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Sezierende Verse

»Eislaufen« nach Texten von Inge Müller im Theater unterm Dach

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»Da fand ich mich / Und band mich in ein Tuch; Ein Knochen für Mama / Ein Knochen für Papa / Einen ins Buch.« »Trümmer 45« nannte Inge Müller, zweite Ehefrau des Dramatikers Heiner Müller, jenes Gedicht, in dem sie das Trauma ihrer dreitägigen Verschüttung nach einem Bombenangriff kurz vor Kriegsende zu bewältigen suchte. Dass die bereits mit 41 Jahren freiwillig aus dem Leben geschiedene Lyrikerin auch eine genaue Beobachterin des Alltags war und kristallklare Poesie ebenso beherrschte wie trockenen Witz, zeigt die collagenhafte Inszenierung »Eislaufen« im Theater unterm Dach.

Regisseurin Lina Antje Gühne kam über die Beschäftigung mit Heiner Müller auf dessen zweite Frau Inge und war sofort fasziniert von dieser klugen und kämpferischen, zwischen Lebenslust und tiefer Verzweiflung zerrissenen Person, deren Werk lange Zeit nur in Auszügen vorlag. Erst 1996 gab der Aufbau-Verlag unter dem Titel »Irgendwo; noch einmal möchte ich sehn« einen Großteil ihrer Texte heraus und würdigte damit die Vielfalt ihres Schreibens – neben Lyrik verfasste sie Hörspiele und Theaterstücke, Prosa und Kinderbücher.

Ein glückliches Leben hatte sie wohl nicht, die 1925 in Berlin geborene Müller, die tapfer gegen Depression und Alkoholsucht anschrieb und schon vor ihrem Suizid 1966 mehrfach versucht hatte, aus dem Leben zu scheiden. Nachdem sie als 20-jährige Luftwaffenhelferin bei einem Bombenangriff unter einem zusammenstürzenden Haus begraben wurde, kurz darauf ihre Eltern tot aus den Trümmern des eigenen Wohnhauses zog, litt sie zeitlebens unter dem, was Mediziner »posttraumatisches Belastungssyndrom« nennen. Hinzu kamen drei unglückliche Ehen und das Gefühl, am Gegensatz zwischen eigenem Anspruch und gesellschaftlichen sowie privaten Zuständen gescheitert zu sein.

Und trotzdem schwingt in vielen ihrer Gedichte und Prosaszenen ein großer Mut mit und die Fähigkeit, dem Alltag immer wieder auch komische Seiten abzutrotzen. Regisseurin Gühne, studierte Bühnen- und Kostümbildnerin, schafft es, in ihrer Inszenierung den verschiedenen Seiten Inge Müllers Rechnung zu tragen und fügt sketchartige Alltagsszenen, melancholische Beobachtungen und doppelbödige Lyrik zu einer abwechslungsreichen Collage zusammen. Das Bühnebild ist ebenso minimalistisch wie die klare, sezierende Sprache Inge Müllers.

Drei Schauspieler (Helene Grass, Anett Sawallisch und André Kudella) sitzen oder liegen in verschiedenen Konstellationen auf einem Holzpodest, das fast die ganze Breite der Bühne ausfüllt. Mal dient dieses Podest als Laufsteg, von dem aus zu schwebenden Klangbildern Gedichtfetzen ins Publikum geworfen werden – so luftig-leicht wie die Papierflieger, die den Zeilen folgen. Dann wieder ist das Requisit Beobachtungsposten, von dem aus die Dichterin mal ironisch, mal fragmentarisch deutsche Geschichte kommentiert.

Und dann gibt es, angekündigt durch eine Fanfare, immer wieder herrlich komische Szenen aus Müllers Hörspiel »Die Weiberbrigade« um die Brigadierin Nägele, die es von der Küchenhilfe zur Schlosserin gebracht hat und sich mit schlagfertigem Witz in ihrem Bautrupp durchsetzt, gegen Geschlechter- und Moralklischees. So soll Nägele zur Bestarbeiterin ausgelobt werden, erregt aber allgemeines Unverständnis mit ihrer Angewohnheit, nackt im See zu baden und sich die Männer auszusuchen, wie sie ihr passen: »Ich schlaf kein zweites Mal mit einem Mann, der mir nicht passt, nur wegen der Moral!« Ein schöner, kleiner Theaterabend.

Wieder am 13.3., Theater unterm Dach, Tel. 902 95 38 17

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