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Imame, Genitiv und Karneval

Im Kölner Integrationskurs für islamische Theologen geht es auch um die Weiberfastnacht

  • Von Yuriko Wahl, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ende 2009 wurde in Köln und Nürnberg das Bundesfortbildungsprogramm »Imame für Integration« gestartet. Die Teilnehmer sollen Vermittler zwischen den Kulturen werden.

Köln. Yusuf Incegelis und Adnan Cömert sprechen über Weiberfastnacht, Alkohol und Rosenmontag. Ungewöhnliche Themen für türkische Imame. Die beiden Theologen besuchen den Pilot-Kurs »Imame für Integration», zusammen mit zwölf weiteren Religionsbeauftragen und der Vorbeterin Sevda Demirbag als einziger Frau.

In Köln kämpfen sie seit einigen Wochen mit Genitiv und unregelmäßigen Verben, lernen so manches über Land und Leute. Top-Thema jetzt ist aus aktuellem Anlass der Karneval, den noch nicht alle kennen: »Der Karneval kommt aus Amerika?, fragt Lehrerin Yonca Erman. »Ja«, ruft jemand eifrig in die Klasse. »Nein, Halloween kommt aus Amerika.« Auf den Tischen im Haus der Türkisch-Islamischen Union Ditib liegen deutsch-türkische Wörterbücher und viele Arbeitsblätter zum Karneval, der in Köln gerade seinem ersten Höhepunkt zustrebt. »Weiberfastnacht: An dem Tag regieren die Frauen«, liest ein Imam vor. »Sie dürfen den Männern Haare oder Krawatte oder Bart abschneiden.« Wieder beugt Lehrerin Erman einem Missverständnis vor: »Nein, das ist falsch, sie dürfen nur die Krawatte abschneiden, nicht die Bärte, keine Sorge.«

Rund 2500 Imame

Die 16 Kurs-Teilnehmer in Köln drücken vormittags von Montag bis Donnerstag die Schulbank, Freitag ist frei, da ist Gebetstag. Und mittags muss es schnell gehen, damit sie es noch rechtzeitig zum Mittagsgebet in ihre Moschee-Gemeinde schaffen. Die Imame kommen aus Köln, Bonn, Aachen und dem Ruhrgebiet. Ende Dezember gingen sie bei dem ersten bundesweiten Fortbildungsprogramm »Imame für Integration« an den Start. Das Projekt von Ditib, Goethe-Institut und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge soll Schule machen, später auch weitere Imame erreichen. Sie sollen »Brückenbauer« zwischen den Kulturen werden, bei Konflikten vermitteln und Vorurteile abbauen helfen. Rund vier Millionen Muslime leben hierzulande.

»Ich möchte in deutscher Sprache predigen können und noch mehr Kontakt zu Deutschen haben als bis jetzt«, erklärt Vorbeterin Demirbag, warum sie nach einem Theologiestudium in der Türkei noch einmal in Köln die Schulbank drückt. Nur große muslimische Gemeinden haben eine Predigerin für die Frauen, erklärt Ditib-Sprecherin Ayse Aydin.

»Manchmal besuchen Deutsche unsere Moschee, wir brauchen dann Übersetzer. Ich glaube aber, es ist besser, wenn wir Imame selbst alles erklären. Deshalb lerne ich Deutsch«, erzählt Ibrahim Sentürk. Der 37-Jährige findet die Grammatik zwar schwierig, aber: »Es macht Spaß. Und wir lernen viel über das Land, wie die Deutschen leben.« Laut Islam-Archiv in Soest arbeiten bundesweit derzeit 2500 Imame. Die meisten sind aus der Türkei, viele werden nur für kürzere Zeit geschickt. Wer an dem neuen Neun-Monatskurs teilnimmt – die Gebühren übernimmt das Migrationsamt – muss aber mindestens drei Jahre bleiben.

Verrücktes Deutschland

Stefan Brunner vom Goethe-Institut erklärt: »Der Unterricht ist sehr alltagsorientiert, am Ende werden sie locker über Gott und die Welt reden können.« Der Unterricht soll auf weitere Städte ausgeweitet werden. Berlin und das Ruhrgebiet sind angedacht.

Yusuf Incegelis aus Bonn hat schon viel mitgenommen für seine Arbeit, wie er sagt. Die Karneval-Lektion hat ihn aber auch überrascht: »Die Menschen in Deutschland lieben Pünktlichsein und Ordnung, aber an Karneval dürfen sie alles Verrückte machen. Das ist sehr interessant.«

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