Die Art, wie Heinrich George die Rolle spielte, hatte wesentlichen Einfluss darauf, ihn beim Zuschauer äußerst unsympathisch erscheinen zu lassen.

Harlan stellte nach dem Krieg fest, dass Hitler und Goebbels offensichtlich von der Idee besessen waren, dass ihnen ein solcher Film mehr nützen könne als eine gewonnene Schlacht gegen die Rote Armee. Wahrscheinlich war verdrängt worden, dass die kleine pommersche Garnison Kolberg zwar gegen Napoleon bis Kriegsende gehalten werden konnte, der Tilsiter Frieden am 9. Juli 1807 letztlich aber die Niederlage Preußens im Krieg gegen Frankreich besiegelte. Dem Tilsiter Frieden folgte sechs Jahre später der Befreiungskrieg gegen Napoleon. Vielleicht hofften Hitler, Goebbels und ihre willfährigen Handlanger noch im Januar 1945, die Geschichte könne sich wiederholen.

Harlan war auch der Regisseur des antisemitischen Machwerkes »Jud Süß«. Dieser Film, in dem wiederum George und Werner Krauss Hauptrollen spielten, war am 24. September 1940 in 26 Berliner Kinos gleichzeitig aufgeführt worden, nachdem er bereits kurz vorher auf dem Festival in Venedig einen Hauptpreis bekommen hatte. Krauss verkörperte auf eigenen Wunsch gleich mehrere Juden, und es ließ sich schwer entscheiden, welcher der widerwärtigste war. Marcel Reich-Ranicki bezeichnete diesen Film als den niederträchtigsten, der je über und gegen Juden gedreht und produziert worden ist.

Nach dem Krieg wurde Harlan von der bundesdeutschen Justiz freigesprochen, weil ihm »ein strafrechtlich relevanter Zusammenhang zwischen Film und Völkermord« nicht nachzuweisen sei. Dagegen gab es Proteste. In Göttingen ging die Polizei gegen die Demonstranten vor.

Harlan durfte auch wieder Filme drehen. Nun wäre das Ganze ja nicht weiter interessant, wenn sein Schaffen dem verdienten Vergessen anheim fallen würde. Doch Anfang November 2009 zeigten die »Tilsiter Lichtspiele« in Berlin die Filme »Die Reise nach Tilsit« von 1939 und »Verrat an Deutschland (Der Fall Dr. Sorge)« von 1955. Regisseur war in beiden Fällen Veit Harlan. Diese Filme wurden ausgerechnet in der Richard-Sorge-Straße gezeigt, die früher Tilsiter Straße hieß.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen