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Souveräne Frauenkraft

Die Schauspielerin Walfriede Schmitt über die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes und Emanzipation in der DDR

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Walfriede Schmitt in der Berliner Kulturbrauerei
Walfriede Schmitt in der Berliner Kulturbrauerei

ND: Im Februar 1990 gründete sich der Unabhängige Frauenverband (UFV) ein zweites Mal, obwohl er doch bereits am Dezember 1989 aus der Taufe gehoben wurde. Wieso diese zweite Gründung?
Schmitt: Wir wollten bei den ersten Volkskammerwahlen im März 1990 antreten, darum mussten wir quasi wahlfähig werden, also auch Listenplätze an Kandidatinnen vergeben. Der UFV war ja eigentlich nur ein Dachverband für verschiedene Frauengruppen. Außerdem verabschiedeten wir unser Wahlprogramm »Frauen in der Offensive«, in dem auch die Souveränität beider deutscher Staaten betont wurde. Mit dem Treffen im Berliner Kongresszentrum wurde aus dem Verband quasi ein Gremium, das die Forderungen der Frauen auf der politischen Ebene durchsetzen sollte. Wir klebten dann diese wunderbaren Plakate auf denen zu lesen stand: »Alle Frauen sind schön«.

Der UFV ging ein Wahlbündnis mit den Grünen ein. Im Nachhinein betrachtet ein Fehler?
Ja, ein großer Fehler, denn die Grünen haben uns über den Tisch gezogen. Nach der Wahl am 18. März behielten sie entgegen der Absprachen die acht errungenen Mandate und unsere Kandidatinnen gingen leer aus. In einem gewissen Sinne war das der Anfang vom Ende des politischen Verbandes.

Sie gelten als eine der Mitbegründerinnen des Verbandes. Was hatte sie dazu bewogen, die Initiative zu ergreifen?
Also bei mir hat die ganze Sache angefangen mit Klaus Theweleits »Männerfantasien«. Einem Buch, das lange unterwegs war, zwischen den Grenzen, weil es immer wieder zurückgeschickt oder beschlagnahmt wurde. Es begann also mit diesem Buch, das soldatische Prägungen und faschistisches Bewusstsein anhand der Freikorps untersuchte. Damals wurde in mir in meiner naiven Weise klar, dass die Sachen, die einen im Osten gestört haben, von viel weiter herkommen. Dass sie keine Erfindung der Kommunisten waren, sondern ein Steckenbleiben in alten Verhaltensmustern.

Was waren das für Verhaltensmuster?
Die ganzen Machtverhältnisse in der DDR. Wir haben damals viel diskutiert über den demokratischen Zentralismus. Dessen Prinzipien – von unten nach oben und dann erst von oben nach unten – immer häufiger verletzt wurden. Bis es dann nur noch von oben nach unten ging und alles stagnierte. Irgendwann dachte ich, man muss die Frauen mobilisieren. Das war natürlich alles vollkommen naiv.

Und dieser Prozess begann schon vor der Wende?
Ja, es wurde immer enger und immer drückender in dem Land. Man spürte, dass es so nicht mehr lange gut gehen würde. Am 9. November, dem Tag der Grenzöffnung, hatte der Film »Coming Out« Premiere im Kino »International«. Dort traf ich Christa Wolf und habe ihr erzählt, dass wir ein Frauentreffen organisieren wollten, um in unserem Land etwas zu verändern – und zwar spätestens im Februar. Da schrie Christa Wolf auf und sagte, ihr müsst schnell machen, die Dinge überschlagen sich.

Das war die Geburtsstunde des Unabhängigen Frauenverbandes?
Nicht ganz. Am 23. November 1989 stellte die Fraueninitiative »lila offensive« (lilo) in der Berliner Gethsemanekirche ihr Standortpapier vor. Ihr Hauptanliegen war aber, die bereits existierenden Frauenverbände zusammenzuführen. Ich habe denen dann vorgeschlagen, ein großes Frauentreffen bei uns in der Volksbühne einzuberufen, damals war ich dort als Schauspielerin tätig. Die Zeit drängte, schließlich sollte der erste Runde Tisch bereits am 7. Dezember zusammenkommen. Wir wollten, dass die Frauen dort von einem eigenen Dachverband vertreten werden. Deshalb wurde beschlossen, dass Frauentreffen bereits am 3. Dezember abzuhalten. Uns blieben also nur 14 Tage, um alles vorzubereiten. Nächtelang wurden große Transparente für das Treffen gemalt. Wir hatten Slogans wie: »Hexen, Hexen an die Besen, sonst ist unser Land gewesen« oder »Wer sich nicht wehrt, landet am Herd«.

Unsere Sprüche waren oft humor- und lustvoll, schließlich waren wir keine verbiesterten Dogmatikerinnen. Alles sprühte damals förmlich vor Begeisterung und Energie.

Das Treffen in der Volksbühne wurde ein voller Erfolg?
Ja, der Große Saal war brechend voll. Kaum hatten wir angefangen, da hieß es, draußen stehen die Frauen aus Zittau. Da kamen noch einmal 250 Frauen. Der Intendant wollte die Gruppe nicht mehr in den ohnehin überfüllten Saal lassen. Daraufhin legten die Tontechniker zusätzliche Leitungen nach draußen. Am Ende drängten sich 1200 Frauen und 250 Kinder in der Volksbühne. Auf die Schnelle wurde sogar noch eine Kinderwelt errichtet. Was alles ging in dieser Zeit – einfach toll. Die Techniker hatten Krabbelställchen, Fernseher, Puppentheater und Wickeltische besorgt. Und da saßen die Frauen, haben gestillt, ihre Kinder gewickelt – dazwischen die versammelte Weltpresse.

Dreh- und Angelpunkt des Treffens war das »Manifest für eine autonome Frauenbewegung« von Ina Merkel.
Ja, ein tolles Werk. Es sollte Alternativen formulieren. Alternativen zu dem, was wir hatten und zu dem, was im Westen war. Ich hatte Ina Merkel gebeten, ein Manifest zu verfassen. Denn der Frauenverband brauchte eine politische Aussage, eine Botschaft. Kurz vor der Veranstaltung wurde beschlossen, dass ich das Manifest verlesen sollte. Deshalb wählte man mich später zur UFV-Delegierten für den Runden Tisch, so waren die Zeiten.

In dem Manifest heißt es: »Die Wiedervereinigung hieße in der Frauenfrage drei Schritte zurück.« Wieso haben Sie die Vereinigung als Gefahr wahrgenommen?
Ich glaube, dass wir Frauen in der DDR zu einem eigenen Bewusstsein und zu einer eigenen Souveränität gelangt waren. Am Rande einer Talkshow traf ich mal einen westdeutschen Autor und der fragte: »Sind Sie aus dem Osten?« Und ich sagte: »Ja, wieso?« Da antwortet er: »Die Westfrauen, die haben nicht so eine Souveränität.« Also der hat sie auch wahrgenommen, diese souveräne Frauenkraft.

Woher kam diese Souveränität?
Wir hatten ja bestimmte Sachen erreicht, die im Westen nicht gang und gäbe waren. Allein die Tatsache, dass du dein Kind bekommen konntest, ohne dafür deinen Arbeitsplatz zu riskieren, hat vielen Frauen Sicherheit gegeben. Wir genossen ja sozusagen Staatsschutz: Frauen-Förderung, Frauen-Kommission. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – war gesetzlich festgeschrieben, auch wenn das oft unterlaufen wurde. Wir mussten auch nicht unbedingt geschminkt sein und Idealmaße vorweisen.

Heute sagt man, DDR-Frauen seien nicht wirklich emanzipiert gewesen. Sie hätten vielmehr die Doppelbelastung von Haushalt und Arbeit schultern müssen.
Es wurde doch keine Frau gezwungen, arbeiten zu gehen. Wir waren vielmehr durch unseren Beruf sozial unabhängig von den Männern. Ein deutliches Indiz dafür, dass diese Unabhängigkeit nach der Wende verloren ging, ist der massive Rückgang der Scheidungsrate. In der DDR hat man den Mann verlassen können, der einem nicht im Haushalt half.

Wie verliefen die Kontakte zur westdeutschen Frauenbewegung?
Die Westfrauen waren der Meinung, sie müssten uns armen Ostfrauen erklären, wie es richtig laufen sollte. Die wollten uns dabei helfen, unsere Freiheit durchzusetzen. Nur leider waren die drüben viel weiter zurück als wir. Selbst die Abtreibung war im Westen ja noch halbwegs illegal. Wenn du in der DDR abtreiben lassen wolltest, dann musstest du keinem Rede und Antwort stehen. Mal abgesehen davon, dass es im Westen viel mehr Hausfrauen gab.

Der UFV löste sich im Jahre 1998 endgültig auf. Vieles von dem, was Sie im Jahre 1990 retten wollten, ist verloren gegangen. War die Gründung des Verbandes ein Misserfolg?
Nein. Geschichte verläuft nicht linear, sie pendelt manchmal hin und her. Was wir damals forderten, wird sich langsam durchsetzen.

Fragen: Fabian Lambeck

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