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426 Millionen Slumdogs

Unbequeme Wahrheiten – Hunger und Armut in Indien

Hunger und Armut in Indien« – ein auf den ersten Blick erstaunlicher Titel, denkt man doch bei Indien, wenn schon nicht an den »Tiger von Eschnapur«, so doch an das Taj Mahal, den »Palast der Winde«, einen realitätsfernen Film wie »Slumdog Millionaire« oder an Software-Firmen in Bangalore. Abgesehen vom exotischen Reiz hat Indien auch auf ökonomischem Gebiet nichts von seiner Faszination verloren. Auf wessen Kosten aber?

Die Autorin ist Professorin für Ökonomie an der Jawaharlal-Nehru-Universität in New Delhi. Sie hat zahlreiche Artikel und Bücher auf marxistischer Grundlage zur Entwicklung der indischen Landwirtschaft geschrieben (z. B. »The Agrarian Question and the Development of Capitalism in India«, New Delhi 1987). Man muss erwähnen, dass mit dem Paradigmenwechsel zum Neoliberalismus in Indien die Agrarfrage und die Bauernbewegung in der Forschung in nur geringem Maße wahrgenommen werden, der Schwerpunkt der ökonomischen Forschung liegt heute viel mehr auf den Finanz- und Dienstleistungssektoren.

Die hier vorzustellende Publikation ist als Sammelband konzipiert. In neun Artikeln bzw. Abhandlungen (neben einer Einführung von Ujjaini Halim, Südasien-Institut, Universität Heidelberg) werden folgende Themenkomplexe in induktiver Form behandelt:

Die Entwicklung von Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit in der ländlichen Bevölkerung – knapp 70 Prozent aller Inder leben auf dem Land, unter der globalen Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar leben laut Weltbank 456 Millionen Inder (= 42 Prozent der Bevölkerung Indiens). Des Weiteren die Entwicklung des Kapitalismus in der indischen Landwirtschaft – innere und äußere Faktoren. Und schließlich bietet die Autorin Lösungsvorschläge.

Die Regierung und ihre Sprecher leugnen die Zunahme von Hunger und Armut in Indien. Es heißt, der Verbrauch von Getreide gehe zurück, »weil alle Verbraucher freiwillig bei steigendem Einkommen ihren Verzehr von Getreide zugunsten höherwertigerer Lebensmittel einschränken wollen«. Diese Einschränkung ist aber der gewichtete Mittelwert zweier entgegengesetzter Tendenzen: »eine Zunahme für die Minderheit und ein großer Absturz für die Mehrheit«. Utsa Patnaik erläutert: »Dieser jähe und beispiellose Rückgang des Verbrauchs von Nahrungsgetreide ließ die Zahl hungernder Menschen besonders in ländlichen Gebieten stark ansteigen, und für viele bedeutete dies den Hungertod«. Das absolute Realeinkommen der Mehrheit der Bevölkerung wurde verringert, insbesondere durch die stark zunehmende ländliche Arbeitslosigkeit, und die Politik ökonomischer Reformen, einschließlich der Handelsliberalisierung, hat einen Nachfragerückgang ausgelöst.

Der Nachfragerückgang wird einerseits von der Regierung mit der Aufstockung staatlicher Lebensmittelvorräte beantwortet; gleichzeitig wird institutionell verhindert, dass eine große Anzahl wirklich Armer billige Nahrung aus dem öffentlichen Verteilungssystem erhält. Dieser Mechanismus wird andererseits ergänzt durch die offizielle Förderung einer exportorientierten unternehmerischen Landwirtschaft. Zwischen 1991 und 2001 wurden acht Millionen Hektar Land von der Produktion von Nahrungsgetreide auf exportfähige Kulturen umgestellt, und der Export von Getreide erreichte Höchstwerte. Mit anderen Worten, es wird systematisch die zahlungsfähige Nachfrage der großen Masse verringert.

Von 2001 bis 2006 soll es rund 40 000 Selbstmorde von Bauern gegeben haben: »Selbstmorde sind ein Ergebnis von Schulden, und Schulden sind ein Ergebnis von steigenden Produktionskosten und fallenden Preisen, die mit der Handelsliberalisierung in Verbindung stehen.« (Bundeszentrale für politische Bildung, 24.1.2007).

Utsa Patnaik untersucht die Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft Indiens gewissermaßen zweigeteilt – zunächst »von den inneren Klassenverhältnissen ausgehend«. Theoretische Grundlagen sind insbesondere Lenins Faktoranalyse in der »Entwicklung des Kapitalismus in Russland« (Lenin, Werke, Bd. 3, Berlin 1978) und Darlegungen von Karl Marx zur Grundrente im Kapital, speziell zu Kleinproduzenten. Als Bewegungsform der kapitalistischen Widersprüche sieht Utsa Patnaik die Theorie der Widersprüche von Mao Tse-Tung (»Über den Widerspruch«, AS, Bd.1, Berlin 1956, S. 379) an.

Sie erwähnt die hochgradige Konzentration von Land und anderen Vermögenswerten, zieht einen Vergleich zur ursprünglichen Akkumulation des Kapitals in Westeuropa im 18. und 19. Jahrhundert und illustriert den Übergang von feudalen zu kapitalistischen Produktionsverhältnissen in Indien: »Die Arbeiter erhalten ihren Lohn nicht mehr in Form von Naturalien wie Getreide oder Mahlzeiten, die früher unterbewertet oder zu Preisen ab Hof geschätzt wurden. Sie müssen jetzt ihre Lebensmittel mit ihrem Geldlohn zum Ladenpreis kaufen; Gemeineigentum als Bezugsquelle kostenloser Güter ist verschwunden, Brennmaterial und Futter müssen gekauft werden.«

Zum anderen wird nach Utsa Patnaik diese Entwicklung von äußeren Faktoren, dem Imperialismus, bestimmt. Die imperialistische Globalisierung lässt sich als angestrebte Rekolonialisierung der Entwicklungsländer durch die Industriestaaten definieren. Auf Indien umgesetzt heißt dies: imperialistische Beherrschung der indischen Bauernschaft, um die Exportproduktion zu stimulieren. Die zentrale Steuerung dieser Prozesse erfolgt durch globale Finanzinstitutionen: IWF, Weltbank und WTO (Zollpolitik). Träger dieser Entwicklung sind die ausländischen transnationalen Konzerne.

Konkret gefördert und umgesetzt werden die Vorgaben des IWF durch die indische Regierung seit 1991 als »makroökonomische Deflationsstrategie« oder auch als »Reformpolitik«. Diese bedeutet: Verringerung von Entwicklungsausgaben und staatlichen Investitionen seitens der Zentralregierung und Staatenregierungen; hohe Realzinssätze (Politik des knappen Geldes); Senkung des Haushaltsdefizits im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) sowie Deckelung der Löhne im organisierten Sektor und Abwertung der Rupie. Direkte unmittelbare Folgen sind u. a. Deindustrialisierung und der Kollaps der ländlichen Beschäftigung.

Zur Lösung der Agrarkrise in Indien schlägt Utsa Patnaik die Abkehr von der neoliberalen Wirtschaftspolitik und den Übergang zu einer »expansiven Politik der autonomen nationalen Entwicklung« vor, die zwischen 1950 und 1990 auf einen wachsenden Binnenmarkt ausgerichtet war. Mit dem Aufruf zur kämpferischen »Einheit aller bäuerlichen Klassen und Arbeiter gegen den Angriff des Imperialismus und seiner einheimischen Kollaborateure« verweist sie darauf, dass diese Politik nicht im Selbstlauf verwirklicht werden kann und ökonomisch auf eine neue Grundlage gestellt werden muss: »Die wirksamste Methode, diesem Angriff auf der lokalen Ebene entgegenzuwirken, ist es für Kleinproduzenten – ob sie mit dem Markt, Viehzucht oder anderen Tätigkeiten beschäftigt sind –, sich direkt zum Zweck der Produktion und Vermarktung zu Vereinigungen zusammenzuschließen.«

Ein interessantes und wichtiges Buch, das Klischees entgegenwirkt.

Utsa Patnaik: Unbequeme Wahrheiten. Hunger und Armut in Indien. Draupadi Verlag, Heidelberg 2009. 240 S., geb., 19,80 €.

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