Werbung

Fluch und Segen des Naturschutzes

Als am Lödderitzer Forst in Sachsen-Anhalt vor wenigen Monaten ein Elbdeich zurückverlegt wurde, jubelten Natur- und Hochwasserschützer. Die Bauern in der Region sehen das Projekt dagegen skeptisch. Sie fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz

  • Von Harald Lachmann, Aken
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Dort, wo die Bauern heute noch Landwirtschaft betreiben, wird sich in einigen Jahren die Elbe breit machen.
Dort, wo die Bauern heute noch Landwirtschaft betreiben, wird sich in einigen Jahren die Elbe breit machen.

Frank Stolze übt sich in Sarkasmus: »Unsere leise Hoffnung ist es, dass denen irgendwann das Geld ausgeht«, meint er finster. Sein Partner Bernd Knopf, mit dem er in den Elbauendörfern Lödderitz und Breitenhagen einen kleinen Feldbaubetrieb führt, wird deutlicher: »Die Region will dieses Projekt nicht.«

Den alten Deich wird es dann nicht mehr geben.
Den alten Deich wird es dann nicht mehr geben.

Der Landwirt fürchtet nicht nur, dass der neue Elbdeich, der nach Ende der Verlegungsarbeiten im Jahre 2018 gleich hinter Lödderitz verlaufen soll, ihr Tun auf den Feldern beeinträchtigt. Er rechnet noch mit Schlimmerem: »Wenn alles fertig ist, haben wir dann das Drängwasser im Dorf.« Dank des Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Deiches sei Hochwasser in ihrer Region nie ein Problem gewesen. »Wenn dann aber die Elbe fast an die Haustür reicht ...«, unkt er.

Refugium für bedrohte Tierarten

Bauern wie Klaus Nicke fühlen sich von den Landschaftsplanern im Stich gelassen.
Bauern wie Klaus Nicke fühlen sich von den Landschaftsplanern im Stich gelassen.

Härter noch trifft die Deichverlegung Landwirt Klaus Nicke aus dem Dörfchen Obselau. Ihm gehen damit um die 35 Hektar Ackerfläche verloren. Das kann bittere Folgen nach sich ziehen: Er hat weniger Einnahmen, kann Kredite nicht mehr ausreichend bedienen, will nicht einmal das Ende seines Betriebes ausschließen. Denn da der neue Damm nur zwanzig Meter neben seinem Wirtschaftstrakt entstehen soll, rechnet auch er mit massiven Belastungen der Hofstelle durch Grundwasser. Getreidelager und Maschinenhalle könne er praktisch abschreiben, argwöhnt der Agraringenieur. Der Wertverlust des Anwesens wäre enorm.

Dabei erzeugte es weit über Sachsen-Anhalt hinaus große Schlagzeilen, als im Oktober letzten Jahres die Arbeiten zum Projekt »Deichrückverlegung Lödderitzer Forst« begannen. Der Magdeburger Agrar- und Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) war zugegen und auch die Präsidentin des Bundesnaturschutzamtes (BfN), Beate Jessel. Denn was da mit einem Wertvolumen von 23,4 Millionen Euro startete, findet nicht seinesgleichen in Europa. Auf insgesamt 600 Hektar – eine Fläche von fast 1800 Fußballfeldern – soll der Hochwasserschutzdamm ins Hinterland wandern. Damit bekommt die Elbe zwischen Dessau-Roßlau und Barby auf 33,5 Kilometer mehr Raum zum Überfluten.

Was gar nicht so spektakulär klingt, ist dennoch so bedeutsam, dass gar der renommierte World Wide Fund For Nature (WWF) mit seiner deutschen Stiftung einstieg und ein Zehntel der Kosten stemmt. Sonst widmet sich die weltgrößte private Naturschutzorganisation – bekannt durch den Panda im Logo – eher Seelachsen in Alaska und Orang-Utans auf Borneo. Überdies ist an der Mittleren Elbe auch noch eine eher seltene Harmonie zwischen Naturschutz und Hochwasserschutz zu erleben. Denn Bauherr des Mammutvorhabens ist der sachsen-anhaltische Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft. Die Rückdeichung ist gar Teil der Hochwasserschutzkonzeption des Landes. Die Regierung in Magdeburg steuert denn mit gut 3,5 Millionen Euro auch 15 Prozent der Gesamtkosten bei.

Dennoch geht es erkennbar zuerst um Naturschutz. Befindet sich doch im insgesamt 9000 Hektar großen Projektgebiet zwischen Aken, Lödderitz und Breitenhagen auch der größte zusammenhängende Hartholzauenwald Europas. Überdies bildet die Elbe eben hier den letzten nicht gravierend ausgebauten schiffbaren Flussabschnitt mit einer naturnahen Stromtalaue in Deutschland.

Ein geringes Gefälle von nur 17 Zentimetern pro Kilometer begünstigt zudem die Bildung von Flussschlingen, Altwässern und Rinnen. Durch den Wechsel von Hochwasser und Trockenheit spezialisierten sich in diesem Refugium oft stark bedrohte Spezies. Über tausend Pflanzenarten (über)leben hier, ebenso 40 Säugetierarten wie der Elbebiber, 13 Fledermausarten, gut 500 Schmetterlings- sowie 50 Libellenarten.

Die Ornithologen wollen in der reich strukturierten Aue aus Stromtalwiesen, Wasser- und Sumpfvegetation sowie Trocken- und Magerrasen 135 regelmäßige Brutvogel- und über 130 Gastvogelarten entdeckt haben. So ist der Steckby-Lödderitzer Forst bereits seit 1929 partiell geschützt, anfangs vor allem wegen der Elbebiber. 1961 entstand an der Mittleren Elbe ein Naturschutzgebiet, 1979 das erste deutsche Biosphärenreservat der UNESCO.

Modellfall für Hochwasserschutz

»Dennoch gingen in den letzten 150 Jahren fast 80 Prozent der natürlichen Überflutungsflächen verloren«, weiß die Dessauer WWF-Managerin Astrid Eichhorn. Die Auen wichen Gewerbegebieten, Industrieanlagen und Äckern. Das habe nicht nur Tier- und Pflanzenwelt gefährdet, sondern durch Flussbegradigungen und höhere Deiche auch das Hochwasserrisiko erhöht, berichtet die Experten, die den Deichrückbau fachlich betreut. Sie sieht dieses Vorhaben nun gar als deutschen Modellfall für ökologischen Hochwasserschutz. Denn größere natürliche Überflutungsflächen im Projektgebiet nähmen natürlich mehr Wassermassen auf und verringerten damit flussabwärts die Flutgefahr. Das Erhöhen von Deichen verlagere dagegen das Problem nur, statt es zu lösen.

Auch für Minister Aeikens bringt die Deichrückverlegung Natur- und Hochwasserschutz zusammen. »Der Auenwald profitiert von der Renaturierung, wir profitieren durch den besseren Schutz vor Deichbrüchen durch größere Überflutungsflächen«, ist er sicher. Überdies gehörten zum Projekt auch die Neubegründung von Auenwald, der Neubau eines sicheren Elbedeiches, die Reaktivierung von Hochflutrinnen durch Absenkung von Forstwegen sowie die Schlitzung der Sommerdeiche.

Wenn aber BfN-Präsidentin Jessel gleich noch von einem »wesentlichen Beitrag zur Zukunftssicherung der gesamten Region« schwärmt, schwellen den Bauern und auch vielen Bewohnern in den 27 Dörfern entlang der betroffenen Elbabschnitte die Zornesadern. »Hochwasserschutz als Deckmantel. Ihr wohnt ja nicht hier«, hatten sie zum Baustart im Herbst auf eine Blechwand gepinselt. Denn wohlweislich habe man die Leute vor Ort nie wirklich gefragt, schimpft Landwirt Knopf. Er sieht sich stattdessen jetzt als »Naturschutzverhinderer« abgestempelt.

Vor allem die lasche und teils sehr späte Information der Deichanrainer stößt vielen bis heute auf. Im Grunde habe man mit ihnen erst gesprochen, als der Deichrückbau schon beschlossene Sache war, erregt sich auch Klaus Nicke. Da sei schon etwas dran, räumt auch Heinz Vierenklee ein. Dennoch mag der Geschäftsführer des regionalen Bauernverbandes »Anhalt« diese Schelte nicht pauschal bestätigen. Denn von Beginn an gehört er einer projektbegleitenden Arbeitsgruppe aus Politikern, Umweltexperten und Wirtschaftsvertretern an, »die stets über alle Entwicklungen in Kenntnis gesetzt wurde«, versichert er. Und wenn man das Vorhaben halt nicht verhindern könne, müsse man zumindest das Beste daraus machen, gibt sich Vierenklee pragmatisch. Im Übrigen würden betroffene Landwirte, denen Äcker verloren gehen, entschädigt und bekämen vom WWF auch Ausgleichsflächen angeboten.

Mehr ärgert Vierenklee dagegen die lange Zeitspanne vom Projektbeginn im Jahre 2001 bis zum Baustart. Denn in den acht Jahren, die der WWF brauchte, um Planungs- und Finanzierungssicherheit herzustellen, hätten auch die Baukosten enorm angezogen. Weiteres Ungemach droht der Region auch durch ein vom Naturschutzbund (NABU) erwirktes Gerichtsurteil, wonach die Erdmassen nicht wie geplant über die Elbe angelandet werden dürfen – hierfür hatte sogar der WWF plädiert. Nun aber bedeutet diese den Bau neuer Wege und teils geteerter Straßen, über die dann jahrelang schwere Kipper donnern. Und dies geschehe damit zwangsläufig auch sehr zu Lasten der hiesigen Landwirte wie überhaupt der Menschen in der eigentlich geschützten Elbaue, so der Mann vom Bauernverband.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen