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Befreiungsschlag

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 2 Min.

Nun werden sie wieder alle ihren Respekt bekunden. Die, denen die couragierte Bischöfin mit ihrer Erdung im ganz normalen Leben ohnehin suspekt war. Und die, denen sie gerade deshalb eine Hoffnung war. Vor dem Abschiedsrespekt von Freund wie Feind kann sich keiner schützen. Wohl aber vor Häme, Argwohn, halbherzigen Vertrauensbekundungen – und Kamerabelagerungen rund um die Uhr. Gerade weil Margot Käßmann nicht jenseits alles Irdischen lebt, ist sie gestern zurückgetreten. Hat einen Befreiungsschlag versucht, der ihrer Kirche nützen soll, sie aber nicht von Selbstvorwürfen befreit. Denn die EKD-Vorsitzende weiß freilich, dass Alkohol am Steuer keine Kleinigkeit ist. Nicht für Normalsterbliche. Und schon gar nicht für jemanden, der von Amts wegen immer und überall als moralische Instanz zu gelten hat, Vergebung zwar alle Tage predigen, aber offenbar nicht empfangen darf. Das mag Käßmann bitter beklagen, aber die Spielregeln sind ihr nicht neu. Und auch nicht, dass die Scheinheiligkeit hierzulande allgegenwärtig ist. Da ein käuflicher Ministerpräsident mit Ambitionen zum Arbeiterführer, dort eine gekaufte Partei mit Getöse über die geistig-politische Wende... Landauf landab wird in Staatskanzleien und Konzernzentralen, Banken- und Parteivorständen Wasser gepredigt und Wein getrunken – und weitergemacht, als sei nichts geschehen. Dem hat sich Käßmann verweigert, ihre Selbstachtung bewahrt und damit ehrlichen Respekt verdient.

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