Missbrauch kommt Stück für Stück ans Licht

Kirche und Leitung des Canisius-Gymnasiums verschwiegen die Fälle jahrzehntelang

(dpa). Abweisend liegt das Canisius-Kolleg im Diplomatenviertel. In der Schneelandschaft am Rande des Tiergartens wirkt die graue Fassade bedrückend. Zur Stimmung passen die grauen Wolken und die Krähen in den Baumwipfeln. Die Fensterläden sind teilweise zugeklappt, in den Klassenräumen ist es dunkel. Was sich in den 70er und 80er Jahren hinter den Mauern abspielte, kam auch am Montag nur scheibchenweise weiter ans Licht. Zwei Jesuiten-Patres sollen sich seinerzeit an dem katholischen Gymnasium an insgesamt mindestens 22 Kindern und Jugendlichen vergangen haben.

Auf dem Schulhof ist es ruhig, die etwa 800 Schüler haben eine Woche Winterferien. Über der Eingangstür ist ein Segen der Heiligen Drei Könige zu lesen, im Treppenhaus haben sich drei Schüler namens Burkhard, Karen und Eddi mit farbigen Handabdrücken verewigt. Auf den Fotos einer Werbebroschüre, die am Eingang liegt, lachen Mädchen und Jungen. Hinter ihnen hängt ein großes, braunes Holzkreuz. Im Gebäude und auch außen an der Fassade arbeiten vereinzelt Bauarbeiter. »Das ist keine schöne Sache, was sich hier abgespielt haben soll«, sagt einer der Bauarbeiter. Er habe von den Missbrauchs-Vorwürfen aus den Medien erfahren, die Schulleitung habe nichts erwähnt. Jetzt hat er ein »mulmiges Gefühl«, wenn er die Gerüste an der Fassade montiert und in die dunklen Klassenräume schaut.

Auch am Montag mehrten sich die Vorwürfe, weitere Details wurden öffentlich. Nach verschiedenen Medienberichten sollen die Vorfälle der Jahre 1975 bis 1983 bereits damaligen Lehrern und dem Jesuiten-Orden bekanntgewesen sein. Schon 1981 schrieben frühere Schüler nach eigenen Angaben gemeinsam einen Brief an die Schulleitung und die katholische Kirche. Bereits 1991 will ein Pater seine Taten gestanden haben. Die Öffentlichkeit erfuhr seinerzeit nichts davon.

Auf der Internetseite des Canisius-Kollegs schreibt der jetzige Rektor Klaus Mertes in einer persönlichen Erklärung vom »tiefen Entsetzen über die Untaten von zwei ehemaligen Patres«, dem »Versagen der Ordensleitung« und dem »Wegschauen der Verantwortlichen«. Ein Untersuchungsbericht soll bis Mitte Februar Gewissheit liefern. Mit den Ermittlungen beauftragte der Jesuitenorden eine Expertin – Ursula Raue, lange Jahre Vorsitzende der Kinderschutzorganisation »Innocence in Danger« (Unschuld in Gefahr).

In einer Woche sollen auf dem Schulhof wieder Kinder toben, im Unterricht stehen Mathematik, Deutsch, Griechisch oder Japanisch auf dem Stundenplan. Doch ein normaler Schulalltag scheint vorläufig nicht in Sicht.

Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit rund 20 Missbrauchsfälle am katholischen Canisius-Gymnasium des Jesuiten-Ordens. »Es spricht aber vieles dafür, dass die Taten verjährt sind«, sagte ein Sprecher. Das betreffe auch etwaige Vorwürfe an den Jesuiten-Orden wie Strafvereitelung oder unterlassene Hilfeleistung. Der deutsche Chef des Jesuiten-Ordens, Provinzial Stefan Dartmann, hat sich bei Opfern, Lehrern und Eltern entschuldigt.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung