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Sorgenfrei im Schatten

Zum 100. Geburtstag der Malerin Gussy Hippold

  • Von Sebastian Hennig
  • Lesedauer: 4 Min.
»Akt mit Tuch«, 1931
»Akt mit Tuch«, 1931

Die Landschaft ist hier wie für einen Maler geschaffen. Man weiß manchmal nicht, ob sie zum Malen oder zum Faulenzen einlädt«, schreibt der Maler Carl Lohse am 13. August 1934 an seine Frau ins heimische Bischofswerda. Drei Wochen weilte er damals in Kötzschenbroda bei den Künstlerfreunden Gussy Ahnert und Erhard Hippold.

Gussy Hippold-Ahner wurde am 3. März 1910 in ein kultiviertes Elterhaus hineingeboren. Als junges Mädchen beginnt sie ihre Eindrücke wachen Auges und mit sicherer Hand im Bild festzuhalten. Während des Aufenthaltes in einem Pensionat in Lausanne fängt sie an, die Malerei ernsthafter zu betreiben. Diese ersten Urkunden ursprünglicher Gestaltungskraft nehmen später den Hochschullehrer Otto Dix für die junge Studentin ein. Nach eigenem Bekunden hatte Dix als Lehrer keinen großen Einfluss auf sie. Es war mehr dessen persönliche Präsenz und die Ausstrahlung seiner aufgeregten Bilder, die eigene Taten provozierte. Geradezu archaisch schlicht figurieren ihre Menschen vor sparsamer Draperie, öfter noch vor einfarbigen Hintergründen. Wo Dix Attribute des Berufsstandes hinzufügt und Maskeraden aufführt, entbehren ihre Figuren sogar der Kleidung. Der bloße Leib betont das Kreatürliche, doch verschafft sich in Zügen und Haltung eine majestätische Menschlichkeit Geltung. Die vorgefundenen Modelle sind mit Gespür für monumentale Wirkung ins Bild gesetzt, ohne darüber den Reiz des Gegenwärtigen zu verlieren. Nichts ist ihr fremder als die hochmütige Genugtuung des Verismus gegenüber den menschlichen Makeln und Irregularien.

1932/33 ist sie Meisterschülerin und erhält den Goldpreis der Akademie. Dann kommt die Zäsur. Sie schildert, wie der Professor Dix 1933 seine Erfolgssträhne in die nationale Erhebung hinein zu verlängern strebt. Bei der Auswahl von »harmlos wirkenden« Arbeiten sagt sie ihm: »Herr Professor, Sie glauben doch nicht, daß Sie hierbleiben können. Ich werde gehen und Sie erst recht.«

Die höfliche und zurückhaltende Art, ein Grundzug ihrer Kunst, wie ihres Wesens bewahrt während einer Razzia 1933 schließlich Erhard vor der Verhaftung. Als sie ihn geistesgegenwärtig als ihr Modell vorstellt, darf er gehen. Da niemand bei ihr mit einer Durchsuchung rechnete, deponierten Malerfreunde in ihrem Atelier kommunistische Flugblätter. Einer der nachsichtigen Polizisten machte sie beim Abzug der Kameraden diskret darauf aufmerksam.

1936 heiraten die beiden Künstler und arbeiten in der Miederwarenfabrik des Vaters als Angestellte. In dem hoffnungsfrohen Interim von 1945-49 treten sie wieder als freischaffende Künstler hervor. Sie ziehen in die Oberlößnitzer Villa »Sorgenfrei«. Gemeinsam haben sie Ausstellungen bei Kühl und im Radebeuler »Haus der Kunst«. Bilder ihres Mannes erfreuen sich der Protektion des alten Karl Hofer, der sie zur I. Deutschen Kunstausstellung neben die seinen hängen lässt. Aber diese Aufbruchstimmung ist bald vorüber. Die Hippolds leben über Jahrzehnte in einer Art inneren Emigration ihre Kunst ganz für sich, fern von öffentlichem Interesse und Erwerbsaussichten. Ihr Mann arbeitet in der traditionsreichen Dresdner Kunsthandlung Kühl, wo sie 1938 ihre erste Ausstellung hatte. Als sie dort Zeugen eines Ankaufes früher Bilder eines Kommilitonen werden, wagt sie einen Hinweis auf die eigenen Bilder, die noch auf dem Speicher stehen. Bei einem Besuch in Radebeul zeigt sich der Kunsthistoriker und Otto-Dix-Biograph Fritz Löffler überrascht von einem unbekannten Werk außerordentlicher Qualität. Erhard Hippold starb kurz darauf und konnte nur mehr die ersten Zeichen dieser Wendung erleben.

Ab 1972 gelangen die in der kurzen Zeitspanne zwischen 1930-33 entstandenen Werke in die Gemäldesammlungen der großen Häuser in Leipzig, Berlin, Halle, Dresden, Cottbus und Chemnitz, wo sie zwischen den Hauptwerken der Zeitgenossen der Epoche einen unangefochtenen Platz behaupten. Keine fünf Jahre verstreichen seither ohne eine bedeutende Ausstellung ihrer Werke. Die beiden letzten allerdings, 1992 begann die Künstlerinnengruppe »Dresdner Sezession 89« eine Ausstellungreihe älterer Künstlerinnen mit ihrem Werk in der Galerie Comenius, und 1997 in der Stadtgalerie Coswig liegen nun schon länger zurück. Am 7. Januar 2003 verstarb die Malerin in Dresden.

Bis vor Kurzem führte ein Rundgang durch das neuerbaute Museum für Bildende Künste in Leipzig die Besucher vor einen »Sitzenden Akt im Atelier« (1933). In der unmittelbaren Umgebung von Gemälden Giorgio de Chiricos, Karl Hofers und Oskar Kokoschkas hatte es hier über Jahre einen gebührenden Platz inne. Trotz oder vielleicht gerade wegen des unvollendeten Zustandes handelt es sich um eines der stärksten Bilder der Künstlerin. In der monochromen Tempera-Untermalung ist das Motiv entschieden angepackt, bleibt aber in seiner ganzen bildnerischen Potenz offen.

Am 12. März wird in der Stadtgalerie Radebeul in Alt-Kötzschenbroda die Ausstellung »Im Schatten gewachsen« zum 100. Geburtstag der Malerin Gussy Hippold-Ahnert eröffnet. Gemälde, Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen und Radierungen aus sechs Jahrzehnten werden gezeigt. Viele private Leihgeber unterstützen die Ausstellung. Einige Arbeiten, darunter auch zwei Ölgemälde von Erhard Hippold, stammen aus der Städtischen Kunstsammlung Radebeul.

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