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Nervengas vor Helgoland

Britisches Militär ließ 1949 offenbar 6000 deutsche Tabun-Granaten in die Nordsee schütten

  • Von Dieter Hanisch, Kiel
  • Lesedauer: 3 Min.

Mehrere tausend Giftgasgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg sollen auf dem Meeresboden vor Helgoland liegen – nur ein paar Kilometer vom Südhafen der Nordseeinsel entfernt. Und wahrscheinlich werden sie auch an Ort und Stelle bleiben.

Das Innenministerium von Schleswig-Holstein gab dieser Tage bekannt, was Beobachter seit Längerem vermuteten: Auf dem Meeresgrund vor Helgoland lagert Nervengas. Fachleute raten dazu, die explosive Altlast aus dem Zweiten Weltkrieg dort zu belassen, weil eine Bergung eine zu große Gefahr darstelle. Die LINKE im nördlichsten Bundesland fordert dagegen eine Beseitigung des Kampfstoffes.

Bei diesem handelt es sich aller Voraussicht nach um Tabun, so die Experten vom Kampfmittelräumdienst. Kommt man ungeschützt mit dem Nervengas in Berührung, folgt der Tod durch Atemlähmung. Viele Jahre wussten verantwortliche Stellen um das Problem, schoben sich aber gegenseitig die Zuständigkeit zu, was zur Folge hatte, dass nichts passierte. Mit einer parlamentarischen Anfrage an die Bundesregierung hatte die Bundestagsfraktion der LINKEN bereits im Herbst in dieser brisanten Angelegenheit gestochert.

Der letzte sichtbare Beweis, was da wirklich in rund 50 Meter Tiefe liegt, fehlt zwar noch, doch soll dieser nun schnellstmöglich mittels Videoaufnahmen erbracht werden. Alle Indizien sprechen dafür, dass an der bekannten Versenkungsstelle wenige Kilometer vor Helgolands Südhafen etwa 6000 Feldartilleriegranaten mit Tabun lagern. Sie stammen von einem Eisenbahntransport der Wehrmacht, der im April 1945 durch Luftangriffe im Kreis Diepholz in Niedersachsen gestoppt wurde. Zwei Monate später wurde die Munition von englischen Besatzungstruppen sichergestellt.

Bergung zu gefährlich

Vier Jahre später verfügte die britische Militäradministration, dass der niedersächsische Bombenräumdienst mittels des Motorschiffs »Anna« die rund 90 Tonnen schwere Fracht – davon knapp zwölf Tonnen des Nervenkampfstoffs – in einer Senke vor Helgoland verklappt. Dieser Sachverhalt ist in Dokumenten festgehalten, die der Umweltbiologe Stefan Nehring aus Koblenz im Britischen Nationalarchiv in London entdeckte. Erst nach diesen Erkenntnissen widmete das Kieler Innenministerium und dort die Abteilung Katastrophenschutz dem Thema die nötige Aufmerksamkeit.

Offizielle Seekarten führten den Ort auch bisher schon als Munitionsversenkungsgebiet. Schleswig-Holstein will nun bei der EU auf ein offizielles Fischfangverbot drängen. Und weil just in der Region auch Manöver der Bundesmarine stattfinden, soll nun das Verteidigungsministerium auf die sensible Situation hingewiesen werden. Eine Bergung kommt für das Innenministerium nicht in Frage. »Das Risiko für unsere Taucher wäre nicht zu verantworten«, sagte Innen-Staatssekretär Volker Dornquast. Die Gefahr, dass die Granaten während des Hebevorgangs aufgrund des nachlassenden Außendrucks aufplatzen, sei zu groß. Dornquast betonte dagegen, es bestünden aus ökologischer Sicht keine Bedenken, Er verwies auf ein regelmäßiges Bund-Länder-Messprogramm im Meer. Experten beruhigen: Tabun und seine Abbauprodukte reichern sich nicht in der Nahrungskette an.

Helgolands Bürgermeister Frank Botter will sich nun mit den neuen Erkenntnissen persönlich an besorgte Touristen wenden und diese beruhigen. Er rechnet nach Offenlegung der Archive der britischen Royal Air Force womöglich noch mit weiteren unliebsamen Überraschungen auf der Insel oder rund um diese herum.

LINKE sieht Möglichkeiten

Die LINKE in Schleswig-Holstein fordert unterdessen die vollständige Beseitigung und Entgiftung der Munition. Sie verweist darauf, dass mittlerweile technisch fortgeschrittene Möglichkeiten existieren und wirft der Landesregierung eine »Null-Kosten-Regelung« vor. Dabei sei in dieser Frage eine »Null-Gefahren-Regelung« vonnöten.

Zum Zeitpunkt der Versenkung war die Insel unbewohnt. Sie sollte nach Planung der britischen Alliierten langfristig als Bombenabwurfübungsgebiet genutzt werden. Erst 1952 setzten ehemalige Bewohner Helgolands die Wiederbesiedelung der Insel durch.

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