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Die Freundschaft, das Beste

Erich Hackl über zwei Arten des Übersetzens

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Die Freundschaft, das Beste

Das Temperament des Übersetzers kennt zwei Extreme und alle Schattierungen. Das eine Extrem ist durch folgende Situation bestimmt: Der literarische Übersetzer (eigentlich müsste ich die Übersetzerin sagen, denn Frauen stellen in diesem Beruf die Mehrheit) bekommt von einem Verlag ein Manuskript angeboten, nimmt den Auftrag an und führt ihn ohne Absprache mit dem Verfasser zu Ende. Probleme, die bei der Lektüre und während der Arbeit entstehen, löst er mit allerhand Hilfsmitteln, zu denen neben Lexika auch Nachschlagewerke und Internetsuchmaschinen gehören, die Auskunft geben über das gesellschaftliche und topografische Umfeld der jeweiligen Vorlage. Den Autor, die Autorin befragt er nur dann, wenn sich der Sinn eines Satzes oder einer Sequenz für ihn nicht erschließt.

Aber die Schwierigkeiten treten in der Regel nicht beim Verstehen des Originaltextes auf, sondern beim Bemühen, diesen in die Zielsprache zu übertragen, und dabei ist der Autor fast nie behilflich. Was kann er einem schon sagen, wenn es darum geht, für ein tropisches Gewächs, das bei uns nur in botanischen Handbüchern, in lateinischer Bezeichnung, auffindbar ist, einen Namen zu finden, der dessen Pracht oder Kargheit zumindest ahnen lässt. Oder wenn der Übersetzer den Doppelsinn eines Wortes, den Rhythmus, den Reim bewahren oder nachbilden will.

Außerdem arbeitet der Übersetzer unter Zeitdruck, er bestreitet seinen Unterhalt nämlich mit dieser Tätigkeit, was heißt, dass er bei 20 Euro pro Normseite (1800 Zeichen) zügig vorankommen muß. Angenommen, er schafft drei bis fünf Seiten am Tag – im Durchschnitt, manchmal sind es mehr, andererseits plagt er sich wochenlang mit einem kurzen Abschnitt –, dann hat er den Auftrag in drei oder vier Monaten erfüllt, und im Jahr darauf hält der Autor ein Belegexemplar der Übersetzung in Händen, freut sich, blättert im Buch, fragt sich, ob das, was er längst geschrieben hat, sich auch in der fremden Sprache mitteilt, in allen Nuancen, um die er gerungen hat. Manchmal, nicht immer, erreichen ihn Besprechungen in der fremden Sprache, die ihm jemand übersetzt, dann fühlt er sich in seinen Absichten erkannt oder missverstanden und denkt, dieser Mann oder diese Frau, dessen oder deren Namen auf dem Titelblatt steht, unter dem seinen, unter dem Titel, hat gute oder schlechte Arbeit geleistet. Mehr nicht.

Das andere Extrem verkörpert der Übersetzer aus Entdeckerfreude und innerem Zwang. Einer, der sich in der Fremde umhört und umsieht, dabei auf Gedichte, Romane, Erzählungen stößt, die ihn so sehr berühren, dass er alles daransetzt, sie auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Er handelt also aus Dankbarkeit dem Autor, der Autorin gegenüber – und weil er überzeugt ist, dass das, was sie geschrieben haben, universale Gültigkeit beansprucht. Es kann helfen, neue Erfahrungen zu machen oder die alten, vertrauten in einem neuen Licht zu sehen.

Er übersetzt ein paar Seiten oder Kapitel, dann sucht er einen Verlag, der bereit ist, das Buch auf deutsch herauszubringen. Das ist Glückssache, denn es gibt kaum noch Verlagshäuser, die Empfehlungen von Einzelgängern folgen; üblicherweise nehmen sie, was anderswo sich schon durchgesetzt hat, von lateinamerikanischen Autoren zum Beispiel Romane, die in Spanien erschienen sind, von solchen aus den Maghrebstaaten in Frankreich, von indischen oder pakistanischen in Großbritannien.

Aber sagen wir, dem Mann gelingt sein Vorhaben: Nach langer Suche, mühsamer Überzeugungsarbeit erwirbt ein Verlag die Rechte für eine deutsche Ausgabe und beauftragt ihn, den Kundschafter ohne Auftrag, sogar mit der Übersetzung. Kann sein, er ist dann der erste, der dem Autor die Frohbotschaft übermittelt, denn er hat gleich nach der Lektüre, die ihn so sehr bewegt hat, mit ihm Kontakt aufgenommen und ihm seine Begeisterung mitgeteilt. Der andere hat sich riesig gefreut, und aus der beiderseitigen Freude ist sowas wie Freundschaft entstanden, Vertrautheit jedenfalls, der künftige Übersetzer hat den Autor ausgequetscht, zum Beispiel wollte er unbedingt wissen, was dieser schreibend erfunden, was aus dem Leben gegriffen hat. Und jetzt ruft er an oder verschickt eine Mail oder verabredet sich mit dem Autor in einem Café, weil er sich ohnehin dort aufhält, wo jener zu Hause ist.

Auch das ist bezeichnend für die zweite Spezies von Übersetzern: dass sie der Heimat ihrer Autoren besonders eng verbunden sind. Sie lieben Land und Leute, was nicht ausschließt, dass sie die herrschenden Verhältnisse dort hassen, jedenfalls sind sie nicht indifferent.

Dann macht der Übersetzer sich also an die Arbeit: mit Elan, aber ohne Zeitdruck. Er weiß von vornherein, bei seinem Tempo kann er vom Übersetzen nicht leben, er finanziert es durch andere Tätigkeiten. Er orientiert sich auch nicht so sehr an den Sätzen, die der Autor geschrieben hat, sondern daran, wie dieser hat schreiben wollen. Wie er hätte schreiben müssen. Denn der Übersetzer ist der genaueste Leser.

Da er gezwungen ist, jedes Wort zu prüfen, fallen ihm Mängel auf, Unstimmigkeiten, Wiederholungen. Erst jetzt stolpert er über sie – beim erstenmal Lesen hatte er, geblendet von seiner Entdeckerfreude, über sie hinweggelesen, ihnen jedenfalls keine größere Bedeutung beigemessen. Nun muss er sich ihnen stellen, und das bedeutet, dass er vom Originaltext hin und wieder abweicht, stillschweigend, wenn es sich um Kleinigkeiten handelt, oder in Absprache mit dem Autor, der Argumenten in der Regel durchaus zugänglich ist. Nur helfen kann er einem selten, ihm fehlt ja die Distanz zum eigenen Text, vielleicht auch das Vermögen, für die Darstellung bestimmter Ereignisse oder Regungen eine zufriedenstellende Lösung zu finden; die Schwerstarbeit des Verbesserns, Umstellens, Straffens bleibt deshalb am Übersetzer hängen.

Unvermeidbar, dass sich in ihm allmählich Groll breitmacht, auf den Autor, den er in Momenten größter Verzweiflung – weil er nur noch Schwachstellen wahrzunehmen glaubt – sogar zum Teufel wünscht. Und sich dazu, weil er sich selbst in das Abenteuer hineingeritten hat. Andererseits schreckt er davor zurück, sich über den Autor zu erheben; er weiß, dass der schlechteste Schriftsteller dem besten Übersetzer eines voraus hat: Er hat erschaffen, was vorher nicht da war. Der Übersetzer dagegen kann immer von einer Grundlage ausgehen, er ist nicht gezwungen, sich eine Geschichte auszudenken, aus Erfahrung und Empfindung poetische Funken zu schlagen. Er kennt nicht den Schrecken des leeren Blattes, des aufgeräumten Bildschirms. Von nun an, schwört er sich, wird er nicht mehr so schnell für einen Text entflammen – und weiß im selben Moment, dass er den Schwur leichten Herzens brechen wird.

Als Übersetzer erkenne ich mich in diesem Kollegen wieder – in seiner Lust, in seiner Wut, in seiner Demut. Als Autor kann ich nicht sagen, ob und wie sehr die Übersetzer unter meinen Erzählungen gelitten haben. Vermutlich sind sie allzu höflich, oder diskret. Ich vermag auch kaum zu beurteilen, ob ihre Arbeit geglückt ist.

Es gibt welche, die ich nie kennengelernt habe, die sich nie mit einer Frage an mich gewandt haben. Einige, die sich erst meldeten, nachdem sie die Übersetzung abgegeben hatten, andere, die ich schon kannte, ehe sie sich ans Übersetzen machten. Einen, der einen Fragenkatalog geschickt hat, so umfangreich, dass er mit einem Wörterbuch besser bedient gewesen wäre als mit meinen gewissenhaften Antworten. Einen zweiten, der Wert darauf legte, öffentlich kundzutun, dass er sich mit dem Gehalt der von ihm übersetzten Geschichte keinesfalls identifiziere. Einen weiteren, der in seinem Land als Oppositioneller verfolgt wurde und mit dem, weil ich mich zu ihm bekannt habe, auch mein Buch weggesperrt wurde, das er übersetzt hatte.

Immerhin – mit vier oder fünf von ihnen bin ich befreundet, so wie mich Freundschaft auch mit denen verbindet, deren Gedichte und Prosastücke ich ins Deutsche gebracht habe. »Die Freundschaft, das Beste an der Poesie«, heißt es in einem Vers des argentinischen Schriftstellers Francisco Urondo. Freundschaft, das Beste auch am Übersetzen.

Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl, von dem zahlreiche Werke unter andrem im Diogenes Verlag Zürich erschienen, hat sich zugleich als Übersetzer lateinamerikanischer Autoren – u.a. Memo Ánjel, Rodrigo Rey Rosa, Idea Vilariño – einen Namen gemacht.

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