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Straßenkunst und Milch

Im Wettbewerb und außer Konkurrenz:

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kino zu Zeiten der Terrorgefahr: »transparente« Briefkästen vorm Hyatt Hotel, Potsdamer Platz ND-
Kino zu Zeiten der Terrorgefahr: »transparente« Briefkästen vorm Hyatt Hotel, Potsdamer Platz ND-

Bal

Oben auf dem Schrank im Klassenzimmer steht ein Glasbehälter. Sehnsüchtig schaut Yusuf zu diesem Glas herauf, denn er birgt einen für ihn unermesslichen Schatz: die roten Abzeichen für gutes Lesen. Doch diese Auszeichnung bekommen immer die anderen Erstklässler an die Brust geheftet. Yusuf fällt das Vorlesen schwer. Er stottert sogar dabei.

»Bal« ist der dritte und abschließende Teil von Semih Kaplanoglus Yusuf-Trilogie. Sie ist in umgekehrter Chronologie erzählt, fing mit Yusuf als altem Mann in »Yumurta« (Ei) an, blickte auf sein Leben als junger angehender Dichter in »Süt« (Milch) und endet nun mit Yusufs Kindheit in »Bal« (Honig).

Harmonie und Liebe, die ohne viele Worte auskommen, bestimmen das Verhältnis von Yusuf zu seinem Vater. Der Imker lebt mit Frau und Kind in einem abgelegenen Berghaus und setzt sich großen Gefahren aus, wenn er die Bienenkörbe an den Bäumen im Wald anbringt. Oft begleitet ihn Yusuf auf seinen Streifzügen durch die Natur und lernt dabei die Namen der Blumen und welchen Honig sie liefern. Die Mutter dagegen versteht ihren verträumten Sohn nicht. Er weigert sich auch, sein tägliches Glas Milch zu trinken. Eines Tages bricht der Vater für eine Reise zu seinen Bienenstöcken auf, kommt aber nach den vereinbarten zwei Tagen nicht zurück ...

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in »Bal«. Moderne Kommunikation gibt es weder in Yusufs Haus, noch in der Schule. Gefühle werden mit Gesten, mit Blicken ausgedrückt. Wenn Yusuf sich bei seinem Schulfreund dafür entschuldigt, dass er ihn beim Lehrer angeschwärzt hat, beschenkt er ihn mit einem Holzboot, das der Vater für ihn selbst geschnitzt hatte. Das Glas Milch wird später eine bittere Bedeutung erhalten, das Abzeichen für gutes Lesen eine traurige.

Berührend das ungemein natürliche und präzise Spiel des 7-jährigen Bora Altas. Er schafft es, den Film fast im Alleingang zu tragen. Ein wichtiger Mitspieler allerdings: die Natur. Kamera und Tonspur fangen ihre Manifestationen ein: jedes Bienensummen, Rauschen von Bäumen, Knacken von Ästen. Kira Taszman

Exit Through The Gift Shop

Vor dem Film per Satellit übertragen die Warnung des Regisseurs, mit Kapuze und verzerrter Stimme: »Sie sehen jetzt einen Street-Art-Katastrophenfilm«. Es ist »ein ehrlicher« und ein »guter Film, wenn Sie nicht allzu viel erwarten«. Eine kokette Untertreibung des genialen Street Art Künstlers Banksy, der, um sich keiner Strafverfolgung auszusetzen, im Film selbst inkognito bleibt.

Erzählt wird eine skurrile Geschichte: Thierry Guetta, ein in den USA lebender Franzose und Inhaber eines Gebrauchtklamottenladens, setzt sich in den Kopf, mit seiner Videokamera den Straßenkunstkünstler überhaupt zu filmen: Banksy, die Legende aus Bristol. Es gelingt ihm dann tatsächlich, den Kultkreativen vor die Kamera zu bekommen. Doch mittlerweile hat die kommerzielle Kunstszene auch Street Art entdeckt: Sammler und Galeristen bieten Höchstpreise für das, was bislang nachts und verbotenerweise im öffentlichen Raum entstand. Eine gute Zeit, so Banksy, um den Film als Dokumentation der wahren Street Art zu realisieren. Doch Thierry, so stellt sich heraus, ist kein Filmemacher. Und so kehrt sich die Geschichte um: Aus Thierrys Film über den Künstler Banksy wird Banksys Film über den Nicht-Künstler Thierry.

Der Welt, die, wie aktuell die deutschen Feuilletons, darum ringt, das blamable Lob für die zuerst bejubelte und sich nun als krude Plagiatin herausstellende Helene Hegemann zu rationalisieren, hält Banksy den Spiegel vor: Kunst ist, was das lukrativste Event verspricht; Kunst schafft, wer sich – und bitte schön schrill! – als Künstler inszeniert.

Dabei kritisiert Banksy mit viel Witz und (Selbst-)Ironie nicht nur die saturierten Kenner oder die Massen, die in jede Show strömen, wenn sie nur genug beworben wird, sondern auch diejenigen, die eigene Ideen und das rebellierende Element der Street Art verraten. Die eigene Schlussfolgerung als Bonmot am Schluss: »Wenn mich noch mal einer fragt, ob ich ihn bei einem Film helfe, sage ich nein.«

»Exit Through The Gift Shop« ist ein fröhlich-freches Highlight des Festivals.

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