Kaltluftschneise mit Industrie

NABU wünscht sich Flughafen Tegel als Naturschutzgebiet mit Bikern und innovativer Wirtschaft

Der Flughafen Tegel wird Ende 2011 geschlossen. Der rot-rote Senat hat bereits die Voraussetzung für eine Änderung des Flächennutzungsplans geschaffen. Jetzt beginnt das öffentliche Planungsverfahren für das 460 Hektar große Flughafenareal und das Gebäude. Die Diskussionen um die künftige Nutzung gehen aber weiter.
Anja Sorges leitet seit 2007 die Geschäftsstelle des Naturschutzbundes Berlin mit zwölf hauptamtlichen Mitarbeitern. Sie studierte Forstwissenschaften mit dem Schwerpunkt Biologie und Ökologie.
Anja Sorges leitet seit 2007 die Geschäftsstelle des Naturschutzbundes Berlin mit zwölf hauptamtlichen Mitarbeitern. Sie studierte Forstwissenschaften mit dem Schwerpunkt Biologie und Ökologie.

ND: Flughafen Tegel wird zum Wald – das müsste Ihnen doch gefallen?
Sorges: Nein. Tegel ist mit der derzeitigen weiten Öffnung gut als Kaltluftschneise – wie eine Klimaanlage – für die Stadt geeignet. Hohe Gebäude oder Wald würden diesen Effekt unterbrechen. Außerdem ist Tegel seit Jahrzehnten freigehalten worden, und auf den Flächen hat sich eine für Deutschland sehr seltene Flora und Fauna entwickelt. Deswegen wollen wir nicht, dass nur Bäume angepflanzt werden.

Der Senat möchte Zukunftsindustrie und Natur. 40 Prozent Industrie, 60 Prozent Natur. Ist das Verhältnis für Naturschützer in Ordnung?
Das klingt erst mal gut. Wir haben mit Schlimmerem gerechnet. Wir sehen für Industrie oder Gewerbe keine Probleme, zumindest nicht für den Bereich um das Terminal-Gebäude, der bereits versiegelt ist, und die angrenzenden Flächen. Alles andere muss im Einzelfall abgewogen werden. Innovative Industriezweige können wir uns vorstellen, beispielsweise regenerative Energien.

Elektromotoren neben Biotopen. Gibt es denn saubere Industrie?
Deutschland hat hohe Auflagen für Industrien. Wenn diese eingehalten würden, dann könnten wir darüber reden, welche Industrie- und Gewerbebetriebe sich für diesen Standort aus Naturschutzsicht eignen. Die Frage ist immer, was emittieren die Industrien, und welches Endprodukt wird mit welchen Stoffen hergestellt? Petrochemie oder chemische Industrie lehnen wir ab.

Sie sind gewissermaßen zuständig für Vögel und Pflanzen. Sehen Sie auch Menschen auf dem Gelände?
Ja, gerade das Gebiet der Jungfernheide, das im Nordwesten an den Flughafen grenzt, wird ja schon stark von Freizeit- und Erholungssuchenden begangen. Und es gibt dort natürliche Korridore, die für Spaziergänger, Wanderer, Radfahrer oder Mountainbiker interessant sind. Wir wollen die Leute nicht konsequent aussperren. Wenn Menschen Natur positiv erleben dürfen, werden sie oft zu Naturschützern.

Wenn sich die Bürger aber für Industrie und Arbeitsplätze aussprechen?
Dann sollten zuerst die bisherigen Leerstände der Stadt geprüft werden. Es gibt ehemalige Industriebrachen von beträchtlichem Maße. Da sollen die Stadtplaner schauen, wo es andere Standorte gibt. Geht es um Industrie im Bereich des Terminal-Gebäudes, können dort entsprechende Ansiedlungen vorgenommen werden. Geht es aber um die grünen, offenen Bereiche, schauen wir genau hin, was passiert.

Wie sieht denn Ihre Tegeler Wunschlandschaft aus?
Nordöstlich der versiegelten Fläche können wir uns durchaus vorstellen, dass Erholungsgebiete oder nutzungsbetonte Flächen entstehen. Man könnte etwas für Skater oder Radfahrer machen. Oder nach ausreichender Prüfung innovative Bebauung zulassen. Allerdings dürften die Gebäude die Frischluftschneise nicht zerstören und müssten hohen Umweltstandards entsprechen.

Die nordwestlichen Gebiete, die durch Gutachten bereits als schutzwürdig betrachtet werden, sollen unter Naturschutz gestellt werden. Eine Vernetzung mit bereits bestehenden Schutzgebieten, die direkt an den Flughafensee angrenzen, wäre wunderbar. Im nordwestlichen Bereich des Tegeler Flugfeldes gibt es eine extrem hohe biologische Vielfalt. Hier gibt es Arten, die deutschlandweit von Bedeutung sind und auf der Liste der bedrohten Arten stehen. Da kann das Land Berlin zeigen, dass es Artenschutz betreibt und ihm etwas am Schutz der Biodiversität, der biologischen Vielfalt, liegt.

Was sind das für Tiere und Pflanzen?
Grashüpfer und Heuschrecken, die einmalig sind. Und die Schmetterlingsvielfalt ist dort sehr groß. Die Zahl der Feldlerchen-Reviere ist hoch. Feldlerchen sind in der offenen Landschaft durch die Intensivierung der Landwirtschaft stark zurückgegangen. Als Bodenbrüter wurden sie untergepflügt oder abgemäht. In Tegel gibt es aber rund 75 Feldlerchen-Reviere. In der offenen Landschaft käme auf die gleiche Fläche nur ein Bruchteil davon. Grauammer und Steinschmetzer sind auch Besonderheiten. Interview: Antje Stiebitz

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