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Ärger mit der »grauen Literatur«

Die Berichte des Weltklimarates sind in Verruf geraten – und mir ihr die Klimaforschung insgesamt

  • Von Wolfgang Pomrehn
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Weltklimarat erarbeitet umfangreiche Berichte, die als wissenschaftliche Grundlage der Klimaschutzverhandlungen im Rahmen der UNO dienen. Wie sich jetzt herausgestellt hat, sind einige Daten nicht korrekt.

Beruht die These von der bedrohlichen Erderwärmung auf falschen Daten? Manipulieren Klimaforscher politisch bedeutsame Studien? Klimaskeptiker reiben sich die Hände, seit der Zwischenstaatliche Ausschuss für Fragen des Klimawandels (nach seiner englischen Bezeichnung IPCC abgekürzt) in den letzten Wochen unter starken öffentlichen Druck geraten ist. Auf den sogenannten Weltklimarat haben sich vor allem konservative britische Zeitungen eingeschossen.

Jüngstes Beispiel ist der Streit über die Qualität der globalen Klimadaten, bei dem es darum geht, ob die Klimatologen der US-Raumfahrtagentur NASA und des britischen Wetterdienstes den Urbanisierungseffekt in den Temperaturdaten richtig berücksichtigt haben. Städte sind aufgrund der Effekte der Bebauung wärmer als ihr Umland, was sich in den Messreihen einiger Stationen als Erwärmungstrend widerspiegelt, wenn die Stadt im Laufe der Jahrzehnte um sie herum gewachsen ist. Allerdings ist Meteorologen dieses Phänomen seit Langem bekannt. Die Kunst besteht lediglich darin, die verzerrten Datensätze ausfindig zu machen und mithilfe nahegelegener ländlicher Stationen zu korrigieren. Die NASA hat anhand der Lichtflecken auf Nachtbildern der Erde ermittelt, welche Stationen in Ballungsräumen liegen.

Eine Frage, die der Streit um den IPCC-Bericht aufgeworfen hat, ist die nach der zitierten Literatur. Die Richtlinien des von der UNO ins Leben gerufenen Wissenschaftlergremiums sehen eindeutig vor, dass Fachliteratur der Vorrang zukommt. Denn diese Veröffentlichungen wurden zuvor von Fachkollegen auf Stichhaltigkeit und Wissenschaftlichkeit überprüft. Aber der IPCC ist auch auf Berichte von internationalen Organisationen wie der Weltbank oder von Regierungen angewiesen. So schrieb eine niederländische Behörde fälschlicherweise den Wissenschaftlern, 55 Prozent des Landes lägen unter dem Meeresspiegel, was nun im IPCC-Bericht steht. Niederländische Politiker echauffierten sich darüber und sahen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler in Frage gestellt, mussten dann aber kleinlaut feststellen, dass der Fehler hausgemacht war. An der Tatsache, dass die Meeresspiegel steigen und sich gerade ein Land wie die Niederlande darauf einstellen muss, ändert der Streit ohnehin nichts. Was bleibt, ist die Schlussfolgerung, dass diese »graue Literatur« genau überprüft werden muss, bevor aus ihr zitiert wird.

War der Angriff auf den Weltklimarat als Medienkampagne gestartet, so hat die Debatte inzwischen auch die Fachwelt erreicht. Das Wissenschaftsjournal »Nature« hat einige Autoren der letzten IPCC-Berichte gebeten, ihre Vorstellungen für eine Reform des Gremiums zu skizzieren. John R. Christy von der Universität von Alabama fordert zum Beispiel, den IPCC aus dem Einfluss der Regierungen zu befreien, die bisher einen Pool von Wissenschaftlern nominieren, aus denen dann die rund 450 Chef-Autoren der einzelnen Kapitel ausgewählt werden. Die Kapitel sollten in einem bei Wikipedia abgeguckten Stil kollektiv geschrieben werden. So könnten alle beteiligten Autoren ihre Beiträge in den Text einfügen, und etwaige Kontroversen wären transparent, da alle Änderungen abgespeichert würden.

Auch Eduardo Zerita vom Forschungszentrum Geesthacht bei Hamburg fordert weniger Regierungseinfluss. Eine unabhängige Internationale Klimaagentur mit rund 200 Wissenschaftlern solle die Arbeit des ehrenamtlichen IPCC übernehmen. Auch der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert, das Gremium von allen politischen Interessen zu befreien. Und Mike Hulme von der britischen Universität von East Anglia regt eine Radikalkur der »überkommenen Strukturen« an. Nach dem nächsten Bericht sollte der IPCC 2014 aufgelöst und in drei unabhängige Gremien aufgeteilt werden.

Wie dem auch sei, eines bleibt festzuhalten: Die allermeisten Vorwürfe gegen den IPCC sind haltlos, und die Kritik hat längst die Form einer orchestrierten Kampagne gegen die internationale Klimaforschung angenommen. Da fragt man sich doch: Cui bono? Es liegt auf der Hand, wem es nützen würde, wenn mit dem Klimaschutz noch länger gewartet wird, wenn die Weltwirtschaft von Öl und Kohle abhängig bleibt, bis diese sich verknappen und ihre Preise explodieren.

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