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»Habe mich von Regisseuren befreit«

Interview mit der Schauspielerin Anne Tismer über ihre Diktatorin »Hitlerine«

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Anne Tismer ist ein Verwandlungswunder. Bis vor wenigen Jahren machte sie auf großen Bühnen klassische Dramenhelden vibrierend lebendig. Dann sagte sie dem Disziplinierungsapparat mit dem Regie-Diktator auf der Pyramidenspitze ade und betreibt seitdem (lange im Berliner »Ballhaus Ost«) mit Papp-, Plüsch- und Plastikobjekten Aktionskunst. Damit hat es sie vor allem nach Frankreich und Belgien sowie Afrika – in die frühere deutsche Kolonie Togo – verschlagen. Gemeinsam mit dem Regisseur Alexis Bug entwickelt sie nun ein Re-Kolonisierungspektakel um eine Diktatorin namens Hitlerine, in dem deutsche Geschichte mit afrikanischer Vergangenheit und Gegenwart verknüpft werden, Fahrzeuge aus Pappmaché und die von Facebook-Nutzern gern gespielte Landwirtschaftssimulation FarmVille eine Rolle spielen. Alles gegossen in eine Comic-Form. Die Premiere findet am Sonntag im Prater der Berliner Volksbühne statt.

ND: Ihre aktuelle Hitlerine hat mit Hitler recht wenig zu tun.
Tismer: Ich bin etwas später zum Projekt gekommen und habe dann angefangen, einen eigenen Text über eine Hitlerine zu schreiben, die irgendwann zwischen 1884 und 1918 in Afrika landet. 1884 fand die Afrika-Konferenz in Berlin statt, bei der der Kontinent aufgeteilt wurde. Im damaligen Afrika gab es schon Konzentrationslager. Afrikaner wurden zu Sklaven gemacht und ihnen Nummern auf den Arm tätowiert. Sie wurden massenhaft umgebracht. Die Deutschen haben ihre Kolonien verloren, und dann haben sie hier in Europa Genozide und Massenmorde betrieben.

Sie sind empört, wie stark Afrika in Vergessenheit geriet?
Der Bürgerkrieg im Kongo ist der blutigste kriegerische Konflikt seit dem zweiten Weltkrieg. Aber man berichtet kaum darüber. Und ich kann mich nicht erinnern, dass es in Berlin oder Deutschland oder Europa in der letzten Zeit eine Demonstration gegen diesen Krieg gegeben hat. Die Kolonisation hat Afrika entvölkert.

Und jetzt kommt Ihre Hitlerine daher, will in diesem leeren Land ein wenig siedeln und wähnt sich dabei noch in dem auf Facebook kursierenden Spiel FarmVille. Ein ziemlich dekadenter Ansatz?
Natürlich – das geht gar nicht. Das ist richtig gemein. Aber trotzdem ist das der Vorgang, der stattfindet. Wenn die Europäer in der afrikanischen Wüste Solarkollektoren bauen, wird doch nur ein ganz geringer Teil des Geldes, das dabei verdient wird, in Afrika selbst bleiben. Der größte Teil ist für Europa gedacht. Das ist die Regel.

Sie haben in letzter Zeit immer wieder selbst in Afrika gearbeitet. Wie ist es dazu gekommen? War es ihr ureigener Wunsch?
Der Impuls kam vom Goethe-Institut. Zu ersten Schritten bringen mich oft andere. Durch Rahel Savoldelli bin ich daraufgekommen, dass man Projekte auch ohne Regisseur machen kann. Das war eine richtige Befreiung. Zuletzt habe ich mich bei Theaterproben immer besonders leer gemacht, um ja das ausführen zu können, was der Regisseur will. Jetzt ist es eher so, dass ich die Kollegen dazu auffordere: Befreit euch aus diesen Zusammenhängen! Aber ich weiss inzwischen, dass das gar nicht alle wollen – es ist in Deutschland für viele Menschen schwierig zu leben, wenn sie nicht wissen, ob sie jeden Monat ein Gehalt bekommen.

Der Anstoß, nach Afrika zu gehen, entstand bei der Aktion »TE fällt auf die Welt«, die ich in Mülheim mit Schülerinnen gemacht habe. Durch den Dramaturgen Rolf Hemke habe ich Kontakt zu Herwig Kempf, Leiter des Goethe-Instituts Togo, bekommen. Der hat mich für eine Aktion nach Lomé eingeladen. Ich habe dort eine Gruppe von Künstlern kennengelernt, mit denen ich seitdem zusammenarbeite.

Wie haben Sie sich durch Ihre Afrika-Aufenthalte verändert?
Ich habe dort ganz andere Lebensbedingungen kennengelernt. Die Künstler, mit denen ich arbeite, verdienen, wenn sie Glück haben, umgerechnet 100 Euro im Monat – aber meistens weniger. Sie haben mir gesagt, das wäre in Togo normal. Wenn ich hier etwas einkaufe, was 40 Euro kostet, dann denke ich daran, dass das in Lomé schon ein ganzer Monatsverdienst ist, obwohl man kann das so natürlich nicht vergleichen kann. Trotz der Armut dort bin ich aber in Afrika entspannter als hier.

Immer mehr Künstler aus Deutschland arbeiten in Afrika. Der neue Sehnsuchtsort?
Ich weiß es nicht.

Auch Hitlerine zieht es nach Afrika. Sie will dort einen neuen Staat aufbauen und plant eine Parteigründung. Gelingt ihr das?
Nein, gar nicht. Ihr Plan ist blöd und völlig sinnfrei. Sie ist tyrannisch und zerstört alles.

Interview: Tom Mustroph

Die Deutschen lachten nicht

Hitler ist eine Figur, die mich mehr beschäftigt als jede andere. Sie ist für mich wichtiger als Faust oder Hamlet. Als Kind war ich viel im Ausland. Die anderen, die Engländer und Amerikaner, hatten, wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging, immer positive Figuren. Aber ich musste mich mit Hitler auseinandersetzen. Später ist mir aufgefallen, dass Hitler ganz am Anfang wahrscheinlich nur deshalb so erfolgreich werden konnte, weil die Deutschen keinen Humor besitzen. Sehen zum Beispiel die Engländer Originalaufnahmen von Hitler, dann lachen sie. Nein, die Deutschen haben keinen Humor. Sie haben es verabsäumt, über Hitler zu lachen.

In der Beschäftigung mit Hitler hat sich dann die Idee herauskristallisiert, Hitlerine zu schaffen und sie mit ihrer Gang im Führerbunker anzusiedeln. Weil ich vorher bereits mit dem Puppentheater Helmi gearbeitet habe, war auch klar, dass wir Puppen benutzen würden ...
Regisseur ALEXIS BUG

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