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Der ungehörte Hilferuf des Präsidenten

Mohammed Nasheed auf Vortragreise in Deutschland: Unermüdlich im Kampf für den Klimaschutz

Von Hanno Böck und Susanne Götze

Während Öllobbyisten und westliche Regierungen den weltweiten Klimaschutz ausbremsen, überlegt der Präsident der Malediven schon mal, wie er sein Volk umsiedelt.

Für Mohammed Nasheed geht es um alles oder nichts. Er muss sein Land retten. Der 2008 gewählte Präsident der Malediven kämpft mit unkonventionellen Methoden und pausenlosem Engagement gegen die globale Erderwärmung.

Nicht nur sein Einsatz für den Klimaschutz ist außergewöhnlich, sondern auch seine Biographie: Mit 22 Jahren war Nasheed zum ersten Mal im Knast – insgesamt wurde der regimekritische Journalist dreizehn Mal inhaftiert. Als einer der ersten bezeichnete er den damaligen Präsidenten Maumoon Abdul Gayoom öffentlich als Diktator. Als erster demokratisch gewählter Präsident seines Landes ist Nasheed kämpferisch wie eh und je. Das ist auch nötig: Der Inselstaat ist eines der ersten Opfer des globalen Klimawandels. Wenn der Meeresspiegel steigt, werden immer mehr Regionen des pazifischen Paradieses unbewohnbar und gehen schließlich unter.

Weil das Meer nicht auf Erfolge von UN-Klimakonferenzen wartet, hat der maledivische Präsident bereits Pläne für eine Umsiedlung von über 350 000 Menschen gemacht. »Ich will nicht, dass meine Kinder in Camps leben müssen und Klimaflüchtlinge werden«, erklärte Nasheed am Donnerstag bei einem Vortrag an der Freien Universität Berlin. Seine Regierung sei dabei, Landstriche in Indien und anderen Ländern zu kaufen. Bereits jetzt müssten 14 Inseln evakuiert werden, die Bewohner würden auf andere Eilande umgesiedelt. »Eine Frau hat mich geschlagen, als ich ihr erklärte, dass sie ihr Haus verlassen muss – das kann ich gut verstehen«, erzählt er ernst. Nasheeds Mission ist es deshalb, die großen Klimasünder vom Klimaschutz zu überzeugen. Deshalb war er jetzt nicht nur an der FU, sondern auch im Bundeskanzleramt.

Das Touristenparadies besteht aus rund 1200 Inseln. Die höchste Erhebung liegt gerade mal 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Nach den pessimistischeren Szenarien des Weltklimarates IPCC würde alles im Meer versinken. Für seine SOS-Rufe ist der maledivische Präsident bekannt: Im vergangenen Jahr verlegte er eine Kabinettssitzung auf den Grund einer Lagune – in Tauchanzügen und mit Handzeichen unterzeichnete das Kabinett ambitionierte Pläne für die Klimaschutzstrategie des Landes. Innerhalb von zehn Jahren will der Inselstaat mit Hilfe von Wind und Sonne CO2-neutral wirtschaften.

Wenig Verständnis hat Nasheed für notorische Klimaschutzbremser. Er sieht mit Besorgnis, dass längst tot geglaubte Skeptiker des Klimawandels wieder in die Offensive gehen. Im Vorfeld der UN-Konferenz in Kopenhagen hatten Unbekannte interne Mails von Klimaforschern veröffentlicht. Daraufhin warnten Skeptiker vor einer »Verschwörung der Klimawissenschaftler«. Nasheed hat alle E-Mails gelesen. »Das ändert nichts am wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel«, meint er erbost. Es gelte weniger, die Wissenschaft zu hinterfragen, als die Motive der Klimaskeptiker aufzudecken.

Wenig optimistisch stimmt den Präsidenten derzeit auch die internationale Klimapolitik. Er sei mit hohen Erwartungen nach Kopenhagen gefahren und bitter enttäuscht worden, sagt er. Vom kommenden Gipfel im Dezember in Mexiko erwartet er auch nicht viel. »Die Klimakonferenzen leiden darunter, dass alle versuchen, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen – doch mit der Natur kann man keine Kompromisse schließen.«

Trotz aller Ernüchterung zeigte sich Nasheed auch in Kopenhagen sehr engagiert. Für Wirbel sorgten er und seine Kollegen von der Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), als sie einen Antrag einbrachten, wonach die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen sei. Am Ende der Klimakonferenz hatten übrigens mehr als 100 Staaten, vor allem Entwicklungsländer, dafür gestimmt. Die Industriestaaten wollen sich lediglich an einem Zwei-Grad-Ziel orientieren. Doch dann, so meinen Wissenschaftler, würde Nasheeds Heimat untergehen. Der AOSIS-Antrag würde einen viel umfangreicheren Klimaschutz seitens der Industrieländer erforderlich machen – ein Grund, weshalb im unverbindlichen Abschlussdokument wieder nur von zwei Grad die Rede war. Dennoch versuchte der maledivische Präsident in der letzten Kopenhagener Verhandlungsnacht geradezu verzweifelt, die Kritiker für ein »Ja« zum »Copenhagen Accord« zu gewinnen, während einige Inselstaaten wie Tuvalu noch auf der Forderung nach 1,5 Grad beharrten: »Wir finden den Entwurf mehr als unzureichend, aber wir brauchen dieses Dokument, um weiterzuarbeiten – bitte nehmt es an!«

Das scheint Nasheed heute zu bereuen. Wird er zu Kopenhagen befragt, wirkt er unzufrieden. Er wolle lieber nicht mehr darüber sprechen und man könne sich ja denken, was er von all dem halte, sagte er.

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