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Galionsfigur, nicht Steuermann

Ulrich Haltern analysiert die US-amerikanische Identität am Beispiel Barack Obamas

  • Von Reinhard Kruska
  • Lesedauer: 7 Min.

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Der Kopenhagener Klima-Gipfel im Dezember 2009 ist gescheitert, torpediert von den ökonomischen Interessen der üblichen Verdächtigen. Irak befindet sich noch immer im Kriegszustand. Der Terror in Afghanistan hat jetzt auch die Atommacht Pakistan voll erfasst. Der »Krieg gegen den Terror« weitet sich auf Jemen aus. Also alles, bestenfalls, wie gehabt. Aber war da nicht die Rede von Wandel? Gab es da nicht diesen neuen US-Präsidenten, diesen Friedensnobelpreisträger, unter dem alles anders werden sollte?

Ein gutes Jahr nach dem Amtsantritt von Barack Obama ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Doch noch immer gilt der Mann im Weißen Haus vielen als Hoffnungsträger und Garant für eine bessere Zukunft. Warum eigentlich – abgesehen von der unzweifelhaften Tatsache, dass er nicht George W. Bush ist? Dieser und anderen Fragen geht Ulrich Haltern in seinem im Herbst 2009 erschienenen Buch »Obamas politischer Körper« nach. Zum weitverbreiteten öffentlichen Bild von Obama schreibt Haltern: »Viele meinen, dass wir das sehen, was wir sehen wollen. Dies würde Obama als Projektionsfläche beschreiben: eine leere Leinwand, auf die wir unsere eigenen Träume projizieren können. Die Schlagworte des Wahlkampfs – Yes We Can, Change und Hope – haben diese Vermutung genährt, denn sie sind inhaltlich völlig leer und eignen sich als Gefäß, in das wir unsere eigenen Vorstellungen gießen.« Aber, fährt Haltern fort: »Obama ist nicht leer.«

Ulrich Haltern ist Professor an der Leibniz Universität Hannover und lehrt u. a. Rechtsvergleichung und Rechtsphilosophie. Mit den USA verbinden ihn akademische Erfahrungen. Das vorliegende Buch beschäftigt sich intensiv mit den vermeintlichen Anschauungen und Intentionen Obamas. Doch Haltern will weit mehr. Ausgehend von Barack Obamas buchstäblicher »Verkörperung« des Präsidentenamts versucht er nicht weniger, als die elementaren Staatsvorstellungen der US-Amerikaner mit denen der Europäer zu vergleichen. In der Folge entwickelt er eine durchaus flüssige, lebendige Darstellung dieser doch eigentlich sehr trockenen Materie.

Aus dem einzigartigen Phänomen Obama wird nach und nach ein US-Präsident in der Tradition all seiner Amtsvorgänger, besonders aber eines Mannes: Abraham Lincoln (1809–1865). Neben den Gemeinsamkeiten der Biografien – beide Rechtsanwälte aus Illinois, beide nicht gesellschaftlichen Eliten entstammend, beide vergleichsweise jung und ohne politische Erfahrung auf nationaler (und internationaler) Ebene – weist Haltern nach, wie Obama sich sowohl inhaltlich-programmatisch als auch symbolisch-rhetorisch auf Lincoln bezieht. Es ist eine bewusste Anlehnung an einen symbolträchtigen Namen. Mit der Ära Lincoln endete die Zeit der US-amerikanischen »Gründerväter« in einem blutigen Bürgerkrieg, in dessen Folge die Sklaverei abgeschafft wurde und die Moderne begann. Dessen ungeachtet nahm Lincoln stets für sich in Anspruch, die Werte jener »Gründerväter« zu verteidigen und in ihrem Sinne zu handeln. Indem Obama glaubhaft Lincolns legitimen Nachfolger darin verkörpert, gelingt es ihm laut Haltern, »Widersprüchliches so zu vereinen, dass eine überzeugende Lösung mit ihm selbst im Zentrum herauskommt«.

Indem es der schwarze Intellektuelle Barack Obama schafft, eine geradezu mystifizierte Verbindung zwischen sich und den zentralen Werten des weißen Amerikas herzustellen, wird er der Eine für alle: »Er kann erneuern und bewahren; er kann aufbrechen und in der Tradition verbleiben; er kann schwarz sein und gleichzeitig ein Erbe der weißen, Sklaven haltenden Gründerväter sein; er kann international aufgewachsen sein und doch dem amerikanischen Kernland entstammen; er kann eine inhaltliche Leere (Yes, we can) ins Zentrum seiner Kampagne stellen und trotzdem deutlich für Inhalte stehen wie selten ein Kandidat zuvor; er kann in den Augen der Europäer ein charismatischer Juradozent und in den Augen der Amerikaner ein neuer Kennedy sein.«

Haltern räumt ein, dass man dies als »gewinnende Strategie« ansehen mag. Doch hält er sich an dieser Frage nicht weiter auf, sondern wendet sich den Ursachen dieses Erfolges zu. Er untersucht die großen öffentlichen Reden des Kandidaten und des Präsidenten Obama und zeigt in der Folge das Verständnis der US-Amerikaner von Staat, Recht und Politik auf. Es läuft auf ein weitgehend ursprüngliches und ungebrochenes, geradezu mystisches Verhältnis zu ihrer Nation, ihren Vorfahren und deren Werten hinaus.

In den USA bemisst sich, laut Haltern, »Zugehörigkeit nach dem Maß des Einstehens, des Opfers und des Dienens für die größere Sache, die Amerika ist«. Nach der Betrachtung der Differenzen zum europäischen »Diskursmodell« stellt er die These auf, dass »die amerikanische Imagination des politischen Körpers in der Tradition der katholischen Imagination von Kirche steht, während die deutsche und europäische Imagination des politischen Körpers eine Reformation durchlaufen hat und daher mit protestantischer Imagination von Kirche vergleichbar ist«.

Halterns Argumentation ist nachvollziehbar und in sich schlüssig. Gerade in Deutschland ist nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus jede Mystifizierung von Volk und Nation undenkbar geworden. So wurde der Staat in unserer Vorstellung mehr und mehr zu einem reinen »Sozial- und Gewährleistungsstaat, in dem man sich auf vernünftige Weise über Gerechtigkeit und Interessen verständigt«. Allerdings habe diese »Reformation des politischen Denkens« tiefe Spuren hinterlassen. Zum einen »schwere Identitätsprobleme«, zum anderen eine Entfremdung gegenüber Staaten, die solche Prozesse nicht durchlaufen hätten. So ein Staat aber sind die USA. Und Haltern stellt klar, dass Obama ganz in der Tradition des »american exceptionalism« stehe, einer Haltung, die dem eigenen Staat, den eigenen Werten, der eigenen Rechtsprechung Vorrang einräumt – auch vor internationalen Verträgen und dem Völkerrecht. »Dies ist die Konsequenz der volkssouveränen Imagination, die Obama stützt: We are always Americans first. – Wir sind immer zuerst Amerikaner.«

Wie also werden die Vereinigten Staaten unter Barack Obama weltpolitisch agieren? Halterns Antwort auf diese, in seinem Buch nicht zentrale Frage, ist ebenso kurz wie eindeutig: »Wie jeder andere Staat werden die USA taktische Erwägungen darüber anstellen, wie sie ihre nationalen Interessen am effektivsten zur Geltung bringen können.« An anderer Stelle heißt es: »Von Amerika erhofft man sich häufig anderes, obwohl man weiß, welche Parameter die amerikanische Außenpolitik über Jahrzehnte angetrieben hat. Ein Grund mag in der besonderen Verantwortung liegen, die einer, vielleicht der einzigen, Supermacht obliegt und sie in die Richtung eines guten und gerechten Maklers drängen sollte, der weniger von eigenen Interessen als vom Allgemeinwohl angeleitet ist. Ein anderer Grund mag die Sprache der universalen Werte und globalen Prinzipien sein, die die USA auf der Weltbühne verwenden.«

Ulrich Haltern kennt sich mit seiner Materie aus. Dennoch bleibt sein Buch in gewisser Weise unbefriedigend, weil es zwar viel über den Kandidaten und den Präsidenten Obama enthüllt, aber eben nicht annähernd genug. Was sind denn die strategischen Interessen der USA unter dem Präsidenten Obama? Wer steht hinter ihm? Seinen republikanischen Vorgänger George W. Bush als den »Mann« der Öl-Lobby zu bezeichnen, scheint wenig gewagt. Ohne eine gut gefüllte Wahlkampfkasse wird niemand US-Präsident. Dass dem Kandidaten Obama viel Geld aus kleinen, privaten Einzelspenden zufloss, bedeutet ja nicht, dass die großen Lobbygruppen ihn nicht auch finanziert hätten. Von den Senatoren seiner eigenen Partei ganz zu schweigen. An vielen Stellen kommt mir der berühmte Slogan aus dem Wahlkampf von Bill Clinton in den Sinn: »It's the economy, stupid«! Aber die Wirtschaft spielt weder in den historischen noch in den aktuellen Überlegungen Halterns eine Rolle.

Der US-amerikanische Bürgerkrieg wurde nicht etwa wegen der ethischen Frage der Sklaverei geführt, sondern wegen der Sezession einiger Südstaaten. Und die wiederum spiegelte die widersprüchlichen Interessen der Industriemagnaten des Nordens und der südlichen Sklavenhalter wider. Lincoln war der Mann des Nordens, der erst mit seinem militärischen Sieg auch die moralische Deutungshoheit gewann.

Und die Kreuzzugs-Rhetorik der Regierung Bush nach dem 11. September 2001? Zwar gewährt hier das Buch insofern einen wertvollen Einblick in die US-amerikanischen Befindlichkeiten, als es einen Zugang für die Bedeutung der blutigen Opfer, hier die des Terrors, für die Gesellschaft schafft. Aber vermuteten nicht selbst die westlichen Verbündeten der USA, zumindest weite Teile der europäischen Bevölkerung, hinter dieser Rhetorik zu Recht die Dominanz der ökonomischen Absicht?

Haltern schrieb eingangs, Obama sei trotz seines herzlich inhaltsleeren Wahlkampfs keine leere Leinwand. Und mit Recht merkt er an, Europa müsse »gewahren, dass sein eigenes Modell des Politischen nicht das Modell der Welt ist«. Da will man gern mit ihm einer Meinung sein. Aber Obama ist nun einmal der vielleicht mächtigste Mann der Welt und, folgt man Halterns Bild, die Verkörperung der Vereinigten Staaten von Amerika. Als protestantischer Europäer sehe ich ihn dann allerdings mehr in Übergröße vor einer riesigen Menge von Menschen und ihren Motiven und Maschinen. Mehr noch als Galionsfigur denn als Steuermann. Wohin aber das Schiff fahren wird, das will ich wissen. Und wie heiß die Maschinen laufen, die es antreiben. Und was die Maschinisten verdienen, die es schmieren. Das aber erfahre ich aus dem diesem, sonst sehr interessanten, Buch alles nicht.

Ulrich Haltern: Obamas politischer Körper. Berlin University Press, 580 S., geb., 29,90 €.

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