Geborgter Ort

Jenny Erpenbeck: »Dinge, die verschwinden«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Längst schreibt man die Zahl 2010 ganz selbstverständlich hin. So wie 1999 einst selbstverständlich war und jetzt schon kaum mehr zu unterscheiden ist von den Jahren, die vorher und nachher kamen. Wie auf einem Laufband bist du, glaubst längst nicht mehr, dass es dich in eine unendlich lichte Zukunft führt. Sicher, alles was war, könnte – theoretisch – in deiner Erinnerung aufbewahrt sein. Doch was wird aus deiner Erinnerung, wenn ...?

»Dinge, die verschwinden«: Ich stelle mir vor, Wladimir Majakowski hätte 1920 ein Poem dieses Titels geschrieben. Es hätte optimistisch-kämpferisch geklungen, obwohl er sich zehn Jahre später das Leben nahm. Dagegen weiß man, schon bevor man Jenny Erpenbecks Band aufschlägt, dass ernste Gedanken zu erwarten sind, mit leichter Hand angedeutet, virtuos durcheinandergewirbelt – was diese Autorin kann. Es ist kein schweres, kein schwermütiges Buch, aber auch nicht oberflächlich. Jedes Wort kommt aus der Tiefe.

In 31 kurzen Texen umkreist Jenny Erpenbeck, was so alles verschwinden kann: sei es der Palast der Republik (und ihr Kinderstaunen über die Lampen dort) oder eine Socke. (Vielleicht taucht sie ja wieder auf? Aber wenn ja, woher?) Ein Mann kann plötzlich weg sein, aber wie erklärst du dir das mit einem Stück Käse? »Wat weg is, is weg«, sagt ein Abrissspezialist. Ein Einfamilienhaus zu sprengen ist zu aufwendig, man nimmt einen Kettenbagger mit Zange oder Greifer. Ein Lkw muss 17 Mal fahren, und es bleibt keine Spur. Kein Kommentar von Jenny Erpenbeck, aber es fällt einem ins Herz. Vergeudung. Wenn die Dinge nichts mehr wert sind, ist auch der Mensch nichts mehr wert. Wenn alles nur noch Krempel ist, sind wir's am Ende selber. Früher wurde der Sperrmüll vor die Häuser gestellt; die Leute holten sich, was sie brauchten. Jetzt bringt man die Sachen zur Berliner Stadtreinigung und wirft sie – Holz zu Holz, Metall zu Metall – in Container. Und keine Chance, sich etwas wieder rauszuholen, auch wenn es ein Biedermeiersekretär wäre. »Nicht einmal abkaufen dürfte ich Ihnen den Schrank?«, fragt die Autorin einen Arbeiter dort. »Nee. Höchstens uff der menschlichen Ebene, also ick meine, menschlichet Versagen, det jibt es ja manchmal. Aber erlaubt isset nich.« – Nur wenn man Altes wegwirft, kann man Neues kaufen. »So lange ist hier schon Frieden, daß billig ist, was es gibt, die Leere aber bald unbezahlbar sein wird«, heißt es angesichts eines Flohmarkts .

Auch wenn Jenny Erpenbeck über Splitterbrötchen oder Tropfenfänger schreibt, geht es um das ganze Leben – das sie, wie jeder andere nehmen muss, wie es ist. Diesbezüglich noch »Vorwärts!« zu rufen, wäre Anpassung. Widerstandsleistung, die so oder so immer von einem Künstler zu erwarten ist, heißt heute: innezuhalten, während die anderen rennen, gedankenverloren zurückzublicken. Zum Beispiel auf die zwei Häuser, die noch vom Warschauer Ghetto stehengeblieben sind. Auch auf das Kind, das da am Fluhafen steht und die Mutter verabschiedet, als wäre's für immer. An Tote denken. Über Höflichkeit sinnieren. Das Ungeheuerliche nicht für normal nehmen.

Da fällt mir ein, was ich kürzlich über eine Schule hörte, die man zur Hälfte zugemauert hat. Das Gebäude wurde nur noch teilweise gebraucht, aber die Schüler sollten nicht durch leere Gänge und Räume laufen. Wie gespenstisch das Vernünftige sein kann! So wird jedem beim Lesen etwas einfallen, was Dinge, aber auch ihn selbst betrifft. Denn mit wie vielen feinen Fäden wir mit unserer Umgebung verbunden sind, wir erspüren es erst, wenn wir einen Platz verlassen, der dann ohne unsere Siebensachen tatsächlich verlassen ist. Zerklüftet, verwüstet – und wir entwurzelt für eine Zeit, in der Tiefe enttäuscht, auch wenn wir es wussten: Heimat ist immer bloß ein geborgter Ort.

Jenny Erpenbeck: Dinge, die verschwinden. Galiani Berlin. 98 S., geb., 14,95 €.

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