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Gastspiel aus Rudolstadt: »Drunter und Drüber« im Maxim Gorki Theater Berlin

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Drunter und drüber, die Hausfrau nervt, der Popstar nervt, die Rockerin nervt auch. Es nervt die Putzfrau, es nervt der Versager, der Wessi nervt gewaltig. Und die Musik? Die nervt erst recht. Ein tolles Stück!
Drunter und drüber, die Hausfrau nervt, der Popstar nervt, die Rockerin nervt auch. Es nervt die Putzfrau, es nervt der Versager, der Wessi nervt gewaltig. Und die Musik? Die nervt erst recht. Ein tolles Stück!

Das Stück lief schon in Rudolstadt. Steffen Mensching ist dort seit anderthalb Jahren Theaterintendant. Was ist natürlicher, als sich selber mit einzubringen. Am Sonntag kam seine Revue (Co-Autor: Michael Kliefert) zum Festival Musik und Politik, vormals Festival des politischen Liedes. Vor dem Gorki-Theater Trauben von Menschen. Die wollten alle noch rein. Vergeblich. Andrang wie einst. Häufig Szenenapplaus für die kleine, äußerst agile Schar der Schauspieler. Mit Bäucheschütteln und Glanz in den Augen bedankte sich das Publikum für eine zündende, zeitkritische, zackig umgesetzte Revue. Sie erinnerte an Bestes, das im Bereich des Liedertheaters schon früher war. Vor 1989.

Die Liedbewegung, ambivalente Erscheinung, hat auch den Abgang der DDR von der Weltbühne künstlerisch begleitet. Teils elend weinerlich, teils radikal selbstkritisch. Letzteres in wenigen Fällen. Voran schritten Wenzel und Mensching, das legendäre Liedertheater-Paar. Erinnert sei an Wenzels Rede auf der Großdemo auf dem Alex am 4. November 89. »Letztes aus der Da Da eR«, »Allerletztes aus der Da Da eR«, so hießen vor dem Beitritt ihre zeitkritischen Programme. Danach kam nicht mehr viel. Nun in der Regie von Mensching »Drunter und Drüber«, eine Funken sprühende Anti-Depressionsrevue.

Heinrich Heines Verse, wo sich etwa Teetisch auf Ästhetisch reimt, stehen dichterisch Modell. Genauer, das schlichte Versmaß des »Wintermärchens«, dessen Strophen jeder aufmerksame Schüler mal runterzuleiern versucht hat. Das kann Spaß machen, aber auch fürchterlich nerven. Denn die Rhythmen sind immer dieselben. In »Drunter und Drüber« soll dies Geleiere wehtun, auf die Nerven gehen. Aus Kalkül, kalter Berechnung. Die Zeiten – was anderes – nerven. Das Gesocks der Politik nervt. Die Nachrichten nerven. Die Edelkultur nervt. Die Weltzustände, sie nerven ungeheuerlich.

Und auf der Bühne: Die Hausfrau, von irgendwelchen Seelenstümpereien gepackt, nervt mit ihrem Lampenladen, der überirdische Beglückungen prophezeit. Der Moderator und Popstar nervt mit seinem elenden Gequatsche und Gesinge. Die Rockerin nervt mit ihren Schreiereien und wilden Sprüngen. Die stöckelnde dickliche Putzfrau, die den Staubsauger wie einen störrischen Plastikhund über die Bühne zerrt, nervt. Der Lümmel, Karikatur eines Wendegewinnlers, nervt, weil er so fürchterlich angibt. Ein Versager. Das Nichtsdahinter des alten Wessis nervt, weil der so blöd dasitzt und doof redet. Alle: »Ich sank vor dem Bildschirm auf die Knie/ Und stöhnte, ihr Brüder und Schwestern,/ Rebellen wart ihr, das glaub ich euch gern,/ Doch was nutzt der Mut von gestern.«

Und die Musik erst. Die nervt nicht nur, die geht einem regelrecht auf den Keks. Scheiß Rumtata. Pop aus der Spießerbuchte, Klassikgedudel. Schunkelt mal alle! Ja – nun nervt bereits die Aufzählung, die hier geliefert wird.

Es geht wahrlich drunter und drüber. Deutsche Zustände, nicht zu denken ohne die ostdeutschen, stehen zur Rede. »Hallo, ich bin drauf!« Auf dem Sender »Drunter und Drüber« für fünf neue Länder und angrenzende Staaten. Aktionsort ist ein Radio-Studio. Hier soll die Welt hören, was keine einzige Zeitung druckt. Besetzt ist das PolitSpaßSchießStück mit vier Kandidaten, zwei Männer, zwei Frauen. Dazu, wie angedeutet, ein Moderator, eine Putzfrau, ein Dirigent, der die Theaterkapelle mit Streichern, Blech usw. leitet. Alle haben ihre rhythmischen Vierzeiler auf den Lippen, schleudern sie wie Giftpfeile raus. Und jeder Einzelne gewinnt in diesem Versmaß geradezu höhnisch auch leise, liebliche, andächtige, einschmeichelnde, süßliche Töne ab.

Mensching und Co. nehmen groteske Zustände hier und jetzt, aber zu Zeiten der Wende und danach aufs Korn. Ironisieren, beschimpfen, verächtlichen, was es nur gibt in diesem so öden wie gefährlichen, langweiligen wie liederlichen Land. Der Alltag der Leute ist wichtig. Die Schauspieler schlüpfen vielfach in Rollen, karikieren dümmliches, spießiges, absurdes Verhalten. Nehmen sich selbst wie ihre Radiohörer auf die Schippe. Ganz liebe »Drunter und Drüber«-Grüße sendet der Moderator, von allen der talentierteste Pop- und Schnulzensänger, nach Sindelfingen. »Ich zeige euch jetzt eine Übung für den Weg in die Welt nach Innen«, sagt, geblendet von den Lampenläden, die Licht im Trüben anbieten, die Kandidatin I.

Absolute Nummer das Sprechstück nach dem Lied »Fluche Seele fluche«. Die sechs Kandidaten, Sprecher/Sänger rattern verzweifelt die Ohnmacht, »dass es so nicht mehr weitergehen kann und endlich anders werden muss«, in ständigen Wechseln und Wiederholungen ab. Das klang wie Ernst Jandl in seinen besten Tagen.

Ein höchst vergnüglicher Abend.

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