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Protest gegen Berlusconis New Towns

Einwohner des mittelitalienischen L'Aquila wollen nach Erdbeben endlich ihre Stadt zurück

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.

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In L'Aquila regt sich Widerstand. Die Einwohner der Stadt in Mittelitalien, die vor knapp einem Jahr von einem Erdbeben zerstört wurde, protestieren gegen die Politik der Regierung, die aus der Aquila ein Vorzeigeobjekt gemacht aber das Grundbedürfnis der Menschen offensichtlich vergessen hat: Sie wollen ihre Stadt zurück.

»Ich habe einen Traum: L'Aquila«. So steht es auf einem Zettelchen, dass jemand an den Zaun geheftet hat, der das Zentrum der Stadt umgibt. Die Barriere wird Tag und Nacht von Soldaten bewacht, denn ohne eine schriftliche Genehmigung darf auch fast elf Monate nach dem Erdbeben vom 6. April niemand hinein. Aber auch durch den Maschendraht sieht man, dass das hier eine Geisterstadt ist. In den Straßen häufen sich rund 4,4 Millionen Kubikmeter Schutt. Immer noch stehen verbeulte Autos unter den eingestürzten Häuserwänden. Durch die Löcher, die das Erdbeben gerissen hat, sieht man ein Klavier, vom Regen und Schnee aufgeweichte Bücher, Spielsachen und Möbel. Über einer Gasse hängt sogar noch eine Wäscheleine mit einem paar Jeans und Socken daran. Nichts ist hier seit jener Nacht passiert, als das Erdbeben 300 Opfer forderte.

Sicher, die Menschen leben nicht mehr in Zelten. Etwa 15 000 Personen haben in den hübschen Holzhäuschen Platz gefunden, die hier nur die »Berlusconi-Häuser« genannt werden. Er hatte gewollt, dass rund um die zerstörten Städte und Dörfer 19 so genannte »New Towns« (neue Städte) errichtet wurden und praktisch jedes Haus mit viel Pomp persönlich eingeweiht und übergeben. Aber über 10 000 Menschen leben immer noch in Hotels und Ferienhäusern an der Adriaküste, rund 60 km von L'Aquila entfernt. Für sie gibt es keine niedlichen Häuschen, und jetzt ist man dabei, wenigstens einige Fertighäuser aufzustellen.

Mal abgesehen davon, dass etliche der Berlusconi-Häuser aus Propagandagründen viel zu früh übergeben wurden, dass es reinregnet, dass die New Towns verkehrstechnisch nicht oder schlecht angebunden sind, wollen die Einwohner von L'Aquila etwas ganz anderes: Sie wollen ihre Stadt zurück, sie wollen, dass man zumindest damit beginnt, die Schutthalden abzuräumen, dass man einen Plan für Sanierung und Wiederaufbau erstellt. Nichts ist bisher nicht geschehen. Es gibt noch nicht mal eine Bestandaufnahme über die Häuser, die abgerissen werden müssen, die beschädigt sind oder in die man schon schnell wieder einziehen könnte. Bisher ist in diesem Sinne überhaupt nichts geschehen. Und wann das möglich sein wird, weiß auch niemand. Das Geld, das die Regierung zur Verfügung gestellt hatte, ist praktisch für die vollkommen überteuerten Berlusconi-Häuser (2700 Euro pro Quadratmeter!) draufgegangen, und die Gemeindekassen sind leer.

Die Bewohner von L'Aquila sind auch auf die Presse allgemein und besonders auf das Fernsehen sauer: Dort wird alles so dargestellt, als habe die Regierung in der Stadt ein wahres Wunder vollbracht; und wenn jemand protestiert, dann ist er entweder undankbar oder wurde von »umstürzlerischen Kräften« aufgewiegelt. Aber auch das nehmen die Aquilaner inzwischen hin. Jedes Wochenende demonstrieren sie vor dem Zaun, der ihre Stadt abriegelt. Und daran heften sie Zettelchen, auf die sie ihre Gedanken und ihre Wünsche schreiben. Ein Aquilaner sagt: »Dieser Zaun ist unsere Klagemauer!«

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